Der Heilige Benno aus evangelischer Sicht

von Pfarrer Dr. Jens Bulisch, Putzkau

Der heilige Benno – evangelisch und katholisch?

Mindestens ebenso kräftig wie die Hammerschläge 1517 an der Schloßkirchentür zu Wittenberg waren die Worte, die Martin Luther sieben Jahre später anläßlich der Heiligsprechung des Meißner Bischofs Benno (geb. vor 1066, gest. 1105/07) fand. Die Worte des Reformators waren weder zurückhaltend noch fein gewählt. Er wetterte „wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden“ (Wittenberg 1524). Mit spitzer Feder geißelte er die Verurteilung von Jan Hus und Hieronymus von Prag (1415) und stellte sie der Erhebung Bennos gegenüber: „nun erhebt er [der Papst] Benno dagegen, ja den Teufel selbst. Es ist der Päpste sonderliches Amt, sie müssen also tun: rechte Heilige umbringen, falsche Heilige aufbringen; Gottes Wort verdammen, ihre eigene Lehre bestätigen.“ Luther erkannte zwar die kirchenpolitische Brisanz der Heiligsprechung Bennos, doch in den persönlichen Ausfällen gegenüber dem Meißner Bischof überzog er deutlich. In der Tat gewann der Konflikt seine Schärfe durch die innersächsische konfessionelle Spannung zwischen dem albertinischen Herzogtum und dem ernestinischen Kurfürstentum. In diesen Kontext müssen wir die Auseinandersetzung um Benno stellen.

Der altgläubige Herzog Georg betrieb von Dresden aus die Heiligsprechung Bennos auch, um den Lauf der Reformation durch Sachsen, die von seinem Wittenberger Vetter Friedrich dem Weisen gefördert wurde, aufzuhalten. Indem er die Heiligsprechung forcierte, setzte Georg damit eindeutig Signale in Richtung Wittenberg. Obzwar er selbst eine innerkatholische Reform für notwendig hielt und sich auch persönlich für sie einsetzte, war er für den Wittenberger Weg nicht zu gewinnen. Die Erhebung Bennos von Meißen war daher eine kirchenpolitische Richtungsweisung im albertinischen Sachsen. Die eigentliche – historische – Gestalt des früheren Meißner Bischofs und seine Leistung gingen in diesen konfessionellen Grabenkämpfen verloren und wurden durch andere Interessen überlagert.

Wahrscheinlich stammte Benno aus einem nordthüringischen Grafengeschlecht. Als er 1066 zum Bischof von Meißen erhoben wurde, war er Kaplan und Kanoniker des Pfalzstifts St. Simon und Judas in Goslar. Seine Wirkungszeit als Bischof fiel zusammen mit dem sogenannten Investiturstreit, der den mächtigen Kaiser immerhin bis nach Canossa führen sollte, was damit zur Chiffre für einen politischen Bußgang wurde. Gleichwohl der Chronist Lampert von Hersfeld Benno bescheinigt, friedliebend gewesen zu sein und kriegerische Auseinandersetzungen entschieden abgelehnt zu haben, war es für einen Bischof und Reichsfürsten geradezu aussichtslos, sich dem Konflikt zwischen Kaiser und Papst zu entziehen und Farbe zu bekennen. In den unübersichtlichen Verhältnissen finden wir Benno auf der Seite, die sich gegen die Reichs- und Kirchenpolitik Heinrichs IV. entschieden hatte. Für diese Haltung zahlte Benno zeitweise mit Gefangenschaft und Absetzung.

Nach seiner Freilassung gelang es ihm jedoch, wieder als Bischof von Meißen eingesetzt zu werden, die kirchlichen und politischen Zerwürfnisse in seinem Bistum zu schlichten und sogar den Frieden zwischen den aufständischen Sachsen und dem Kaiser zu vermitteln. In diesen Rahmen gehört auch die bekannteste Legende, die sich um die Gestalt des Meißner Bischofs rankt und ihm die Attribute Fisch und Schlüssel zuordnen: Vor seiner Abreise aus Meißen habe Benno den Schlüssel zum Dom in die Elbe geworfen, damit nicht Unberufene sich seiner bemächtigten. Als Benno nach seiner Freilassung nach Meißen zurückkehrte, habe man den Fisch gefangen und in seinem Bauch den Schlüssel gefunden. Benno konnte wieder als Bischof in den Dom einziehen.

Die eigentliche Leistung Bennos liegt darin, sein Bistum durch die aufregenden und wechselvollen Zeiten geführt und nicht unerheblich zu seiner Stabilisierung beigetragen zu haben, die kirchlichen Verhältnisse geordnet und den Spagat zwischen königlichen und geistlichen Ansprüchen ausgehalten zu haben. In seinem letzten Lebensjahrzehnt widmete er sich ganz seinem Bistum und dessen geistlicher Führung. Sein eigentliches Todesdatum liegt im dunkeln. Er starb zwischen 1105 und 1107 und wurde in seiner Bischofskirche bestattet. Nach dem Tode des altgläubigen Herzogs Georg (1539) wurde sein Grab zerstört, die Gebeine wurden zunächst in Stolpen und Wurzen aufbewahrt und 1576 dem Bayrischen Herzog überlassen, der sie nach München brachte. Seitdem ruht Benno als Stadtheiliger von München in der Frauenkirche.

Obgleich Luther für Benno selbst keine lobenden Worte fand, waren ihm die Beispiele der Heiligen als Vorbilder vor Augen, weshalb er seine Streitschrift von 1524 mit den Worten schließt: „Hier siehst du, daß kein Heiliger wird angerufen, aber Gott in denselbigen gelobt, daß er ihnen solches Gut verheißen und getan hat, uns zu erwecken, auch solche Gnade bei ihm allein mit aller Zuversicht zu suchen. Dazu uns genugsam ist der einige treue Mittler Jesus Christus, der Heilige aller Heiligen; dem allein sei Lob und Ehre mit dem Vater und heiligen Geiste in Ewigkeit. Amen.“ Ähnlich formuliert auch die grundlegende Bekenntnisschrift der Evangelisch-Lutherischen, die Augsburger Konfession (1530): „Vom Heiligendienst wird von den Unseren also gelehret, daß man der Heiligen gedenken soll, auf daß wir unsern Glauben stärken, so wir sehen, wie ihnen Gnad widerfahren, auch wie ihnen durch Glauben geholfen ist; darzu daß man Exempel nehme von ihren guten Werken, ein jeder nach seinem Beruf.“

Die Zeiten der scharfen Waffen sind vorbei. Beide Konfessionen haben voneinander lernen können. Evangelische Christen dürfen Heiliger in Ehren gedenken im Wissen darum, daß sie den Weg zu Christus nicht verstellen, sondern durch ihr Leben und Beispiel verdeutlichen. Dies wäre auch im Sinne Bennos, der sich Zeit seines Wirkens als Bischof gemüht hat, Menschen den Weg zu Christus zu zeigen. Die Polemik der Jahre 1523/24 ist nicht nur zu relativieren und in ihren historischen und heute überholten Kontext zu verweisen, sondern zugleich kann Benno von Meißen für Sachsen beider Konfession zu einer Brücke werden. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, daß das Wort Gottes in den Lausitzen hörbar wurde, und kirchliche Strukturen geschaffen, das lebendige Wort Gottes zu vermitteln. An dieser Stelle können wir dankbar sein und uns zugleich gerufen wissen, dieses Wort hörbar bleiben zu lassen.


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