Predigt von Prälat Hermann Scheipers und Gebet von Bischof Joachim Reinelt

bei der Abschlussandacht zur Seligsprechungsfeier von Alojs Andritzki am 13. Juni 2011, 15 Uhr, in der Dresdner Kathedrale

Prälat Scheipers

 
„Du, wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben“
Predigt von Prälat Hermann Scheipers


Liebe Schwestern und Brüder,

KZ, jeder denkt sich das seine dabei. Die meisten haben die Vorstellung: die böse SS, die armen Gefangenen. Das ist falsch. Es gibt – das wissen die wenigsten – das teuflische System der Funktionshäftlinge und Capos auf den Arbeitsstellen.

Wir 3000 Priestergefangenen in Dachau standen praktisch zwischen zwei Fronten. Diese Funktionshäftlinge waren Mitgefangene. Das war für mich das große Erschrecken, dass diese Mitgefangenen, die uns hätten helfen müssen, zu unseren Feinden wurden. Das wir zwischen zwei Fronten uns bewegen mussten, die beide gefährlich waren, die SS und die Funktionshäftlinge und Capos.

Und der heutige Tag, an dem unser seliggesprochener Alojs Andritzki uns vor Augen steht, dieser heutige Tag ist wie ein Symbol für mich, ein Symbol für die Situation aller Gefangenen dort in Dachau.

Bei ihm war es besonders krass. Meistens haben die Funktionshäftlinge, die also selber zu Verbrechern wurden, um ihre Privilegien zu erhalten, meistens haben sie im Auftrag der SS gemordet oder schikaniert. Bei Alojs Andritzki aber ist der besondere Fall, dass der Obercapo des Krankenreviers, auf dem er lag, aus Hass gegen die Kirche oder gegen die Priester ihm von sich aus die Giftspritze gegeben hat. Denn Alojs hatte gebeten um einen Priester, weil es ihm sehr schlecht ging und er dachte, er muss sterben.

Im ganzen Lager war es strengstens verboten, irgendwelche religiösen Tätigkeiten. Natürlich auf unserem Priesterblock, das hatte vor allem Bischof Wienken durch seine Verhandlungen erreicht, da konnten wir uns religiös betätigen so viel wir wollten, aber nicht außerhalb.

Und dieser dumme Kerl, der kommunistische Stubenpfleger, meldet das dem Obercapo vom Krankenrevier. Und das war ein österreichischer Pfaffenfresser, wie wir sagten. „Was, a Pfaffen will er habe, a Spritzn kriegt er“, das war seine Reaktion. Und das war der Tod, der gewaltsame Tod von Alojs Andritzki.

Lieber Alojs, du bist mein Mitgefangener gewesen und mein Freund. Du bist es noch mehr geworden, als du umgebracht wurdest, denn - das werde ich nie vergessen - du sagtest zu mir kurz vor der Einlieferung ins Krankenrevier einen Satz, den ich nie vergessen werde. Du hast mir zugerufen: „Du, wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben“.

Es ging zwar nicht so in Erfüllung, wie es Alojs sich gewünscht hatte. Ich kam auf eine andere Krankenstube. Aber das, was er wollte, durch das Wirken des Hl. Geistes, der ja die Einheit der Menschen will, durch das Wirken des Hl. Geistes hast du dann mir weiter geholfen. Diese Gemeinschaft, die du dir gewünscht hast mit den Worten: „Du, wir wollen sehen, das wir zusammenbleiben“. Diese Worte sind ein Zeichen dafür, dass die Gemeinschaft geblieben ist. Und sie hat mir genutzt in allen weiteren Gefahren der KZ-Zeit, die ich noch durchmachen musste. Ganz besonders aber habe ich es gespürt bei meiner waghalsigen Flucht aus dem Todesmarsch, als das Lager evakuiert werden sollte. Da kann ich mich sehr gut erinnern. Da hat man zweimal auf mich geschossen und ich musste fliehen und mich verstecken in einem Gebüsch. Und in der Angst vor dem Spürhund, den sie auf mich losschicken wollten, habe ich damals den Psalm 91 gebetet, den Schluss vor allem. Das war mir ganz präsent. Das war ein Geschenk Gottes:

Seinen Engeln hat er befohlen um deinetwillen,
dich zu behüten auf allen Wegen.
Auf ihren Händen sollen sie dich tragen,
auf dass dein Fuß nicht stoße an einen Stein.
Über Nattern und Ottern wirst du schreiten,
treten auf Löwen und Drachen
Weil er mir anhängt, [heißt es weiter] will ich ihn erretten.
Ich schütze ihn, weil er meinen Namen kennt,
ruft er mich an, so will ich ihn erhören,
ja, ich bin bei ihm in all seiner Not.
Ich will ihn retten aus seiner Drangsal.

Und damit schließt dann der Psalm:

Ich will ihn sättigen mit langem Leben und ihm erweisen mein Heil.

Ich konnte damals nicht ahnen, dass dieses Wort, das mir präsent war in meinem Gebet, dass das auch für mein Erdenleben in Erfüllung geht.

Und so stehe ich heute vor euch als der letzte, buchstäblich der letzte aller Priesterhäftlinge von ganz Westeuropa. Es lebt niemand mehr, außer einigen Polen noch, die bereits mit 15 Jahren verhaftet worden sind. Und ich habe von Gott sozusagen den Auftrag, das alles, was ich erlebt habe, den Jugendlichen vor allem nahezubringen durch meine Vorträge.

„Du, wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben.“ Du, lieber Alojs, hast es gefügt, dass mein Erdenleben so lange dauern würde, dass ich im nächsten Monat schon meinen 98. Geburtstag feiere. Dass dies lange Erdenleben auch zum Zeugnis wird für viele, viele. Ich habe nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA und in Spanien und in Holland und in vielen anderen Ländern Vorträge gehalten und das dann den Menschen vermittelt: Seinen Engeln hat er befohlen um deinetwillen! Das gilt ja für uns alle.

„Du, wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben.“ Ich habe jetzt nur noch eine Bitte, lieber Alojs: dass du zur Vollendung bringst, was du damals gesprochen hast. „Wir wollen sehen, dass wir zusammenbleiben“ in alle Ewigkeit, Amen.

 

 
Gebet des Bischofs
(ex corde)

Gelobt und gepriesen sei ohne End
(Alle:) Jesus Christus im allerheiligsten Altarsakrament.
Vor diesem Allerheiligsten, vor dieser Monstranz
hast du, Alojs, in Schmochtitz gebetet.

Du bist uns vorausgegangen als Sieger über Sünde und Leid.
Durch den Tod hindurch zu einen Leben, das immer bleibt.
Auch wir, jeder einzelne von uns, und wir alle gemeinsam,
wollen hoffen, dass wir immer zusammen bleiben.
Hilf uns, dass wir nicht getrennt werden in irgendeinem Augenblick unseres Lebens von deinem Herrn und Meister, den du so sehr geliebt hast.
Zusammen mit dir, Hand in Hand, und allen Heiligen des Himmels
knien wir nieder vor dir, Jesus Christus, unserem Herrn,
um den Vater zu ehren
in der Kraft des Heiligen Geistes, dessen Fest wir heute feiern.
Dein Volk liebt dich, dein Volk steht zu dir, untrennbar.
So wünschen wir es uns für alle Tage unseres Lebens.
Gib uns die frohe Herzensbotschaft, die Alojs so sehr getrieben hat,
die Wahrheit allen weiter zu verkünden.
Gib uns die Freude am Glauben; Tag für Tag neu.
Und nimm uns auch an mit unseren Schwächen und Armseligkeiten.
Wir wissen auch aus seinem Leben, dass du heilig machst, dass du rettest
und wir nie aus eigener Kraft das vermögen zu tun, wozu du uns bestimmt hast.
Stärke uns, den Willen des Vaters Tag für Tag neu zu erfüllen,
anzunehmen und geradezu zu umarmen.
Was immer in unserem Leben auch geschehen mag:
dir, Jesus Christus, angebetet durch deinen Diener,
unseren Märtyrer und Priester Alojs,
und deinem Vater im Heiligen Geist
sei Ehre, Lob und Preis in alle Ewigkeit.
Amen



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