Predigt von Bischof Reinelt zur Seligsprechung Alojs Andritzkis

am 13. Juni 2011 in Dresden

Bischof Joachim Reinelt

Bischof Joachim Reinelt

„Dies ist der Tag, den Gott gemacht hat“. Nur einmal in der über 1000-jährigen Glaubensgeschichte unseres Landes wurde vor 500 Jahren unser Diözesanpatron Bischof Benno zur Ehre der Altäre erhoben. Zum ersten Mal aber dürfen wir das heiligende Wirken Gottes in einem Märtyrer feiern, der in diesem Land geboren und zu einem Leben in Gott aufgestiegen ist, wie es nur durch den Heiligen Geist gewirkt sein kann.

Zu allen Zeiten der Geschichte unserer Kirche waren die Märtyrer Signale des Neubeginns. Der selige Alojs Andritzki wollte in heiliger Begeisterung Sämann des Wortes Gottes sein für die ganze Welt und für eine erneuerte Kirche. Aber er verstand im Polizeigefängnis von Dresden sehr bald, dass ihn Jesus Christus zum Samenkorn bestimmt hatte. Die Kirche der Märtyrer ist immer eine Kirche der Aussaat. Nach dem Winter der menschenverachtenden Ideologien mit Millionen Opfern ist es heute an der Zeit, dass wir den eingebrachten Samen endlich kommen lassen. Das will Gott. Die Kirche der Märtyrer trägt immer Frucht, weil Blutzeugen des Glaubens nicht für eine Idee  sterben, sondern für Christus, der als Erster  Samenkorn für die ganz neue Ernte ist. Leben verlieren, um Leben zu gewinnen. Alojs beschrieb es so: „In den Staub gebeugt und doch voller Leben“.  Das ist Größe, Größe Gottes in einem jungen Priester.

Die Hölle der KZs und der Gulags hatte einen teuflischen Hintergrund. Die Mächtigen glaubten nicht, dass sie sich für ihre Grausamkeiten vor Gott zu verantworten haben. Sie hassten die Kirche.  Nach der Parole Rosenbergs, „die christlich-jüdische Pest wird zugrunde gehen“, ermordeten die Nazi 4000 katholische Priester. Besonders das KZ Dachau war für  2700 katholische Priester ein für uns unvorstellbarer Ort der Quälereien, der brutalen Erniedrigung  und der Rechtlosigkeit. Über 1034 dieser Priester kamen dort ums Leben. Wie konnte Alojs mit seinen 28 Jahren diese härteste Zeit seines Lebens so gefasst und vorbildlich bewältigen, dass einer seiner Mitbrüder ihn als den Besten im Priesterblock bezeichnete? Woher hatte er die Kraft, noch bei der schlimmsten Drecksarbeit ein helles Gesicht zu zeigen? Dort, wo der Mensch instinktiv zuerst ans Überleben denkt, hat er versucht, andere froh zu machen und zu trösten. Woher kam ihm die Kraft?  In einem seiner beeindruckenden Briefe erschließt sich uns die Quelle, aus der er schöpfte: „Wenn der Herr scheinbar sein Antlitz von uns gewendet hat und wir gleichsam zu Boden gedrückt sind, lassen wir uns nicht beirren in der Liebe unseres himmlischen Vaters.“   Unbeirrt an die Liebe des himmlischen Vaters in dieser Situation  glauben, das befähigt zum Martyrium. Allein so kann man in der Hölle siegen. Die menschlichen Kräfte allein wären völlig überfordert. 

Die Liebe Gottes hört nie auf, auch nicht im KZ. Wer das glaubt, bleibt stark. Stark bis in den Tod. Es ist der SS nicht gelungen diesen jungen Sorben klein zu kriegen. Im Gegenteil ermutigte er  schwer leidende Mitbrüder mit seiner sympathischen Freundlichkeit, Humor, Akrobatik und jugendlichen Frische. Er lebte, wie es schon Isaak, der Syrer, in Worte fasste: „Lass dich verfolgen, aber verfolge du nicht. Lass dich kreuzigen, aber kreuzige du nicht. Lass dich beschimpfen, aber beschimpfe du nicht“.  Wahrlich bewundernswert. Der Hl. Geist hat ihm Talente und Gnadengaben geschenkt, für die wir den Vater aller Menschen preisen. Seligsprechung ist unser Deo gratias, Dank sei Gott. Im seligen Alojs zeigt uns Gott sein Antlitz, das Antlitz der Liebe.  Dieser erste Sachse, der zur Ehre der Altäre erhoben wurde, lässt uns erkennen, welche Größe Christus den Menschen zugeordnet hat. Dieser erste Sorbe, der nun seliggesprochen ist, zeigt uns welche Glaubenskraft aus einer lebendigen Gemeinde und einer für Gottes Liebe bereiten Familie erwachsen kann. „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt“(Phil 4,13). Märtyrer können eben nein sagen zu faulen Kompromissen und mit Leidenschaft ja sagen zu den Konsequenzen des Evangeliums. Wir brauchen heute diese Vorbilder, die über das Mittelmaß hinausreichen. Heilige sind nicht Typen mit frömmlerischem Gehabe.

Heilige sind Kämpfer. Sie haben, wie der hl. Paulus sagt, „den guten Kampf gekämpft,… die Treue gehalten“ (2 Tim 4,7). Glaube ist eben nicht Spaziergang, sondern Wettlauf. Der Wunsch nach einem gemütlichen Glauben und einer verbrauchergerechten Kirche widerspricht dem Wort Gottes.  Nein, heilige Kämpfer müssen trainieren, mit Ausdauer. Und wer aufs Siegerpodest kommt, das bestimmt Gott allein und nicht der Applaus der Vielen.

Heilige sind Menschen der Freiheit. Sie sind befreit von der Sucht nach Macht und Reichtum. Sie sind gelöst von der ständigen Gier nach Akzeptanz. Diese Freiheit von sich selbst macht Platz für den Nächsten. Sie lachen mit den Lachenden und weinen mit den Weinenden. Die eigenen Probleme bekommen den letzten Platz. Dieses befreite Menschsein lässt eine Freude zu, die uns in Zukunft immer wieder an das besondere Charisma unseres jungen Märtyrers erinnern wird. „Die Freude an Gott ist unsere Stärke“  (vgl. Neh 8,10).

Heilige glühen für die Wahrheit. Es darf doch nicht genügen, dass in irgendeinem Satz so grade noch ein Fünkchen Wahrheit  drin ist. Halbe Wahrheiten sind meist die gefährlicheren Lügen. Wahrheit duldet keine Abstriche. Zumal die grundlegenden Wahrheiten nicht von uns erfunden, sondern von Gott vorgegeben sind. Gegeben von dem Einzigen, der sagen darf: „Ich bin die Wahrheit“. Um der Wahrheit willen, die die Feinde der Kirche nicht ertrugen, kam der selige Alojs in Haft und schrieb von dort: „…mir ist Gelegenheit geboten, diesen Weg der Heiligkeit zu gehen. Ich will ihn gehen so froh und freudig, als es mir nur möglich ist, denn es gilt ja, mit Gott eins zu werden.“   So verwirklichte sich in ihm das Gebet Jesu: „Heilige sie in der Wahrheit“  (Joh 17,17).

Heilige sind demütig. Alojs wusste, dass Heiligkeit nicht seine eigene Leistung ist. Heiligkeit ist  Geschenk, Gnade. Heilige sind auch deshalb demütig, weil sie ihre Sünden und Schwächen deutlicher erkennen als andere. Aber sie vertrauen auch der Zusage Gottes: „Der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr“ (1Kor 3,17). Diese Zuversicht dürfen wir alle haben.

Heilige werden dringend benötigt. Sie können bewirken, dass unsere Gesellschaft nicht bedrängt vom Sinnlosigkeitsgefühl auseinander fällt. Wenn die einende Kraft der Märtyrer sogar im KZ den Zusammenhalt und die Freundschaft der Leidensgefährten ermöglicht hat, müsste dieser Dienst der Einheit durch Glauben doch erst recht in der freiheitlichen Gesellschaft gelingen. Die Welt von heute benötigt dringend Menschen mit Herz und Wärme. Kontaktstellen für Verbundenheit: Menschen, die andere wieder zusammen führen, Orte der tiefen, persönlichen Begegnung. Treffpunkte Gottes und der Menschen. Schwestern und Brüder, da sind wir dran, da haben wir Chancen. 

Mir erscheint das Bild von Alojs wie eine Herausforderung: Nun fangt doch an, will er uns sagen.  Es ist die Zeit, die Anker zu lichten und hinauszufahren ohne Furcht und auch gegen den Strom der Zeit. Diese Kathedrale erinnert uns an die Kirche als Schiff gegen den Strom. Wenn es schwer wird gegen die Strömung an zu kommen, können wir doch künftig damit rechnen, dass der selige Alojs rudern hilft. Wir dürfen ihn als Fürbitter vor das Boot Dresden-Meißen spannen. Er selbst zählte jedenfalls sehr auf die Fürbitter beim himmlischen Vater. Als sein Bruder im Krieg gefallen war und in Dachau sein Dresdner Mitbruder Diözesanjugendseelsorger Bernhard Wensch gestorben war, schrieb er voll Vertrauen: „Wie herrlich leben jetzt der liebe Bruder Alfons, wie freut sich jetzt Bernhard, der tapfer und schweigend ertragen hat – Vorbild für unsere Jugend - , dass er den guten Kampf durchkämpfte und jetzt schon die Krone der ewigen Herrlichkeit tragen darf. Alfons, Bernhard und all die anderen, die beim Herrn sind, sind unsere Helfer und Fürsprecher. Darum werden auch unsere Mütter allen Schmerz im Glauben an den Herrn überwinden“.

Alojs verstand sich offenbar eng verknüpft mit seinen Freunden im Himmel. So wollen auch wir es für immer halten. Leider können wir den 74 Heiligenfiguren von Lorenzo Mattielli auf dieser Kathedrale nicht eine von Alojs hinzufügen, aber wichtiger ist, ihn im Herzen mit nach Hause zu nehmen und ihn in unseren Gemeinden an zu rufen, (selbstverständlich nicht an- beten, denn Anbetung gebührt Gott allein).

Guter Gott, du hast uns mit dem seligen Alojs ein großes Geschenk gemacht. Wir preisen dich und danken dir. Amen.         



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