Heimat wächst dort, wo Menschen aufeinander zugehen

Weihnachtspredigt 2014 von Bischof Dr. Heiner Koch

Der Mensch braucht heimatliche Geborgenheit, ohne sie kann er sein Leben nicht zur Entfaltung bringen. Offensichtlich aber fühlen sich heute immer mehr Menschen heimatlos, zumindest befürchten sie, dass sie innerlich und manchmal auch äußerlich als Heimatvertriebene werden leben müssen. Kein Aufenthalt und kein Halt, der uns hält.Bischof Dr. Heiner Koch. Foto: S. Giersch

Weihnachten schauen wir auf eine heimatlose Familie. Christen knien vor ihr nieder, denn sie bekennen, in dieser Familie ist Gott ausgeliefert und abgewiesen, heimatlos und auf der Flucht. Tiefer kann Gott nicht mehr fallen. Weniger tief allerdings auch nicht, wenn er, wie der christliche Glaube bekennt und die Weihnachtsbotschaft verkündet, keinen Menschen jemals allein lässt, sondern mit ihm vertrieben und abgewiesen und auf der Flucht ist.


Die Sehnsucht nach Heimat prägt den Menschen

An diesen Schmerz des Heimatverlustes und an die Angst vor der Heimatlosigkeit musste ich denken, als ich in diesen Tagen Flüchtlingen aus dem Irak begegnete und die Menschen der PEGIDA-Demonstrationen hier in Dresden sah. Die tiefe Sehnsucht des Menschen nach Heimat prägt beide: die einen, verletzt durch furchtbare Erfahrungen in der verlorenen Heimat in der Vergangenheit, die anderen angstvoll im Blick auf drohende Heimatlosigkeit durch eine von ihnen befürchtete Überfremdung und Bürokratisierung.

Heimat aber ist nicht ortsgebunden, sie wächst immer mehr dort, wo Menschen aufeinander zugehen und einander annehmen, wo sie verstehen, tragen und manchmal auch ertragen, wo sie miteinander lachen und weinen, wo sie füreinander eine Heimat bilden und aufbauen oder – um im Bild der Weihnacht zu bleiben – wo sie füreinander eine Herberge sind. Heimat wächst, je mehr ich sie dem oder der Anderen schenke.


Heimat zerfällt, wenn wir die Türen schließen

Ich bin sicher, auch bei uns in Sachsen wird die Heimat wachsen, wenn wir sie einander schenken, und sie wird zerfallen, wenn wir die Türen schließen und die, die draußen stehen, in fremde Ställe weiterschicken. Wir leisten uns dann selbst einen höllischen Dienst und schaufeln unserer Heimat das Grab. Insofern, davon bin ich überzeugt, sind die Fremden, die Migranten und Asylanten, die zu uns kommen, Helfer beim Aufbau unserer gemeinsamen Heimat. Ohne sie wären wir ärmer, würden wir heimatloser.

Natürlich, hier auf Erden haben wir keine ewige Heimat. Wir sind eben „nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh, mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu“. Auf dem Weg dorthin aber können wir füreinander eine Herberge sein und vielleicht das Wunder der Weihnacht auch heute erleben, dass die fremde Familie, die wir aufnehmen, uns selbst zur Heimat wird.

 

So wünsche ich Ihnen von Herzen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest, Ihr

+ Heiner Koch, Bischof von Dresden-Meißen 



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