Nur stabile Paare gründen auch eine stabile Familie

Ökumenische Fachtagung der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen in Dresden

Dresden, 18.12.2015: Die kirchlichen Beratungsstellen Sachsens plädieren für einen Rechtsanspruch auf Paarbildung und Paar-, Ehe- und Lebensberatung als familienpolitische Leistung. Familienpolitische Maßnahmen sind in aller Munde, doch am Anfang jeder Familie stehe das Paar. Die Bereitschaft, sich zu binden und diese Bindung auch in Krisen nicht vorschnell zu Lasten aller wieder zu kündigen, brauche Unterstützungsangebote, wie sie die Ehe- und Lebensberatung vorhalte. „Doch das ist bei den politisch Verantwortlichen nicht im Blick. Paarbildung gilt als reine Privatsache. Dabei hat 'Paare stärken' etwas mit gesellschaftlicher Zukunft zu tun. Selbst wer nur rein volkswirtschaftlich denkt, sollte von den Ergebnissen unserer Untersuchungen nachdenklich gestimmt werden:  Die Qualität der Paarbeziehung hat neben der persönlichen und individuellen auch eine gesellschaftliche Dimension. Es kann uns als Gesellschaft nicht egal sein, wie es Paaren geht. Hier präventiv, also stärkend und stützend einzugreifen, damit Bindung gelingt, ist auch ein zutiefst politischer Anspruch“, sagte Dr. Franz Thurmaier vom Institut für Forschung und Ausbildung in Kommunikationstherapie e.V. in München. Er stellte im Rahmen eines gemeinsamen Fachtages der Katholischen und Evangelischen Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstellen im November in Dresden Ergebnisse vor, die deutlich zeigen, dass Paare, die präventiv Bildungs- und Beratungsangebote in Anspruch genommen haben, sich fünfmal weniger trennen oder scheiden lassen als andere Paare.

„Was sich scheinbar ganz privat in den Familien abspielt, hat auch Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Leben“, so Annette Buschmann, Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle der Stadtmission Chemnitz. Die erfahrene Ehe- und Lebensberaterin macht die Bedeutung der Paarbeziehung für die Gesellschaft an folgenden Punkten deutlich: „Da wäre erstens die sinkende Geburtenrate zu nennen. Nur Paare, die eine stabile Beziehung haben, haben überhaupt einen Kinderwunsch und verwirklichen ihn dann auch. 92% aller Erwachsenen nennen eine stabile Paarbeziehung als Voraussetzung für ein Kind. Und nur wenn die Paarbeziehung stimmt, geht es auch den Kindern gut. Partnerschaftskonflikte hingegen haben massive Auswirkungen auf die Kinder des Paares. Oft reagieren sie verstört auf die Situation ihrer Eltern und werden verhaltensauffällig.“

Und Therapeut Thurmaier ergänzt: „Ganz schlimm wird es, wenn es dann zu Trennung und Scheidung kommt. Die Scheidungs- und Trennungsfolgenkosten sorgen auch im Gesundheitssystem für eine Kostenexplosion: Herz-Kreislauferkrankungen, Suchterkrankungen, Depressionen bei den Erwachsenen, psychische Störungen schon bei Grundschulkindern. Und: In jedem dritten Scheidungsfall wird ein Partner zum Sozialhilfefall und gerät mit seinen Kindern in die Armutsfalle.“

Jeder Euro, der in die präventive Beratungsarbeit von Paaren gesteckt werde, die Hilfe suchen, sei eine unglaublich rentable Investition, so das Fazit des hochkarätig besetzten Podiums. Die Leiterin der Hauptabteilung Pastoral des Bischöflichen Ordinariates Elisabeth Neuhaus und Diakonie-Chef Christian Schönfeld plädierten daher für einen Rechtsanspruch auf Paarbildung und diese spezielle Form der Beratung. „Es gibt ihn ja auch bei der Erziehungsberatung. Das ist eine kommunale Pflichtaufgabe. Aber wenn diese in Anspruch genommen wird, ist das Kind oft schon in den Brunnen gefallen. Die vielen Inobhutnahmen von Kindern und die Begleitung vieler hochstrittiger Paare beweist es. Was tut die Gesellschaft also dafür, dass die Paare, die in den Beratungsstellen, für Seminare oder Beratung buchstäblich Schlange stehen, auch die Hilfe bekommen, die sie brauchen? Warum herrscht hier kollektives Wegschauen?  Ehe- und Lebensberatung hat die geringste öffentliche Förderung."

„Paare leben von Bindung und Beständigkeit – das sind Tugenden, die heute oft als Hindernis gelten. Massiver Zeitdruck, ein hohes Lebenstempo, das Diktat einer optimierten Lebensführung oder die allseits geforderte gute Performance setzen Paaren zu!“ Im Podium ist man daher überzeugt: „Es würde sich lohnen, Ehe- und Lebensberatung zu einer Säule der Familienpolitik zu machen und den Ausbau der Beratungsstellen voranzutreiben!“ Eine Mischfinanzierung aus Kassenleistung, Landesmitteln und Landkreisen wäre dabei sicher möglich, wenn der politische Wille vorhanden wäre.

Bislang stellen das Bistum Dresden-Meißen und die Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens hauptsächlich die finanzielle Mittel für die Arbeit der Ehe-, Familien- und Lebensberatung zur Verfügung.

Weitere Informationen: Fachreferent Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Dresden-Meißen, Andreas Groß, Tel. 0371/3556841; Diakonie Sachsen, Wilfried Jeutner, Tel.: 0351/8315-180               

S. Winkler    



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