Nachruf zum Tod Siegfried Hübners von Bischof Heinrich Timmerevers

Requiem am 4. Januar, 11 Uhr, in der Pfarrkirche Leipzig-Lindenau. 13 Uhr Beerdigung auf dem Friedhof in Plagwitz.

 „Wenn ihr alles getan habt,
was euch aufgetragen wurde,
sollt ihr sagen:
Wir sind unnütze Knechte.“   (Lk 17,10)

 

Siegfried HübnerDas Wort von den unnützen Knechten zitierte Dr. Siegfried Hübner selbst bei der Danksagung anlässlich seines diamantenen Priesterjubiläums im Jahr 2012, und er ergänzte: „Wir haben nicht alles getan.“ In dieser Demut hat er und hat ihn in seinem langen Leben vieles bewegt. Bis zuletzt mit
wachem Geist, bewusst und vorbereitet ist in den Morgenstunden des 24. Dezember 2017 für 

Dr. Siegfried Hübner Or

im Alter von fast 95 Jahren sein entscheidender dies natalis (Geburtstag) zu neuem und ewigem
Leben angebrochen.

Siegfried Hübner wurde am 9. Januar 1923 im erzgebirgischen Oelsnitz geboren. Während seiner Militärzeit lernte er das Leipziger Oratorium kennen. Nach dem II. Weltkrieg studierte er zusammen mit Franz Peter Sonntag und Wolfgang Trilling in Paderborn Theologie – im Jahre 1949 begannen sie zu dritt das Noviziat in der oratorianischen Gemeinschaft in Leipzig, die durch Kriegswirren und sowjetische Besatzung sehr klein geworden war. Danach ging Siegfried Hübner zum Studium nach Innsbruck, wo er seinem späteren Doktorvater Karl Rahner begegnete, dem er menschlich und theologisch zeitlebens verbunden blieb. Am 27. April 1952 wurden Siegfried Hübner, Franz Peter Sonntag und Wolfgang Trilling in Leipzig-Lindenau zum Priester geweiht.

In seinen Kaplansjahren in Naundorf wurde Siegfried Hübner 1961 Mitgründer des Pirnaer Oratoriums. Im Jahre 1965 war er Studentenpfarrer in Erfurt und Weimar, von 1966 bis 1975 Pfarrer in Pirna. In dieser Zeit arbeitete er bei der Meißner Synode  (1969-1971), die die Impulse des II. Vatikanischen Konzils auf die Diasporakirche hin konkretisierte, als Mitglied der Theologischen Kommission und bei der Klärung schwieriger Sachfragen mit.

Als er vom Rektor des Philosophisch-Theologischen Studiums in Erfurt, der heutigen Theologischen Fakultät, angefragt wurde, ob er zur hauptamtlichen Mitarbeit am Philosophisch-Theologischen Studium bereit sei, nannte er auf Anregung von Erfurter Professoren als Bedingung: „die Freiheit, auf der Grundlage der theologischen Überzeugungen zu wirken, die ich seit der Begegnung mit meinen Lehrern Gottlieb Söhngen und Karl Rahner vertrete“. Das beflügelte seine Beauftragung durch die Berliner Ordinarienkonferenz nicht unmittelbar, schließlich übertrug ihm Kardinal Bengsch als deren Vorsitzender aber doch  die Dozentur für Dogmatik und Ökumenische Theologie, die er von 1976 bis zu seiner Emeritierung 1987 innehatte.

Die Studenten hörten ihn gern und waren gebannt, wenn er zugleich stimmgewaltig und nachdenklich die Grundlagen einer Theologie erschloss, die ganz im Gefolge seiner Lehrer und des II. Vatikanischen Konzils stand.  Auch in Studentengemeinden, in Kreisen von Akademikern oder in Kursen zur theologischen Weiterbildung und Erwachsenenkatechse war er ein geschätzter Referent.  Siegfried Hübner hat wahrlich keine „Katechismus“-Theologie betrieben, sondern auf seine Art lebendig und anziehend an seinem Denken, Fragen und Suchen teilnehmen lassen, existentiell, nicht selten unbequem, aber authentisch. In dieser Weise blieb er auch im Ruhestand aktiv und hat Vorträge gehalten und Aufsätze veröffentlicht, die sich heutzutage als von ungeahnter Aktualität erweisen.

Für den katholischen Klerus in der DDR und viele theologisch interessierte Laien gab er Jahr für Jahr im St. Benno-Verlag das „Theologische Jahrbuch“ heraus, ein „Best of“ theologischer und philosophischer Aufsätze aus verschiedenen Zeitschriften und Publikationen im deutschsprachigen Raum, die für die ostdeutsche Leserschaft ansonsten unerreichbar waren. So konnten Interessierte den Kontakt mit der theologischen Diskussion im westlichen Teil Deutschlands und Europas behalten. Jedes Jahrbuch kann eine Geschichte hartnäckiger Auseinandersetzungen mit der Zensur der DDR-Regierung erzählen. Im letzten Band des Theologischen Jahrbuches 1991 hat er alle von den damaligen Machthabern in der Zeit der kommunistischen Herrschaft abgelehnten Aufsätze publiziert.

Neben seiner Lehrtätigkeit an der Erfurter Hochschule ist sein ökumenisches Engagement zu erwähnen. Er war mehrere Semester Dozent am sogenannten „Sprachen-Konvikt“, der evangelischen kirchlichen Hochschule in Ost-Berlin. Er gehörte viele Jahre zum Ökumenisch-Theologischen Arbeitskreis in der DDR und war von seiner Grundhaltung her ein „Dialog-Theologe“.

Das Fragen nach dem Geheimnis Gottes und das Suchen und Ringen um dieses Geheimnis war die Mitte seines priesterlichen Lebens und seines theologischen Denkens. Siegfried Hübner hat um die Sprach- und Glaubensnot der Diasporachristen gewusst, dahinter aber eine grundsätzliche Herausforderung an den Gottesglauben  und die Gottesrede wahrgenommen, die sich nicht auf den Diasporakontext eingrenzen lässt. So schreibt er: „Die Gottvergessenheit unser Zeit, auch inmitten der Kirche, hat ihren tiefsten Grund nicht im Menschen, sondern in Gott. Sie kann deshalb auch nicht durch etwas weniger Vergesslichkeit und etwas mehr guten Willen überwunden werden.“ Seine Schlussfolgerung ist, dass wir uns zu Gott bekehren müssen, wie er sich heute entdecken lässt: „Im Menschen, der wie Jesus am Kreuz nach Liebe und Leben ruft und im Menschen, der sich für andere hingibt und vertrauend in das Geheimnis Gottes fallen lässt, das aussieht wie das Nichts … Wir müssten daraus lernen, dass nach diesem Tode Gottes jeder Dienst am Menschen auch Gottesdienst ist“. Was Siegfried Hübner in hoher theologischer Reflektion formulieren konnte, das lebte er als wacher und zugewandter Gesprächspartner, der sein Gegenüber nicht mit seiner Kompetenz überwältigte, sondern die Haltung eines Hörenden einnahm, der bereit war, von jedem zu lernen. Auf dem noch immer anstehenden Weg der Aneignung des II. Vatikanischen Konzils war Dr. Siegfried Hübner ein Wegbereiter und -gefährte, auf den die Kirche in Mitteldeutschland mit großer Dankbarkeit schaut.

Die letzten Jahre hat Siegfried Hübner in Bad Gottleuba-Berggießhübel verbracht. Nun hat sich erfüllt, was er schon anlässlich seines goldenen Priesterjubiläums selbst formuliert hatte: „Ich täusche mich nicht darüber hinweg, dass das einzige, was nun noch vor mir liegt und wichtig ist, darin bestehen wird, diesen Weg des Glaubens zu vollenden – ins Geheimnis Gottes hinein.“

Das Requiem für ihn feiern wir am 4. Januar um 11 Uhr in der Pfarrkirche Liebfrauen in Leipzig-Lindenau, Karl-Heine Straße 110. Anschließend findet um 13 Uhr die Beerdigung auf dem Friedhof Leipzig-Plagwitz, Stockmannstraße 13, statt. Danach ist Gelegenheit zur Begegnung in den Räumen der Pfarrei St. Martin in Leipzig-Grünau, Kolpingweg 1.

Dresden, den 29. Dezember 2017

+ Heinrich Timmerevers
Bischof von Dresden-Meißen

 



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