„Der Seele Grund – Wegmarken der Mystik“

Seminartag am 13. Mai 2017 im Schloßbergmuseum Chemnitz

Philosophieprofessor Dr. Martin Thurner bei seinem Vortrag im Renaissancesaal des Schloßbergmuseums. Foto: Barbara Krauthakel

Philosophieprofessor Dr. Martin Thurner bei seinem Vortrag im Renaissancesaal des Schloßbergmuseums. Foto: Barbara Krauthakel

Chemntiz, 17.05.2017: Am Sonnabend, den 13. Mai 2017 nahm Philosophieprofessor Dr. Martin Thurner die Teilnehmer des Seminartages im schönen Renaissancesaal des Schloßbergmuseums in Chemnitz mit, um sich auf die Spuren der Geschichte der Mystik zu begeben. Dabei ging es vor allem darum, einen breiten Überblick über die Entwicklung und den Variantenreichtum der Mystik zu gewinnen. Sie ist keineswegs nur ein Phänomen antiker Mysterienkulte oder emotionaler und romantischer Strömungen des Christentums. Vielmehr folgt sie gewissen Prinzipien, bedarf sowohl des Denkens als auch des Fühlens und findet ihre Vertreter in allen Epochen und Weltanschauungen.


„Die göttlichen Dinge nicht nur erlernen, sondern auch erleben, um durch Mitfühlen mit diesen in einer Vereinigung mit ihnen vollendet zu werden“ – so definiert Dionysius Areopagita (ca. 5./6. Jhd. n. Chr.) das Anliegen von Mystik treffend. Das Erleben mystischer Momente und der Weg dorthin durch die Überwindung der Differenz zwischen Erlebendem und Erlebtem – hierauf lag der Fokus des Tages.

Kein ausschließlich christliches Phänomen

Mystik ist keinesfalls ein rein christliches Phänomen oder nur eine Verwandtschaft mit den Mysterienkulten der Antike. Vielmehr zeigte Prof. Dr. Thurner auf, dass die Grundlagen der Mystik schon auf Platon zurückgehen, der den mystischen Weg in seinem Sonnen- und im Liniengleichnis zugrunde legt, in welchen sich Erkenntnis und Sein von den irdischen Stufen hin zu den überirdischen Ideen und dem Guten schlechthin emporbewegen.

„Lass ab von Allem!“, sagt dann auch der antike Philosoph Plotin, wenn er Platons Dreischritt von Aufstieg, Vereinheitlichung und Verinnerlichung aufgreift, um ihn kurz mit Seele, Geist und Einem zu beschreiben. Dass das im Endeffekt auch ein Ablassen von Gott bedeuten soll, ist ein nicht immer unproblematisches Phänomen.

Die Aufgabe des Augustinus

Da wird auch klar, dass Augustinus eine nicht ganz einfache Aufgabe hatte, als er versuchte, diese philosophischen Ansätze in das Christentum zu integrieren. Denn wie passen etwa Trinität und Personsein Gottes mit dem Prinzip des Einen zusammen? Die Rückkehr zu Gott als personalem Du und als der Liebe schlechthin, die eine Einung ohne die Aufhebung der eigenen Personalität vermag, werden für ihn zur Fülle und zum eigentlichen Ziel des mystischen Prozesses.

Nach gutem Mittagessen, anregenden Gesprächen und Genießen der Frühlingssonne auf dem Schloßberg, begab sich Prof. Thurner ins Mittelalter zu den Höhepunkten mystischer Theologie mit Meister Eckhart und Nikolaus Cusanus. Ersterer nimmt das plotinische Schema auf und ordnet es ins Christentum ein, ausgehend vom Grundmotiv der Armut, die ihm als Dominikanermönch vertraut ist. Armut als Prozess des Loslassens und Einswerdens soll letztlich in einen vorkreatürlichen Zustand führen, in dem auch die Differenz zwischen Schöpfer und Geschöpf aufgehoben ist (eine nicht ganz unumstrittene These). Cusanus wiederum verortet Mystik in einer praktischen Andachtsübung, die bewusst werden lässt, dass Gott ein personaler und universaler Schöpfergott ist, der mich, aber auch jeden anderen anschaut, in welche Richtung er auch geht.

Spannend wird es noch einmal, wenn der neuzeitliche Vertreter Friedrich Nietzsche, der nun mit dem Christentum „nicht gar so viel am Hut hatte“, als Mystiker eingeordnet wird. In „Also sprach Zarathustra“ erlebt er in der Erfahrung des Schlafens in der Natur eine Mystik der Innerweltlichkeit, bei der die Bewegung nicht eine hin zu einem Transzendenten ist, sondern eine absteigende, in die Tiefe der Dinge selbst eintauchende Bewegung. Mystik muss also nicht jenseitige und mit schweren Begriffen gefüllte Theorie sein, sondern kann eine innerweltliche Vollkommenheit und spielerische Leichtigkeit beinhalten.

Vom Reden und Schweigen

„Was sich überhaupt sagen läßt, läßt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen“, ist wohl eines der berühmtesten Zitate des Philosophen Ludwig Wittgenstein, der als letzter Vertreter betrachtet wird. Es gibt in Sätzen Dinge, über die man nicht adäquat sprechen kann und deshalb lieber nichts darüber sagen soll. Dieses Ungesagte darf deshalb als das Mystische bezeichnet werden: „Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern dass sie ist.“ Denn über Gründe und Ursachen kann man ja nicht passend sprechen.

Das Seminar eröffnete einen breiten Horizont, der Mystik nicht nur am alkoholischen Berauschtsein eines Gottes Dionysos oder an den großen Frauengestalten der Mystik festmacht, sondern sie im philosophischen und christlichen Gedankengut von Antike bis Neuzeit verortet – mit einigen typischen Vertretern und eben auch einigen Überraschungen.

Die Mitarbeiter der Katholischen Akademie des Bistums danken Prof. Dr. Thurner für seine interessante Darstellung und bedanken sich ebenso beim Schloßbergmuseum und seinen Mitarbeitern für die organisatorische Unterstützung.

Barbara Krauthakel



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