Die Predigt von Bischof Heinrich zu Silvester 2016

gehalten am 31. Dezember in der Kathedrale Sanctissimae Trinitatis zu Dresden

Liebe Schwestern und Brüder!

Nur wenige Schritte von hier im Dresdner Schlosshof, befindet sich über dem Portal der Schlosskapelle eine geheimnisvolle Inschrift. Es sind die Buchstaben

V D M I E

Es ist eine Abkürzung und stellt ein Zitat aus dem 1. Brief des Apostels Petrus dar.

Verbum domini manet in aeternum.
Ins Deutsche übersetzt:
Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.

Ewigkeit, was für ein Wort! Ewigkeit, das bedeutet Unverrückbarkeit, Festigkeit und Beständigkeit. Ewigkeit, da bleibt alles verlässlich, auch wenn sich die Welt um einen herum verän-dert. „Ewigkeit“ ist eine Zusage, ist ein Geschenk, eine Gabe!

Worte wie Beständigkeit und Unveränderlichkeit sind Sehnsuchtsworte in unserer Zeit, in der es überall große Veränderungen gibt. Ein größerer Gegensatz ist nicht vorstellbar. Vieles um uns ändert sich. Dabei müssen wir uns ebenfalls ständig verändern, um mitzuhalten.

Veränderung, das war für mich persönlich das Wort des vergangenen Jahres!

Vor einem Jahr habe ich die Jahresschlussandacht in Vechta gehalten, mehr als 500 Kilometer von hier entfernt, und ich habe mir nicht im Entferntesten vorstellen können, ein Jahr später hier in Dresden zu wohnen und heute mit Ihnen diesen Gottesdienst zu feiern.

Sich zu verändern, ist nicht einfach. Es bedeutet, Liebgewordenes aufzugeben und sich in eine ungewisse Zukunft führen zu lassen. Wird es besser sein, oder: wird es wenigstens so gut sein, wie bisher?
Ich bin nun etwa vier Monate hier im Land und ich lerne noch. Ich habe viel zugehört, Politikern, Künstlern, Entscheidungsträgern. Ich bin vielen Menschen in unseren Pfarreien begegnet, habe ihnen zugehört und lerne mit ihnen und durch sie unser Bistum und unser Land kennen.

Die wichtigste Lektion, die ich in der kurzen Zeit meines Hierseins gelernt habe, hat mit der jüngeren Vergangenheit Ostdeutschlands zu tun. Die Friedliche Revolution in Ostdeutschland mit ihrem Gewinn der lange vorenthaltenen Freiheit war ein einziger Jubel. Sie war aber anschließend mit einem völligen Umbruch hier im Lande verbunden. Und das über Jahre hinweg. Über mehr als zwei Jahrzehnte.Bischof Heinrich in der Dresdner Kathedrale.
Ein neues Land, eine völlig neue Gesellschaft, ein neues Rechtssystem.
Es wurde buchstäblich alles anders. Es musste alles neu gelernt werden. Biografien bekamen ganz andere Richtungen. Erfolgsgeschichten wurden geschrieben, wie auch Geschichten von Enttäuschung und Niederlagen. In den Jubel traten dann aber auch Untertöne der Ernüchterung.
Was die Menschen hier, was Sie, liebe Schwestern und Brüder, in den reichlich zwei Jahrzehnten geleistet, wie Sie diese Veränderungen gemeistert haben, was im Westen übrigens kaum gesehen wird, ist großartig. Ich begreife diese Dimension jetzt langsam, und mein Respekt vor Ihrer Lebensleistung wächst.
Veränderung ist nicht einfach. Sie verlangt Kraft, sie bringt Gewinn, aber auch Verlust. Sie bringt Freude, aber auch Enttäuschung. Sie bringt Unsicherheit. Und: Veränderung bringt nicht nur Sieger hervor.
Der Weg, den Sie genommen haben, der Weg in die Freiheit, war mit der Übernahme von Verantwortung verbunden.
Freiheit kann man nur leben, wenn man Verantwortung übernimmt. Freiheit ist ohne Verantwortung nicht möglich. Verantwortung verlangt viel ab, Verantwortung übernehmen kann unbequem sein.
Ich glaube, dass für viele Menschen hier im Osten Deutschlands das Gefühl herrscht: „Irgendwann möchte ich mal ankommen, irgendwann möchte ich mal angekommen sein, mich zurücklehnen. Jetzt ist es endlich mal gut mit den Veränderungen. Lasst mich mal durchatmen und auch mal das genießen, was wir uns in harter Arbeit aufgebaut haben.“
Dieses Gefühl ist menschlich, es ist verständlich. Aber der Mensch lebt immer im Zwiespalt zwischen Festhaltenwollen und Loslassenmüssen. Man möchte gern festhalten, stellt aber das ganze Leben über fest, dass das nicht geht. Leben ist nicht Innehalten. Leben ist Veränderung.

Nun rollt eine neue Welle der Veränderung über unser Land und über unsere Biografien. Hunderttausende Menschen aus anderen Kulturkreisen kommen. Die Globalisierung lässt Grenzen aller Art verschwinden. Die Digitalisierung verändert diese Gesellschaft grundlegend. Alles um uns ändert sich, vielleicht nicht weniger dramatisch als nach 1990.
Ich nehme wahr, dass manche diese neuerlichen Veränderungen nicht mehr mitmachen können oder wollen. Wir müssen akzeptieren, dass es Menschen gibt, die neuerliche Verän-derungen nicht wollen oder auch ganz einfach nicht mehr können. Wir müssen denen solidarisch beistehen, die das nicht schaffen.
Und wir müssen denen die Hand reichen, die nicht wollen. Wir dürfen sie nicht ausgrenzen, nicht stigmatisieren. Sie gehören zu uns, sie sind unsere Nachbarn. Manches ist möglicherweise in den letzten Monaten falsch gelaufen. Man hat eben leider ausgegrenzt, stigmatisiert und dadurch polarisiert. Die Spaltung der Gesellschaft hat zugenommen. Die Veränderungen dieser Welt kann aber nur eine in sich solidarische Gesellschaft bewältigen.

Die Geschichte des Volkes Gottes, die Geschichte der Menschheit überhaupt ist immer die Geschichte des Unterwegsseins und des ständigen Veränderns. Man war nie irgendwann einmal angekommen, um „da zu sein“. Die Menschheitsgeschichte durchzieht diese Spannung, immer unterwegs sein zu müssen, aber auch ankommen zu wollen und endlich Ruhe vor Veränderungen zu haben.
Aber dieses Ankommen gibt es für uns Menschen hier nicht.

Wir hörten soeben den Bericht aus dem Matthäusevangelium, der von der Verklärung Jesu handelte. Jesus steigt mit Johannes, Petrus und Jakobus auf einen Berg. Die drei wissen nicht, warum. Aber oben begreifen sie es. Sie werden Zeugen eines gewaltigen Offenbarungsereignisses: Es erstrahlt ein überirdisches Licht, in das Jesus getaucht wird. Und es erscheinen Mose und Elia, die großen Helden aus dem Alten Testament, nach menschlichem Ermessen schon seit Jahrhunderten tot. Aber sie sind da, und Johannes, Jakobus und Petrus sind von der Macht dieses Ereignisses so ergriffen, dass sie den Moment festhalten und Laubhütten bauen wollen. Aber Jesus holt sie zurück. Er geht mit ihnen, als diese Erscheinungen vorbei waren, wieder den Berg hinunter.
Johannes, Petrus und Jakobus waren enttäuscht. Sie wollten den Augenblick festhalten, konservieren und mussten merken, es geht nicht. Nein, der Weg geht weiter, vom Berg hinunter in das Tal.
So ist es auch in unserem Leben. Wir können nicht festhalten. Wir müssen unterwegs bleiben, wir werden uns verändern, das kostet Kraft und macht Angst.
Wer sich verändert, muss Vertrautes und Gewohnheiten zurücklassen. Ich habe das im vergangenen Jahr für mich erlebt. Veränderung birgt auch die großartige Chance des Neuen. Ich finde mich jetzt an einem Ort, in einem Land, in einer Gesellschaft und einer Gemeinschaft vor, die ich heute als für mich außerordentlich bereichernd wahrnehme! Hätte ich zu meiner Wahl als Bischof von Dresden-Meißen NEIN gesagt, was wäre mir alles entgangen…

Vor wenigen Tagen haben wir in Ankündigung der Weihnachtsbotschaft das Wort des Engels gehört, das er zu Maria sagte: „Fürchte Dich nicht!“
Fürchte Dich nicht, denn hinter allem steht Gottes Wort. Das war die Botschaft. Und Maria, die in dieser Situation vollkommen verunsichert und sicher auch überfordert war, hat diese Situation angenommen. „Ja“, sagte sie, „mir geschehe nach Deinem Wort. Ja, ich habe Mut.“

Fürchte Dich nicht. Das war das Wort des Engels an Maria in dieser geschichtsträchtigen Situation. Und gleichermaßen: Fürchtet Euch nicht, das ist das Wort Gottes an uns. Das Ewige, das Beständige, wie es uns die Inschrift am Portal der Dresdner Schlosskapelle sagt.
Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.
Auch wenn uns die Welt verworren vorkommt, scheinbar aus den Fugen gerät, und wir oft genug verunsichert sind: Wir haben Gottes Wort. Wir haben seine Zusage. Fürchtet Euch nicht. Das ist unser Halt, aber auch unsere freudige Zuversicht. Dieses Wort des Herrn währt in Ewigkeit.
Es ist allerdings kein plakatives: „Alles wird gut.“ Nein. Gott gibt, er gibt mit vollen Händen. Aber er erwartet auch. Er nimmt uns in die Pflicht. Erst dann kann alles gut werden.

Wo werden Sie, liebe Brüder und Schwestern, in einem Jahr zu gleicher Zeit sein? Vielleicht wieder hier, vielleicht finden Sie sich aber auch an einem völlig anderen Ort, in einem ganz anderen Umfeld. Unser Leben ist ein großer Pilgerweg, und einen kleinen Teil davon bestimmen wir selbst, aber eben nur einen kleinen!
Leben kommt zumeist von außen, es ist ein Geschenk, eine Gabe!
Aber auch wenn wir uns im nächsten Jahr hier wieder zur Jahresschlussandacht treffen, wird es Änderungen gegeben haben. Jeder von Ihnen, auch ich, wird dann verändert sein. Und wieder haben wir erfahren, dass wir nichts festhalten können, nicht den Moment, nicht den Tag, nicht das Jahr, nicht unsere Familien und Angehörigen. Wir können sogar nicht mal uns selbst festhalten. Wir werden immer unterwegs sein, auf der irdischen Pilgerfahrt.

Doch! Eines können wir festhalten: Gottes Wort. Die Inschrift am Tor der Dresdner Schloss-kapelle zeigt uns den Weg. Und es ist noch mehr. Nicht nur wir können das Wort festhalten. Es hält uns fest. Wenn wir nur wollen.

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Liebe Brüder und Schwestern: Bleiben Sie sich treu. Vertrauen Sie auf Gottes Zusage. Haben Sie Mut. Und haben Sie Zuversicht. Sagen Sie JA. Fürchten Sie sich nicht. Und halten Sie sich an Gottes Wort. Wenn sonst nichts hält: Gottes Wort wird halten.

Gott begleite Sie mit seinem Segen für 2017!

+ Heinrich Timmerevers
Bischof von Dresden-Meißen




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