Predigt von Bischof Heinrich zum 13. Februar

am 13. Februar 2017 – Kathedrale Sanctissimae Trinitatis, Dresden

Liebe Schwestern und Brüder,

der 13. Februar liegt wie ein trüber Schleier über dieser Stadt. Das ist für mich deutlich spürbar. Als Dresdener Neubürger erlebe ich diesen Tag erstmalig, mir fehlen noch Detailkenntnisse der Stadtgeschichte und an Kenntnis Dresdner Befindlichkeiten.
Mir fällt auf, es ist in den letzten Tagen laut geworden in der Stadt.
Es gab Demonstrationen  und auch Gegendemonstrationen.  Dieser Tag irritiert, vor allem, wenn man ihn zum ersten Mal erlebt.
Ich wollte dem 13. Februar in Dresden auf die Spur kommen, um diesen Tag zu verstehen, auch, um diese Stadt zu verstehen.  Aus diesem Grunde habe ich mich in einer etwas ungewöhnliche Weise auf den heutigen Tag vorbereitet. Ich habe dazu an einer Stadtführung teilgenommen, die gerade nicht die touristischen Highlights Dresdens, sondern ausschließlich einige Erinnerungsstätten des 13. Februar in der Innenstadt in den Blick genommen hat.
Zuerst waren wir am Denkmal des „Großen Trauernden“, zwischen Frauenkirche und Brühlscher Terrasse. Ich war schon oft daran vorbeigelaufen, es ist mir nicht sonderlich aufgefallen. Ein Mann, der die Hände vors Gesicht schlägt und in sich versunken ist. So muss es den Menschen gegangen sein, die das zerstörte Dresden am Morgen des 14. Februars 1945 gesehen haben. Bischof Heinrich Timmerevers bei seiner Predigt zum 13. Februar. Foto: M. Baudisch
Weiter ging es zur Dresdner Synagoge, zur neuen und zum Denkmal der alten Synagoge, die 1938 in der Reichspogromnacht gewaltsam niedergebrannt wurde. Auf den ersten Blick hat das mit dem 13. Februar nichts zu tun, aber natürlich hat das damit zu tun. Der Krieg ging von Deutschland aus und kam nach Deutschland zurück. Der Krieg hatte nicht erst 1939 begonnen.
Als ich im Innenhof der Synagoge stand, fiel mir eine höchst eindrucksvolle Begegnung ein. Vor wenigen Tagen hatte ich mich mit dem Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde getroffen.
Er ist Jahrgang 1934 und hatte, wie er mir erzählte, als 10jähriger mit seiner Familie den Deportationsbefehl ins Konzentrationslager Theresienstadt bekommen, und zwar für den 16. Februar 1945. Dem konnte er entgehen, da die Zerstörung Dresdens am 13. Februar, also drei Tage vorher, ein entsprechendes Chaos ausgelöst hatte. Mehr sagte er dazu nicht, aber unausgesprochen kam die Botschaft über, dass der 13. Februar 1945 für ihn ein Tag der Rettung war. Das kommt einem nur schwer über die Lippen: Der 13. Februar 1945 - ein Tag der Rettung. Gegensätzlicheres kann es wohl nicht geben.  Er hätte es genau so formulieren können. Es wäre alles richtig gewesen. Aber er hat es nicht getan. Er hat an dieser Stelle ein besonderes Maß an Zurückhaltung geübt, wohl wissend, dass man eben mit Schweigen mehr sagen kann als mit wohlgesetzten Worten.

Dann standen wir vor der Dresdner Frauenkirche, dem zentralen Ort der Versöhnung. Ich kenne noch die Ruine der Frauenkirche, von meinen früheren Besuchen, den gewaltigen Trümmerhaufen in seiner bizarren Ästhetik und daneben der Rest des rußgeschwärzten Pfeilers. Heute sieht man in der neuen schönen Fassade der Kirche die dunklen, alten Steine als Narben.
Mir wurde bei diesem Stadtrundgang erzählt, dass sich beginnend 1982, noch in der Zeit der DDR, immer am Abend eines 13. Februars, nicht wenige Leute getroffen und Kerzen auf die Ruine der Frauenkirche gestellt und dann gebetet, und geschwiegen haben. Bemerkenswert ist, dass dieses am Dirigismus und an der Ideologie der offiziellen DDR vorbei möglich war. Leise singend seien die Leute dann auseinandergegangen. Eine atemberaubende Geschichte.

Dann ging die kleine Tour zum Dresdner Rathaus, davor sah ich das Denkmal der Trümmerfrau. Welche Einzelschicksale stehen dahinter, wo auch immer? Die Männer waren im Krieg, verwundet, getötet, bestenfalls in Gefangenschaft. Und die Frauen mussten sich der Last des Alltags, den Trümmern und dem Wiederaufbau stellen. Welche Lebensleistung!
Hinter der Trümmerfrau, an der prachtvollen Fassade des Rathauses, sah ich Wappen von Städten, die ein ähnliches Schicksal zu erleiden hatten, wie Dresden:
Leningrad, Breslau, Lidice, Coventry.
Das singuläre Ereignis des 13. Februars 1945 in Dresden wird plötzlich nicht mehr singulär. Es bekommt auch andere Namen.
Am Altmarkt sah ich den unscheinbaren Gedenkort, dort wo die Leichen verbrannt worden sind, die man infolge ihrer irrealen Vielzahl nach dem 13. Februar 1945 nicht einmal richtig begraben konnten. Wir mussten die Inschrift vom Schnee freikratzen, das war fast wie  ein Freikratzen von Erinnerungen!
Der Schluss dieses kleinen Rundgangs führte uns hierher, in die Kathedrale. In der Gedächtniskapelle sehen wir die Pieta, die Gottesmutter, im Schoß ihren toten Sohn Jesus. Eine Mutter trauert um ihren Sohn. Was gibt es mehr an Schmerz? Der Bildhauer Friedrich Press hat diese Pieta auf das Gedenken des 13. Februars hin gearbeitet. Die Gottesmutter hat ihre Hände nicht auf ihrem toten Sohn. Sie hält uns in ihren Händen etwas entgegen. Wir wissen nicht mit Sicherheit, was sie da hält. Der Künstler hat das offengelassen, man muss es für sich selbst interpretieren. Ist es die Dornenkrone, die Maria ihrem Sohn abgenommen hat? Oder sind es die Trümmer der Stadt Dresden, die sie uns entgegenhält?
Am Altar dieser Eckkapelle stehen zwei Daten. Der 30. Januar 1933 und der 13. Februar 1945. Der Krieg hat nicht erst 1939 begonnen.
Die Geistlichen dieser Kirche, wie der größte Teil der Gemeinde, sind in dieser Nacht ebenfalls ums Leben gekommen.


Traditionell wird der Gottesdienst zum 13. Februar in der Gedächtniskapelle eröffnet. Seit 1976 dient sie dem Gedächtnis der Opfer des 13. Februar und aller ungerechten Gewalt. Der Dresdner Bildhauer Friedrich Press (1904-1990) schuf mit der Schmerzensmutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält, ein beeindruckendes Mahnmal millionenfachen Leids. Foto: M. Baudisch

Traditionell wird der Gottesdienst zum 13. Februar in der Gedächtniskapelle der Kathedrale eröffnet. Seit 1976 dient sie dem Gedächtnis der Opfer des 13. Februar und aller ungerechten Gewalt. Der Dresdner Bildhauer Friedrich Press (1904-1990) schuf mit der Schmerzensmutter, die ihren toten Sohn auf dem Schoß hält, ein beeindruckendes Mahnmal millionenfachen Leids.   Foto: M. Baudisch

Ich habe bei diesem kleinen Stadtrundgang versucht, den 13. Februar zu finden. Was habe ich gefunden? An den ersten Stationen des Rundgangs habe ich noch Fragen gestellt, am Ende blieb:  das Schweigen.
Diese Orte als Erinnerung an die historischen Realitäten und Dimensionen des 13. Februars 1945  nehmen einem schlichtweg die Worte. Auf dem Altmarkt wurden mir Bilder von den tausenden, ums Leben gekommenen Menschen gezeigt, die dann hier später im Feuer ihr Grab gefunden haben. Im Denken daran verstummt alles! Da kann man wirklich nur noch schweigen!
Der Große Trauernde, im Angesicht der Zerstörung Dresdens, schlägt die Hände vors Gesicht. Er schweigt.
Die Gottesmutter Maria, hier in der Gedächtniskapelle der Hofkirche. Sie hat den Mund geschlossen. Sie schweigt.
Die Menschen, die am 13. Februar 1982 Kerzen vor der Ruine der Frauenkirche abgestellt hatten. Sie taten es schweigend. Offenbar hatte diese schweigende Würde das politisch Subversive ihres Tuns überlagert, denn die DDR-Behörden sind nicht dagegen vorgegangen.
Heute, 2017, soeben habe ich mit Tausenden von Menschen in der Menschenkette gestanden, schweigend, während die Glocken der Kirchen läuteten. Die Dresdner Menschenkette schweigt. Das macht Mut! Vielleicht braucht man an diesem Tag sogar Mut, um zu schweigen.

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben in der heutigen Lesung Worte aus dem Buch Kohelet gehört.
„Jegliches hat seine Zeit“, es gibt Zeit zum Reden und es gibt Zeit zum Schweigen“. Dieser eindrucksvolle Text wird oft als fatalistisch gedeutet.
Das ist er gerade nicht. Schweigen, wie es im Buch Kohlelet beschrieben wird, das ist eben nicht das Wegschieben von Realitäten. Schweigen ist nicht Totschweigen oder Verschweigen. Dieses Schweigen ist nicht das Ausweichen, es ist kein Verdrängen. Das Schweigen hat hier eine ganz andere Dimension. Das Buch Kohlet wurde im 3. Jahrhundert vor Christus geschrieben, kurz vor dem Makkabäeraufstand. In diesem Text trifft sich erstmalig die Theologie vom Einen Gott der Israeliten mit der griechischen Philosophie. Das Schweigen bekommt mit diesem Text eine neue Tiefe. Schweigen nicht als Stummsein, als bloße Abwesenheit von gesprochenen Worten. Schweigen vielmehr als Zwiesprache mit dem Einen Gott. Ein solches Schweigen ermöglicht: Reflexion.
Ein solches Schweigen ermöglicht ein: Innehalten.
Dieses Schweigen führt zur: Suche nach dem eigenen Ich.
Romano Guardini, ein großer Philosoph und Theologe drückt das folgendermaßen aus:
„Das Wort ist nur dann wesenhaft und mächtig, wenn es aus dem Schweigen kommt“.
Es gibt eine Würde, ja sogar eine Kultur des Schweigens.
Dieses Schweigen bringt uns die Möglichkeit, über Eigenes nachzudenken, über Schuld und Verantwortung im Kleinen und im Großen.
Es gibt Momente, da kann man mit Schweigen mehr sagen als mit Worten. Die Geschehnisse des 13. Februars sind mit einer kruden militärischen Logik vielleicht herleitbar, verstehbar sind sie jedoch nicht.
Liebe Schwestern und Brüder, zu diesem für Dresden geradezu existenziellen Tag finde ich keine Antwort. Ich kann Ihnen nur sagen, was für mich wichtig ist an diesem Tag und sicher auch wichtig bleibt. Schweigen. Nicht die schnelle Suche nach Erklärungen, Begründungen und Verstehensmustern. Ich muss für mich zulassen, dass es Dinge gibt, wie eben die Zerstörung Dresdens, die so groß und schwerwiegend sind und überfordern, so dass ich sie Gott übergebe. Bei ihm sind sie in guten Händen. Bei ihm liegt die Allmacht, nicht bei mir. Gott sei Dank.

1982 standen Menschen an der Ruine der Frauenkirche, mit ihren Kerzen und ihrem Schweigen. Nachdem sie die Kerzen abgestellt hatten, sind sie langsam gegangen und haben „Dona nobis Pacem“ gesungen – "Herr, gib uns Deinen Frieden.“ Diese Worte kamen aus dem Schweigen. „Das Wort ist nur dann wesenhaft und mächtig, wenn es aus dem Schweigen kommt“.
Dona nobis pacem. Gib uns Deinen Frieden
Sein Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Gewalt und Waffen. Sein Frieden ist Versöhnung. Göttlicher Frieden kann nur von Ihm kommen. Wir können diesen Frieden nicht selbst machen, wir müssen ihn erbitten und ihn uns schenken lassen.

Und so stehen wir am Gedenktag des unbegreiflichen 13. Februars mit Schweigen und der Bitte um den Frieden des Herrn. Sein Frieden ist die Antwort auf unsere Fragen. Auf die gesprochenen, auch auf die, die aus dem Schweigen kommen.
Ich lade Sie ein zu einem Moment des Schweigens!

Herr, gib uns deinen Frieden! Amen.



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