Tauchgang Taizé

Migration im Lichte der Einfachheit. Ein Bericht von Klara Otto.

Zwischen politischer Brisanz und persönlicher Glaubenserfahrung: An einer vom Vatikan angeregten Themenwoche zu Migration und Flucht in Taizé nahmen Mitte Juli Jugendliche und junge Erwachsene der Dekanate Chemnitz und Zwickau sowie deren Freunde teil.

Bei der Ausgabe der Essensmarken.

Bei der Ausgabe der Essensmarken in Taizé. Fotos: Johannes Köst

Taizé (Frankreich), 10.08.2017: Ein Hügel in Frankreich, dreitausend junge Menschen vom ganzen Globus, Männer in weißen, bodenlangen Gewändern, die zum Beten auf dem Boden sitzen und diese sich wiederholenden, meditativen Gesänge. Zu beschreiben, wie Taizé tickt, und wie Menschen dort eine neue Dynamik entwickeln, ist, als ob man eine Familiengeschichte zu erklären versucht. Viele Verflechtungen, die Geschichte, die Grundstimmung, innerer Frieden, ein Platz, an dem man ganz natürlich mittun kann, das Gefühl sein zu dürfen, wie man ist, diese Freude, die das Herz erfüllt – es ist ein Ort, der den inneren Panzer schmelzen lässt und so das Leuchten frei lässt.

Zwei Dinge beschäftigten mich: Zum einen natürlich, was die vielen Redner zum Thema Migration zu sagen hatten. Zum anderen, was so viele Menschen anzieht. Tausende junge Menschen aus der ganzen Welt pilgern jährlich nach Taizé. Was zieht sie immer wieder an? Und was haben der Vatikan, Europaparlamentarier, Geflüchtete, Freiwillige Helfer und jeder Einzelne von uns zu den Migrationsbewegungen der letzten Jahre zu sagen?

„Neue Solidarität“ durch Zeit für Begegnung – die Migrationswoche

Die Migrationswoche – was ist das? Neben dem Jugendtreffen bestand für Interessierte, Engagierte oder selbst Betroffene in der Woche vom 16. bis 23. Juli die Möglichkeit, sich in einer Arbeitsgruppe einzuschreiben, die sich intensiv mit dem Thema Migration auseinandersetzte.  Die Idee entstand im Kontakt zum Team der Abteilung für Flucht und Migration im Vatikan.

In Workshops, Reflexionsgruppen und Vorträgen sprachen Redner aus verschiedensten Kontexten: Neben dem Jesuitenpater Michael Czerny, Leiter der von Papst Franziskus initialisierten Koordinationsstelle der katholischen Arbeit mit Migration und Flucht und selbst Migrant, sprachen auch Hauptamtliche und Freiwillige Helfer von Organisationen wie „Caritas Europe“ oder dem „Jesuit Refugee Service“, dem Flüchtlingsprogramm der Jesuiten. Geflüchtete kamen genau so zu Wort wie Vertreter des Europaparlamentes.

Gemeinsames Mittagessen.

Gemeinsames Mittagessen.

„Ein Höhepunkt war definitiv die Geschichte von John Sentamu, Erzbischof von York“, resümiert Joshua Schwab, ein junger Salesianerbruder. Damals als Richter des obersten Gerichtshofs wurde der in Uganda geborene Sentamu im Gefängnis mehrfach fast zu Tode gefoltert, weil er sich dem Befehl des Diktators widersetzt hatte. Ihm gelang die Flucht nach England durch einen Studienplatz in Cambridge, wo er anglikanischer Priester wurde. „Es war eine Wonne, ihm zuzuhören. Er ist ein einfacher Mann, tief geistlich, froh und friedlich im Herzen. Er strahlt Hoffnung aus.“ – so spricht eine selbst geflüchtete Frau von ihm. Und tatsächlich ist der heute 68-Jährige, der gemeinsam mit einer Jugendgruppe aus dem Erzbistum York die Woche in Taizé verbrachte, nicht als Würdenträger zu erkennen und doch immer gefragter und begeisternder Gesprächspartner.

Pascal Brice, Leiter des französischen Migrations-Amtes OFPRA (Office for the protection of refugees and stateless persons) meisterte den „Spagat zwischen Menschlichkeit und Würde einerseits und Recht und Ordnung andererseits“. Er selbst besucht regelmäßig die Projekte und Lager im ganzen Land und stellt sich dort, wie auch in Taizé den Fragen und Anliegen der Geflüchteten.

Eindrücklich sprach auch Nemat, ein junger Muslim aus Afghanistan, der – nachdem 2015 sein Dorf attackiert wurde – flüchtete und im Jahr 2016 mit einer Gruppe Sudanesen in Taizé Aufnahme fand. Er erzählte, wie sich aus dem Dorf unerwartet viele Freiwillige gefunden hatten, den Männern bei der Sprache und den Papieren zu helfen und sich so ein ganz neues soziales Netz in Taizé bildete. Dankbar sagt er, wie willkommen und zuhause er sich fühlt und betont immer wieder, wie wichtig ihm die Einsicht geworden sei, dass Christen und Muslime zum gleichen Gott beten. An der langen Frage- und Antwortstrecke war zu erkennen, wie viele Zuhörer sich nach Erklärungen und wahren Geschichten sehnten. Vielleicht ein Anstoß für zuhause?

Eine unglaublich dichte Stimmung entstand. Das mediendominierende, brisante Angstthema wird konkret in greifbaren Personen und deren Erfahrungen.  „Die Themenwoche lebte von der Begegnung“, das ist die einstimmige Meinung der Teilnehmer der dreihundertköpfigen Reflexionsgruppe.

Gruppenarbeit.

Gruppenarbeit.

Das Treffen sollte Früchte tragen, und so wurde immer wieder dazu aufgerufen, die hier erlebten Geschichten zu teilen, das Licht weiterzutragen und mit Menschen und Organisationen in Kontakt zu bleiben. Frere Alois, Prior der französischen Brüdergemeinschaft Taizé lud insgesamt 60 Personen ein, an einem Abend im Haus der Brüder zu Gast zu sein, die besondere Atmosphäre dort zu erleben und Fragen stellen zu dürfen. Dieser Einladung folgten auch zehn Teilnehmer aus der Chemnitzer Gruppe.

Eine Frage an diesem Abend: „Was können normale Menschen tun, um Flüchtlingen zu helfen?“ Alois‘ Antwort begann mit einem Lächeln. „Wir sind doch auch normale Leute.“ Er brach damit die nahezu greifbare Spannung im Raum. „Frere Roger lehrte durch sein Leben, nicht sein Sprechen. Er hat seit jeher Flüchtlinge aus dem Vietnam und  Ruanda aufgenommen. Geht und besucht die Fremden. Lasst euch ihre Geschichten erzählen, dann wird etwas passieren, was ihr nicht erwartet hättet.“  Die Communauté von Taizé hatte im Jahr 2016/17 selbst eine Gruppe Sudanesen, Afghanen und einige Familien aufgenommen. „Ich hoffe, dass die Migrationsbewegungen in der Welt eine neue Solidarität zwischen den Völkern vorantreiben“, so Frere Alois.

Es spricht an diesem Donnerstagabend auch Murtada aus dem Sudan. Er berichtet, wie er floh und in Taizé aufgenommen wurde. Nachzulesen sind seine Worte auf: http://www.taize.fr/de_article22317.html

Was ist das Magnetische? – Von Einfachheit, Freude und wahrer Gemeinschaft

Plötzlich werden meine Gedanken unterbrochen, als Kinder über meine ausgestreckten Beine hüpfen. Lachend strömen sie aus in die gesamte Kirche und verteilen hüpfend Blumen an Menschen. Länder werden aufgezählt. Donnerstags werden in Taizé traditionell die Länder genannt, aus denen junge Menschen anwesend sind. Da wurde mir plötzlich bewusst, wie greifbar und nah die Erdgemeinschaft in der Kirche doch ist. Was für ein Geschenk!

Seit einigen Jahren komme auch ich immer wieder und jedes Jahr ist es ein wenig anders: Was bringe ich mit, wo stehe ich gerade, was ist im letzten Jahr passiert, wie ist meine Beziehung zu Gott und der Kirche? Fragen von Gottes und dem eigenen Sein, zur Sinnhaftigkeit von Institution und Brauchtum, von Gesellschaft und jugendlichem Mut haben hier ihren Platz.

Was nun findet man an diesem merkwürdigen Magneten-Ort? In einem Menschenmeer, sich in den sieben Formen der nicht-stehenden Körperhaltungen übend, wird man von 360-Grad vielstimmigem, wiederkehrendem Gesang umhüllt. Auf dem Teppich der einfachen Kirche liegt ein weißer Streifen von Gebetsgewändern der Brüder, von einer Buchshecke gesäumt; rote Tücher, die wie Feuerzungen Wärme ausstrahlen zu Füßen. Leuchtende Ziegel mit Kerzen im Inneren und ein feines Kreuz zeichnen in filigranen Linien den Kontrast.

Die Teilnehmergruppe aus dem Bistum Dresden-Meißen; mittlere Reihe 6.v.l.: Teilnehmerin und Autorin Klara Otto.

Die Teilnehmergruppe aus dem Bistum Dresden-Meißen; mittlere Reihe 6.v.l.: Teilnehmerin und Autorin dieses Beitrags Klara Otto.

Was sieht man? Liebevolle Briefchen hängen am schwarzen Brett, gehäkelte Blümchen am Zaun, Essensschlangen belustigen sich mit Klatschspielen und Motivationshymnen, Schuhe stehen neben dem Schneidersitz, Texte und Erklärungen werden in mindestens drei Sprachen gelesen, spielende Menschen-Kreise zeichnen Muster auf Obstbaumwiesen, Gruppen mit Besen und Putzmitteln ziehen umher, Kniebänkchen wandern über der Schulter durch den Ort, das Grinsen der Leute, die von jemandem angequatscht werden, und diese herzerfüllende Geduld. Menschen liegen sich in der Kirche in den Armen, plötzlich hat jeder ein Notizbuch, das Lächeln ist hier behutsam, ehrlich, warm.  

Zu spüren ist diese „Cup & spoon“-Mentalität: Das bedeutet Einfachheit und Verzicht; aber man verlernt den Umgang mit Messer und Gabel auch ganz praktisch. Abends stehen Brüder in allen Ecken der Kirche, warten nachts auf Gespräche und erklären mit zusammengesteckten Köpfen und einer tiefen Ruhe verschiedenste Anliegen. Die Kirche als Ort, an dem man gern lange verharrt, weil man mit Schmerz, Freude, Gebet, Meditation da sein darf, wie man ist. Wirkliche Gemeinschaft der Völker und Konfessionen, Religionen. Draußen: Lichterketten vor dem Sternenzelt, Musik, Lachen und Begegnung im Oyak.

Vieles ist hier so anders als zuhause. Die Brüder der Communauté sind authentische Vorbilder für ein Leben in Jesu Namen, „weil sie ein Leben in Einfachheit und Liebe nicht nur predigen, sondern eben auch leben“, sagt mir Teresa aus Dresden. „ Sie bieten nicht nur, sondern suchen selbst Kontakt zu den Menschen hier und in der Welt.“

Bemerkenswert ist das enorme Gefühl von Gemeinschaft: Wirklich jeder darf hier sein. Egal welche Einstellung zum Glauben er oder sie hat, wird man ganz natürlich angenommen und darf sich und seine Art einbringen. Jeder wird gebraucht und darf mittun, damit Kirche lebt. Dadurch identifiziert man sich mit Ort und Gemeinschaft und versteht und wertschätzt die Arbeit anderer besser. Vom Bäderputzen, Für-Stille-sorgen bis hin zum Leiten der Bibelgruppen – selbst die Gesamtorganisation wird von den jungen Erwachsenen übernommen. Es entsteht eine Atmosphäre der Nähe, denn niemand ist wichtiger als der andere.

Mir hat mal jemand gesagt: „In Taizé werden die Gedanken langsamer und tiefer.“ Wir teilen Stille und Meditation, Gedanken und Erkenntnisse, Spiel und ausgelassene Freude.

Trotz Tiefgang ist der Zugang doch leicht. „Man erkennt, was das Leben wertvoll macht“, erklärt mir Joshua Schwab. „Taizé ist wie ein Tauchgang. Das Evangelium ist der Ozean. Im Boot wirkt alles um einen herum dunkel, weit und schaumig. Wenn man sich traut richtig einzutauchen entdeckt man, wie bunt und voller Leben es doch dort unten ist.“

Text: Klara Otto
Fotos: Johannes Köst




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