Leben ist Gabe in all seinen Phasen

Auszüge aus der Predigt von Bischof Dr. Heiner Koch beim Pontifikalamt am Allerseelentag 2014 in der Dresdner Kathedrale

Eines der brennendsten und wohl auch weitestreichend in unserer Gesellschaft diskutierten Themen ist die Frage des sogenannten assistierten Suizids. Menschen haben Angst vor dem Allein-Leiden-Müssen, vor dem Überflüssig-Sein, vor dem Unheilbar-Krank-Sein, vor dem Auf-Hilfe-Angewiesen-Sein und vor der Fremdbestimmung am Ende ihres Lebens. Mein Leben hat dann keinen Sinn mehr, so befürchten sie und fordern deshalb für sich die Todeshilfe.

 

Manche sagen, die Frage nach dem Selbstmord sei doch eine private, urpersönliche Frage, die den Anderen nichts angehe. Doch die scheinbar nur den Einzelnen betreffende Entscheidung hat enorme gesellschaftliche Auswirkungen und Konsequenzen für viele Menschen an unserer Seite. Wenn ein Mensch handelt, dann hat sein Denken und Handeln Auswirkungen auf alle Menschen. Teilen wir das Leben der Menschen dann nicht ein in wertvolles und sinnloses Leben? Übertragen wir dann auf den sterbenden Menschen nicht die Kriterien, die unser ganzes Leben unter Druck setzen: Wertvolles Leben ist unabhängiges Leben, produktives, attraktives und leistungsstarkes Leben? Werden wir früher oder später die Grenzlinie zwischen wertem und unwertem Leben nicht immer weiter verschieben? Wer soll früher oder später die Macht der Menschen noch begrenzen?

 

Bischof Dr. Heiner Koch. Foto: Rafael LedschborAber Menschen wollen doch freiwillig sterben, so wird argumentiert. Haben wir denn keine Angst vor Zuständen wie in den Niederlanden und in Belgien, wo über 20 Prozent der sogenannten Sterbehilfefälle vollzogen werden ohne Einwilligung der Betroffenen? Wird zudem gerade für alte und kranke Menschen nicht der unerträgliche Druck wachsen, sterben wollen zu müssen, weil mein Elend doch keinem mehr zuzumuten ist und weil es die Gesellschaft so teuer kommt, wenn ich noch lebe?

 

Manche fordern den assistierten Suizid um des Selbstbestimmungsrechts der Menschen willen. Dieses Recht ist bedeutsam, aber wahr ist auch, dass das Leben in seinen weitesten Bereichen nicht selbstbestimmt ist. Wir haben unser Leben nicht gemacht, und wir leben von der geschenkten Liebe und dem Vertrauen der Menschen an unserer Seite. Mehr als von dem, was wir machen, leben wir von dem, was wir empfangen. Gegen den Allmachtswahn mancher in unserer Gesellschaft setzen wir deshalb bewusst die Haltung der Dankbarkeit: Leben ist Gabe in all seinen Phasen, auch in der Phase seines Sterbens. Als Christen bekennen wir weitergehend voll Vertrauen: Es ist gute Gabe Gottes.

 

Wir Christen dürfen und sollen den Menschen in diesen ihren Ängsten und Bedrängnissen keine Vorhaltungen machen. Wir sind nicht die Moralapostel der Gesellschaft. Doch ihre Not stellt uns vor die Herausforderung, uns persönlich und gesellschaftlich dafür einzusetzen, dass Menschen sich so geborgen und getragen fühlen, dass in ihnen nicht das Gefühl oder die Erfahrung aufkommt, es sei nicht gut, dass sie noch leben. Helfen wir mit, an einem Schutzraum des Lebens zu bauen! Unsere Sterbebegleitung ist aktive Lebenshilfe und nicht Hilfe zum Tod. Bei dem Besuch eines Hospizes sagte mir seine Leiterin, dass noch nie jemand verlangt hätte, ihn zu seiner Selbsttötung zu führen. Helfen wir den Menschen zu leben – auch in dieser so wertvollen Phase des Lebens, in einer Phase des Lebens, die für uns alle und für unsere Gesellschaft so wichtig ist: als Mahnung, dass es kein unwertes Leben gibt, dass das Leben reich ist und bedeutsam in all seinen Phasen, dass Krankheit und Sterben zu einem Leben in Fülle dazugehören. Die sterbenden Menschen gehören in die Mitte unserer Gesellschaft, und wir gehören zu ihnen. Deshalb bitte ich alle politisch Verantwortlichen: Schaffen Sie rechtliche und finanzielle Verbesserungen der Rahmenbedingungen, damit Menschen die menschliche, pflegerische, medizinische Zuwendung gegeben werden kann und sie in einem menschenwürdigen Sterben begleitet werden: zu Hause, in der Pflegeeinrichtung, in den Krankenhäusern, Altenheimen und Hospizen. In dieser Förderung des Lebens ist die Politik mehr herausgefordert als in der Förderung des Tötens.

 

In zwei Jahrtausenden haben sich Christen auch der Schwerkranken und Sterbenden oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens angenommen. Ich danke allen, die heute Menschen helfen zu leben – gerade in dieser Phase ihres Lebens – und die ihren Angehörigen beistehen: in der Familie, in den Krankenhäusern und Altenheimen, in der ambulanten Pflege und in den Hospizen. Vergelt' es ihnen Gott! So können wir füreinander Zeugen des Glaubens und der Hoffnung werden, dass das Leben nicht im Tod endet, sondern dass wir auf dem Weg zur himmlischen Heimat sind, wo Gott auf uns wartet und wo wir alle gemeinsam das große Fest des Lebens feiern werden.

  

Dr. Heiner Koch

Bischof von Dresden-Meißen



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