Fastenhirtenwort von Bischof Joachim Reinelt

zum ersten Fastensonntag, 13. März 2011

Bischof Joachim Reinelt



Liebe Schwestern und Brüder,

 

inmitten massiver Spannungen in der Kirche unserer Tage wagen wir es im Blick auf die Seligsprechung  unseres  Märtyrers Alojs Andritzki am Pfingstmontag an unserer Kathedrale zu Dresden bei unserem pastoralen Jahresthema zu bleiben: „DU BIST MIR HEILIG“, so spricht der Herr, unser Gott.

 

Heilig heißt: von Gott berührt, von seiner Liebe erfasst, an sein Herz gezogen, von seinem Geist mit Feuer und Leben durchdrungen, aus dem Gewöhnlichen befreit. Es lohnt sich sehr zu fragen, was ist charakteristisch  für Heiligkeit.

 

Als Erstes gilt, der Mensch kann Heiligkeit nicht machen. Sie ist Geschenk, Gnadengeschenk unseres Gottes. Wer glaubt, sich Heiligkeit erarbeiten zu können, wird leer ausgehen. Die Konzentration gilt ihm, der mich mit unermesslicher Liebe überschüttet. Auf ihn schauen, ihm zutrauen, dass er mit einem schwachen Menschen Großes tun kann.  Er macht das Entscheidende. Er ist umfassender in unserem Leben wirksam, als wir ahnen. Man muss in die tiefste Tiefe des Menschenlebens vorzudringen suchen, um den göttlichen Reichtum in uns zu erkennen. Das ist ein besonderes Privileg unserer Ordensleute. An den Besten von ihnen kann man ablesen, wie sie Gott hinterher sind. Ihn finden, das ist ihr Glück. Ist das nicht für uns alle das Spannende unserer eigenen Lebensgeschichte? Sind die Glückssucher nicht eigentlich alle hinter ihm her. Was wollen sie denn sonst finden?

 

Was sucht unsere Jugend bei Taize-Treffen denn anderes als ihn?  Du musst ihre Gesichter sehen, wenn sie zurückkommen und du weißt, dort war mehr als ein Event. Das Beten und Schweigen in Gemeinschaft ging über Gewöhnliches weit hinaus.

 

Und wenn nach der feierlichen Übertragung der Urnen unserer drei Glaubenszeugen in die Kathedrale viele tief berührt nachhause gefahren sind, darf man davon ausgehen, dass Gott seine Hand im Spiel hatte.

 

Und wenn Firmbegleiter nach einer Firmung sagten, dass einige Gefirmte nach dem Firmfest für die Gemeinde mit einem neuen Schwung einsetzbar waren, dann dürfen wir sehr wohl die verändernde Kraft seines Geistes darin glauben.

 

Spuren des Wirkens Gottes lassen sich überhaupt im Leben der meisten Menschen finden, weil Jesus Christus am Kreuz für alle gestorben ist, ja in alle hineinsterben wollte, um allen sein göttliches Leben zu schenken. Gott verweigert sich keinem Menschen, wenn der sich ihm nicht verschließt. So können wir davon ausgehen, dass das Wort des Kolosserbriefes „ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen“ sogar über die Gemeinde hinaus gilt. Wir dürfen uns vor Augen halten, dass Gott zum Menschen sagt: „Du bist mir heilig!“ - Du bist mir wichtig. Du bist mir kostbar. Damit erhält unser Leben seine grundlegende Anerkennung von Gott. Er sagt „JA“ zu uns. Er sagt JA zu deinem Nachbarn. Er gibt unserem Dasein Sinn und Erfüllung. Er macht uns unabhängig von Karriere und Konkurrenzdruck. Wir werden frei für das Leben, denn sein JA zu uns ist unüberbietbar. Es gilt für immer. Es gilt besonders in Tagen, da er uns das Kreuz tragen lässt. Unser sorbischer Märtyrer Alojs Andritzki hat diese göttliche Erfahrung im Gefängnis gemacht: „Ich bin in den Staub gebeugt und doch voller Leben.“ Das Sichverlieren ist der Weg zum Leben. Solches Licht erhält der Glaubende. Gott ist da im Gefängnis, im Krankenhaus, bei den Weinenden, Einsamen und Verlassenen. Alojs schreibt aus dem Gefängnis: „Nie sind wir verlassen… Meine jetzige Lage führt mich aufwärts.“ Wenn man das sogar als Unschuldiger aus einer Haftanstalt bekennen kann, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass diese Weisheit Gottes in jeder Lage und in jedem Moment unserer persönlichen und gemeinsamen Geschichte gilt. Also in Freude und Leid, in guten und bösen Tagen, bei Jubel und unter Tränen können wir mit Alojs sagen: „Meine jetzige Lage führt mich aufwärts!“

 

Der Gott, der Liebe ist, lässt nur das für uns zu, was dazu dienen kann, uns nach oben zu ziehen. Deshalb betete Jesus in seiner dunkelsten Stunde am Kreuz: „Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben.“

 

Wie dieses große Vertrauen für den Einzelnen rettend ist, so auch für die Kirche, auch für die ganze Gesellschaft. Manche fragen, weshalb lässt Gott unsere Kirche in Deutschland momentan so sehr die Folgen einiger Sünder erleiden, weshalb so viel Verwirrung? Führt uns diese Lage der Kirche wirklich aufwärts? Unsere Märtyrer würden uns mit Sicherheit sagen: Die Kirche soll nur ein einziges brennendes Anliegen haben, nämlich dass Gott ihr sagen kann: Du bist mir heilig. Er macht aus den Finsternissen das Licht. Er gießt in den Zeiten der geistlichen Dürre das Wasser des Lebens über uns aus.

 

Auch Jesus musste durch die Finsternis des ganz Bösen hindurch, wie wir im heutigen Evangelium gehört haben. Und da heißt es sogar, dass er vom Geist dorthin geführt wurde. Dreimal wurde er in die schreckliche Lage versetzt, die Dummheit des Teufels ertragen zu müssen. Aber aus dieser dunklen Erfahrung erwuchs das für alle Zeiten verbindliche große  Bekenntnis: „Vor dem Herrn, deinem Gott, sollst du dich niederwerfen und ihm allein dienen“ (Mt 4,11).  Das ist das Leitmotiv der Kirche. Wenn unsere Dunkelheiten von Gott bereinigt sind, wird dieses „allein Gott“ eine so starke Leuchtkraft haben, dass die Menschen in unserem Umfeld wieder ahnen können, wie glücklich es macht, um Gottes willen „alles zu verlassen und dem Herrn nachzufolgen“. Dann wird der Vater zu uns sagen, du bist mir heilig, wie er zu Jesus gesagt hat: „das ist mein geliebter Sohn, an den ich Gefallen gefunden habe“ (Mt 3,17).

 

Deshalb möchte ich zum Schluss des Fastenhirtenwortes einen konkreten Vorschlag machen. Bei der stillen Danksagung nach der Kommunion möge jeder seine persönliche Lage vor Gott bedenken und dann versuchen mit unserem tapferen Märtyrer Alojs voll Vertrauen zu beten: Meine jetzige Lage führt mich aufwärts. Dann darf er sich freuen an der Stimme des himmlischen Vaters, der sagt: Du bist mir heilig!

 

Dazu segne euch der Dreieinige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

 

Dresden am Fest der heiligen Cyrill und Method 2011

 

+ Joachim Reinelt

Bischof von Dresden-Meißen



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