Dreifaltigkeitssonntag
am 26. Mai 2013
Kein religiöses Zeichen wird so häufig benutzt wie das Kreuzzeichen.
Menschen unter höchster Anstrengung, in Angst und Bedrängnis bekreuzigen sich – allerdings auch Ganoven, die ihrer verdienten Strafe entgegen sehen, gebrauchen es, was oft recht lächerlich wirkt und in so manchen Filmkomödien gern verwendet wird.
Am Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeitssonntag, sollten wir dieses Zeichen einmal genauer betrachten, denn es verkündet den dreifaltigen Gott, an den wir glauben. Der Glaube an den dreifaltigen Gott ist nicht aus philosophischen Spekulationen entstanden, sondern er hat sich aus dem Bemühen um Verständnis der Erfahrungen mit dem lebendigen Gott ergeben, wovon die Bibel in all ihren Büchern erzählt. Deshalb beginnen und beschließen wir jeden Gottesdienst mit dem Kreuzzeichen. Es bedeutet uns sehr viel, denn gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn; die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Röm 5,1.5).
Versuchen wir über das Kreuzzeichen dieser großen Zusage aus dem Römerbrief zu folgen, die uns Unfassbares verspricht.
1. Wir berühren, wenn wir uns bekreuzigen, mit der rechten Hand die Stirn und sprechen: „Im Namen des Vaters“.
Damit meinen wir den „Gott über uns“, bei dem alles beginnt, von dem alles aus geht, denn er ist der Schöpfer und Erhalter unserer Welt und des gesamten Kosmos, des Himmels und der Erde.
Er ist in besonderer Weise der Vater Israels, letztlich aber auch aller Völker und jedes Menschen.
Alles soll jetzt auf ihn gerichtet sein, unser Denken, Fühlen und Wollen - unser Hören - unsere ganze Aufmerksamkeit.
2. Wir weisen auf die Brust und sprechen:
„ ... und (im Namen) des Sohnes“.
Damit meinen wir den „Gott mit uns“ - Jesus Christus.
In ihm treffen wir auf einen Menschen, der unser großer Bruder sein will, der sich aber zugleich als Sohn Gottes versteht und bekennt. Er sagt zu Gott "Vater", als einem "Du", das ihm gegenüber steht. Gleichzeitig aber ist er selbst die wirkliche, uns begegnende Nähe Gottes - der Gott-mit-uns – der Immanuel.
Er wird von unseren Kirchenlehrern als „die Weisheit“ erkannt; die Gottes Werke kennt und die zugegen war, als er die Welt erschuf.
Sie weiß, was Gott gefällt und was recht ist nach seinen Geboten
(s. Weish 9,9f).
Salomo bittet:
Sende sie (die Weisheit) vom heiligen Himmel und schick sie vom Thron deiner Herrlichkeit, damit sie bei mir sei und alle Mühe mit mir teile und damit ich erkenne, was dir gefällt (s. Weish 9,10). Sie ist also eine eigenständige Kraft neben Gott, doch ganz ihm zu Willen.
Von einer ähnlichen Kraft neben Gott spricht Jesaia:
So ist es auch mit „dem Wort“, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe (Jes 55,11).
Johannes eröffnet sein Evangelium mit diesem Begriff:
Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.
In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen (Joh 1,1-4).
Dieser Sohn Gottes – diese geheimnisvolle Kraft als Weisheit und als das Wort Gottes bezeichnet, ist einer von uns geworden, ist in unsere Welt gekommen, weil ihm an uns liegt. Das aber bedeutet, dass Gott uns in Christus als Gottessohn und uns somit als Bruder begegnet, womit Gott als Ich und Du in einem in Erscheinung tritt.
Unser Herz soll ihm gehören - wir wollen ihm Raum geben in unserem Denken, Wollen und Handeln, ihn lieben, weil wir seine Liebe zu uns erkannt habe, die sich bis zu seinem Tod am Kreuz für uns erwiesen hat.
3. Unsere Hand verweist nun auf beide Schultern - unsere ganze Breite – und wir sprechen: "... und (im Namen) des Heiligen Geistes.“
Damit meinen wir den „Gott in uns“.
Wir lesen im Buch Numeri: Da sprach der Herr zu Mose: Versammle siebzig von den Ältesten Israels vor mir. Ich nehme etwas von dem Geist, der auf dir ruht, und lege ihn auf sie. So können sie mit dir zusammen an der Last des Volkes tragen, und du musst sie nicht mehr allein tragen (Num 11,16f).
Und Mose wünschte sehnlichst:
Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte! (Num 11,29).
Dieser Geist Gottes, im AT einzelnen gegeben, im NT über die Kirche ausgegossen, packt Menschen, die für ihn offen sind, und führt sie, stärkt sie, vollendet sie. Er ist weder mit dem Vater noch mit dem Sohn identisch, doch ist er die Weise, wie Gott sich uns gibt und uns zu seinen Werkzeugen macht.
Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen (Joh 16,13).
Seit unserer Taufe wirkt er in uns und ermöglicht Erstaunliches, was unsere lieben Heiligen mit ihrem Leben bezeugen. Alle unsere Kräfte mobilisiert er zum Guten hin, was wir nach nur eigener Konzeption nie zustande bringen würden. Er hilft uns, Sinn und Ziel in der Schöpfung und im eigenen Leben zu finden und auch konsequent zu verfolgen.
Das Kreuzzeichen schließen wir ab mit "unserer Unterschrift" - unserem großen Ja: dem „Amen“, das mir einiges abverlangt, mich aber genau in das Fahrwasser bringt, in dem ich schon immer manövrieren wollte und sollte und mir große Fahrt zu meinem letzten Ziel gewährt.
Dieser dreifaltige Gott ist auch das Zentrum meines Glaubens und Vertrauens, denn bisher bin ich in meinem Leben gut mit ihm „gefahren“ und werde mich weiterhin täglich dankbar bekreuzigen,
was auch die Bereitschaft ausdrücken soll, das Kreuz willig zu tragen, das mir aufgegeben ist, denn Jesus sagt:
„Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst,
nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34).
Dieser menschenfreundliche Gott ist für jeden Menschen offen - als Vater, als Bruder und als geheimnisvolle Kraft in allen Lebenssituationen, daher segne ich im Licht des heutigen Dreifaltigkeitssonntags alle Leser und Hörer ganz in der Absicht des dreifaltigen Gottes: Im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes. Amen!
Vgl. J. Ratzinger, Einführung in das Christentum, Kösel-Verlag München 1968
S. 125f.