Sonntagsworte ...

2. Fastensonntag 

am 25. Februar 2018 

In seinen "Schreibtischerinnerungen" erzählt der Dichter Werner Bergengruen, wie er sich während der Münchener Bombennächte im Herbst 1942 immer wieder mit seiner Frau und seinen Kindern zusammensetzte, um mit ihnen "Mensch, ärgere dich nicht" zu spielen. Er schätzte dieses Spiel wegen seiner "so ausgeprägten Parallelen zum Auf und Ab menschlicher Schicksale" sehr. Eines Nachts, als wieder Alarm gegeben wurde, setzte sich die Familie wie gewohnt zum Spielen zusammen. Doch die Detonationen kamen näher, das elektrische Licht erlosch und allerlei Dinge flogen umher. Unter dramatischen Umständen suchte der Dichter mit den Seinen Unterschlupf in einem benachbarten Keller. In dieser Nacht wurde sein Haus getroffen. Daher verfügte die Behörde die sofortige Räumung.

Dabei findet der Schriftsteller unter einer Gerümpelschicht das alte Familienspiel "Mensch, ärgere dich nicht". Es war völlig mit Beulen und Kratzern bedeckt, aber es war noch immer vollständig. Das war für Bergengrün kein schlechter Witz. Er nahm es mit. Später übergab er dieses alte Familienstück seinem Sohn mit einem väterlichen Rat auf der Rückseite des Spiels:

Und ob beim Krachen der Granaten
dir Haus und Hirn in Stücke bricht,
dies eine lass dir raten:
Mensch, ärgere dich nicht!

Bergengrün kennt die menschlichen Grenzsituationen zur Genüge – Gefahr, Bedrängnis und Leid sind ihm vertraut. Er weiß um Einsamkeit, Enttäuschung, Vergänglichkeit und Trauer. Er sieht die Abgründe menschlicher Schwäche, Hinfälligkeit und Sünde – es ist nicht seine Absicht, all das zu verharmlosen. Und trotzdem sagt er sein Ja zu dieser im Argen liegenden Welt. Er kann es, weil er trotz allen ärgerlichen Zwischenfällen die Überzeugung durch seine Erfahrungen, dass die Welt trotz aller widrigen Umstände in guten Händen ruht. Dieser Glaube macht es möglich, diese Welt zu lieben.

Gottes Hand ist aber nicht nur eine bergende, eine heilende und ordnende, sie ist zugleich eine lenkende und führende Hand. Blinden Zufall und sinnloses Schicksal gibt es für den Gläubigen nicht. Weil er an Gottes Führung glaubt, wird für ihn die Weltgeschichte wie auch die Lebensgeschichte des einzelnen Menschen mit allen Licht- und Schattenseiten zum Heilsgeschehen. Dieser Glaube wurzelt in der Überzeugung, dass Glück und Heil den Menschen nicht nach ihren eigenen Plänen zuteilwerden, sondern dahinein mischen sich unerwartete Zwischenfälle, und je weniger sie diese als Zufälle annehmen, sondern horchen, was ihnen nach unbekanntem, geheimnisvollem Plan dadurch offenbar werden soll, wird ihr Leben tiefer und heller. Unliebsame Geschehnisse sind also keine vernichtenden Schrecknisse, sondern Offenbarungssituationen, in denen wir eine göttliche Botschaft erhalten.

Unerwartete Zwischenfälle sind Augenblicke, in denen Gott die Zeit aufbricht, damit wir aus der Zeit heraus die Ewigkeit ahnen.

Dieses göttliche Aufbrechen wird von uns nicht selten als sinnloses Zerbrechen verstanden. Wir fragen: Wie kann Gott das zulassen, was wir Menschen jedoch so veranstalten?

Wir ärgern uns über Gott. Dieser Ärger zeigt, wie schnell auch der gläubige Mensch in seine menschlich-allzumenschlichen Vorstellungen von Glück und Heil fallen kann. Er vergisst den wesentlichen Inhalt seines Glaubens, der ihm sagt, dass Gott die menschlichen Planungen immer wieder durchkreuzt, weil das vom Menschen zutiefst ersehnte Glück eben nicht in menschlichen Unternehmungen liegt, sondern von Gott her auf ihn zukommt. So durchkreuzt Gott mitunter die Pläne des Menschen, weil er nur auf diese Weise mit seinen Plänen an den Menschen herankommen kann. Wir wissen doch:

„Im Kreuz liegt das Heil für uns alle.“

Allein in diesem Glauben fand Bergengruen und viele andere Gläubige Geborgenheit, Sicherheit, Gelassenheit und nicht zuletzt einen universalen Optimismus, der es jedem Ärger schwer macht, von ihm Besitz zu ergreifen. "Mensch, ärgere dich nicht!" Diese Einladung ist also keineswegs ein billiger Rat, welcher der Wirklichkeit nicht standhalten könnte. Er ist vielmehr Ausdruck eines persönlichen Glaubens, der uns sagen lässt: Wenn Gott nicht einmal einen Spatzen willkürlich vom Dach fallen lässt (s. Mt 10,29), um wie viel weniger kann mein Leben nur ein blinder Zufall sein. In alles, was mir widerfährt, mischt sich etwas Geheimnisvolles, das mich tiefer und heller macht, wenn ich bereit bin, mich darauf einzulassen.

Wenn ich meine Biografie überfliege – steckt da nicht bei allen Stolpereien und Gegenwinden auch eine Menge Glück drin?

 

Zu einer noch viel sonnigeren Sicht lädt uns Paulus in der heutigen Lesung mit guten Gründen ein:

Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?
Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein
(Röm 8,31-34).

 

Und Gott selbst bezeugt seinen Sohn im heutigen Evangelium und fordert uns zu einer ganz intensiven Verbindung mit ihm auf, die täglich von uns aktualisiert werden kann und soll:

Aus der Wolke rief eine Stimme:
Das ist mein geliebter Sohn;
auf ihn sollt ihr hören!
(Mk 9,7)

 

Lasst uns Christus bewusster "hörend" folgen,
auf dass uns das Licht seiner Verklärung aufgehe und
sein Gespräch mit den Vertretern des AT uns den Durchblick schenke:
Er ist der wahre Erfüller aller Verheißungen Gottes,
So können wir zu dem Glauben heran reifen,
der uns auch in den Enttäuschungen und Schattenseiten des Lebens
Trost, Zuversicht und Kraft schenkt.        Amen.

 

 

Vgl. R. Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Bd. 4, Kap. 27, Herder-Verlag 1995



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