Sonntagsworte ...

12. Sonntag im Jahreskreis
am 24. Juni 2018


In der prächtig ausgemalten St. Johanneskirche des Erzbischofs von Nikosia auf Zypern entdeckte ich nach den vielen Ikonen im Kirchenschiff über der Tür des hinteren Ausgangs ein ganz außergewöhnliches Christus-Bild: den im Schiffsheck auf einem Kissen schlafenden Jesus – eine Szene aus unserem heutigen Evangelium: Jesus und seine Jünger fahren mit einem Boot über den See Genezareth. Plötzlich erhob sich ein heftiger Wirbelsturm, und die Wellen schlugen in das Boot, so dass es sich mit Wasser zu füllen begann. Er aber lag hinten im Boot auf einem Kissen und schlief (Mk 4,37-38a).
Während das kleine Boot von einem großen Unwetter hin und her geworfen wird und die Jünger voller Unruhe sind, schläft Jesus. Hier tritt seine unerschütterliche Ruhe im Gegensatz zur Aufgeregtheit des Meeres und der Jünger in beeindruckender Weise in Erscheinung. An dieser Stelle wird deutlich, dass Jesus in völligem Vertrauen auf den himmlischen Vater lebte, getreu des Psalm-Wortes: "In Frieden leg' ich mich nieder und schlafe ein; denn du allein, Herr, lässt mich sorglos ruhen" (Ps 4,9). Wer in gläubigem Vertrauen dieser Einladung folgt, wird die gleiche Erfahrung wie die Jünger machen: Es trat völlige Stille ein. Und staunend wird auch er fragen: "Was ist das für ein Mensch, dass ihm sogar der Wind und der See gehorchen?" (Mk 4,41) Ist es nicht der, von dem der Psalmist singt: "Du stillst das Brausen der Meere, das Brausen ihrer Wogen, das Tosen der Völker" (Ps 65,8).     

Heißt das nun, schlafen gehen, wenn Sturm aufkommt? – Das wäre aber zu kurz gedacht. Jesus kritisierte nicht die Mühe der Jünger, die sich ja als Fischer gut auskannten auf diesem See. Er sagte zu ihnen: Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben? (Mk 4,40)
Im Übrigen ist bei Rettungsmaßnahmen Ruhe und Sachlichkeit dienlicher als hektische Betriebsamkeit.
Aber wir sollten noch tiefer in diese Problematik eindringen.
Wir sollten fragen, ob diese Stille die Wellen des Meeres betraf oder vielleicht die Herzen der Jünger, was eine noch tiefere Bedeutung ergäbe. Es ist Jesus, der Wellen und Sturm auch in uns beherrscht und besänftigen kann.
Durch die Begegnung mit Jesus zieht Ruhe ein. Die Daseinsängste legen sich. Wir fühlen uns frei von aller falscher Anhänglichkeit und Abhängigkeit und werden uns bewusst, wie wenig man braucht, um in Ruhe glücklich zu sein.
In allen Stürmen, die über die Christenheit gekommen sind, erinnerte man sich an dieses tröstliche Evangelium – die Katakomben-Malereinen wie auch die mittelalterlichen Buchmalereien sprechen davon; ja schon die Schreibweise der Evangelisten zur Zeit der grausamen Christenverfolgungen machen deutlich, dass es hier nicht nur um einen Schlecht-Wetter-Bericht geht. Markus schrieb sein Evangelium um das Jahr 70. Die Römer zerstörten Jerusalem und den Tempel und straften das rebellische Volk Israel in furchtbarer Weise. Viele Christen waren bei Christenverfolgungen als Märtyrer  bereits gestorben – auch Petrus und Paulus.
Zu allen Zeiten toben Stürme und bedrohen das Schiff der Kirche von innen und von außen bis heute in vielen Ländern unserer Welt – eben auch in Zypern.
Je länger ich das Bild des schlafenden Jesus im Schiffsheck betrachtete, umso nachdenklich hat es mich gemacht.
Bei Konfuzius lesen wir: "Nur wer selber ruhig ist, kann zur Ruhestätte alles dessen werden, was Ruhe sucht."  
Es gibt bewundernswerte Menschen, die wohltuende Ruhe ausstrahlen in unserer lauten, hektischen Welt. Das tat ganz hervorragend Jesus. Wahre Ruhe kann Jesus Christus schenken, weil seine Wurzeln unmittelbar in Gott liegen. Das ist der Grund seiner unerschütterlichen Ruhe. Deswegen kann er einladend sagen: Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch, und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele (Mt 11,28-29).

Hier leuchtet auf, was Glaube bedeutet. Wer glaubt, der gibt die kleine Laterne seiner Erkenntnis, die ihn immer nur dieses oder jenes sehen lasst, aus der Hand und stellt sich in die Sonne Gottes. In Situationen, die sinnlos erscheinen können, fällt ein Licht, das uns tiefere Sinnzusammenhänge erkennen lässt. Glaube ist demnach eine Umformung unseres Menschseins. Unser Glaube verleiht uns andere Maßstäbe, die unseren Gedanken eine neue Ausrichtung geben und uns alles mit neuen Augen sehen lässt, so dass wir erkennen können, was wahr und unwahr ist. Wir bekommen eine innere Ruhe und Festigkeit, die über alle Ängste und Sorgen hinweghelfen. Wir erfahren, dass Glauben und Leben ein und dasselbe sind und dass ohne Glauben das Leben zu stocken beginnt und unruhig wird. Wir sollten immer wissen, dass Jesus bei den Seinen ist, auch wenn er sich zurückhält – schläft.

Solange unser Leben in Jesus verankert ist, sind wir in guten Händen trotz aller Stürme des Lebens, mögen sie von außen oder von innen kommen. Sobald wir uns aber durch sie die Sicht auf Jesus nehmen lassen, beginnen wir zu schwanken und zu sinken.
Wo immer wir unter zu gehen drohen, kann uns klar werden, dass wir uns selbst nicht retten können. Auch in einem solchen Augenblick, ja, gerade dann ist der Herr für uns da, wenn wir zu ihm rufen "Herr, erbarme dich!" Er kann uns stark machen. Wenn dann der Herr zu seinen Jüngern sagt: "Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?" (Mk 4,40), macht er deutlich, dass nicht der theoretische Glaube, sondern nur der ganzherzige, vertrauensvolle, praktische Glaube uns in wahrer Ruhe und Sicherheit jede Situation bestehen lassen kann.
Paulus erinnert uns in der heutigen Lesung:
Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden (2 Kor 5,17) – schließlich sind wir seit unserer Taufe neu geworden – Kinder Gottes. Johannes verkündet noch offensiver die Wirksamkeit unseres Glaubens:  
Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube (1 Joh 5,4).


(Vgl. R. Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Bd. 4, Kap. 27; Herder-Verlag 1995)



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