Menü
Bistum Dresden Meissen
11. September 2026

Ein besonderer Brückenschlag zum 25. Geburtstag

Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi spricht in der Katholischen Akademie über die Schönheit des Judentums aus muslimischer Perspektive

Ein Abend über die Schönheit des Judentums, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Islam und Judentum und über die Frage, wie interreligiöse Begegnung gelingen kann: Mit Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi hat die Katholische Akademie ihr Herbstprogramm eröffnet und zugleich ihr 25-jähriges Bestehen gewürdigt. Unter dem Titel „Die Schönheit des Judentums. Eine muslimische Liebeserklärung“ sprach der Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler über die jüdische Tradition aus muslimischer Perspektive und spannte dabei einen besonderen geistigen Bogen zwischen den Religionen.

Zum Auftakt gratulierte Diözesanadministrator Andreas Kutschke der Katholischen Akademie zu 25 Jahren Bildungs- und Dialogarbeit. Die Akademie leiste einen wichtigen Beitrag dazu, christliches Gedankengut und kirchliche Positionen in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen, zugleich aber auch von anderen Perspektiven zu lernen. „Mit der Katholischen Akademie gelingt es, christliches Gedankengut und kirchliche Positionen intellektuell verantwortlich in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen – und als Kirche in einer Gesellschaft, die sich pluralisiert und im kontinuierlichen Wandel begriffen ist, oft auch von anderen zu lernen“, sagte Kutschke.

Auch die Musik des Abends griff den Gedanken der Begegnung auf. Die syrische Geigerin Yara Abou Fakher und der Cellist Johann von Ruthedorf verstehen sich als Duo, das mit seiner Musik Kulturen und Religionen miteinander ins Gespräch bringt. Ihre Musik gab dem Abend einen besonderen Rahmen und machte den Brückenschlag zwischen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Erfahrungen auch auf musikalische Weise erfahrbar.

„Die anderen im Inneren des eigenen Bekenntnisses“

Prof. Dr. Karimi, Professor für Kalām, Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster, stellte in seinem Vortrag zunächst die geistige Nähe von Judentum und Islam heraus. Beide Religionen verbinde unter anderem eine verwandte Sprache der Hingabe, die Überzeugung von der Verantwortung des Menschen vor Gott und die Einsicht, dass Glaube sich im Leben bewähren müsse. Beide fußten zudem auf der Erfahrung der „Unverfügbarkeit Gottes“. Glaube bedeute, so Karimi, „sich einer Wahrheit anzuvertrauen, der man sich niemals bemächtigen kann“.

Das Judentum sei dabei für den Islam weit mehr als ein historischer Gesprächspartner. Es sei eine Voraussetzung für dessen eigene dialogische Identität. Die islamische Offenbarung beziehe sich auf die Schriften des Judentums und des Christentums, antworte auf sie, widerspreche ihnen an manchen Stellen und bleibe gerade dadurch mit ihnen verbunden. Es gelte deshalb, so Karimi, „die anderen im Inneren des eigenen Bekenntnisses“ wahrzunehmen.

Von der Ablehnung des Antisemitismus zur „Judenliebe“

Besonders eindringlich sprach Karimi über den Umgang mit Antisemitismus. Die bloße Ablehnung von Judenhass reiche nicht aus. Er plädierte dafür, dem jüdischen Leben mit Interesse und Freude an seiner Gegenwart zu begegnen und sich von seiner Schönheit berühren zu lassen. Dafür verwendete er bewusst den zunächst ungewohnten Begriff der „Judenliebe“: „Die Liebe muss ihre Sprache erst finden.“

Eine solche Haltung beginne mit Anerkennung. Unterschiede zwischen den Religionen müssten dabei nicht verschwiegen werden. Im Gegenteil: Gerade darin liege eine Chance für wirkliche Begegnung. „Wir müssen lernen, das, woran wir nicht glauben, wertschätzen zu lernen, denn damit fängt wirkliche Begegnung an“, sagte Karimi.

Als Beispiel erzählte er von seiner eigenen Begegnung mit jüdischer Tradition. Das erstmalige Aufsetzen einer Kippa in einer Synagoge habe ihm eine neue Perspektive auf die Haltung der Demut eröffnet. Auch in der Beschäftigung mit der Torah könne er sich mit seinem muslimischen Glauben „zu Hause“ fühlen – ähnlich wie bei einem Freund, bei dem man sich wohlfühlt, ohne dessen Haus deshalb zum eigenen zu erklären.

Damit verband Karimi eine grundsätzliche Vorstellung von interreligiösem Dialog: Es gehe nicht darum, den anderen auf die Gemeinsamkeiten zu reduzieren oder ihn zum Spiegelbild der eigenen Überzeugungen zu machen. Ein solcher Dialog mache es sich zu einfach. Vielmehr müsse es darum gehen, auch das wertzuschätzen, was einem selbst fremd oder nicht vertraut sei.

Liebe darf das Leid nicht beschönigen

Die Frage nach jüdisch-muslimischer Verständigung stellte Karimi dabei ausdrücklich in den Kontext der gegenwärtigen Situation. Als Muslim nach dem 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Krieg in Gaza über das Judentum zu sprechen, sei eine besondere Herausforderung. Die Wunde der israelisch-palästinensischen Gewaltgeschichte werde immer tiefer. Unrecht müsse benannt und Verantwortung übernommen werden. Zugleich dürfe Wut nicht die einzige Antwort auf Hass sein.

„Hass verspricht Eindeutigkeit und erspart die Mühe, den anderen wahrzunehmen. Er löst Beziehung auf, bevor Begegnung stattfinden kann“, sagte Karimi. Liebe dagegen halte die Beziehung offen – auch dort, wo das Handeln des anderen klar zu verurteilen sei.

Dabei dürfe eine solche Liebe das Leid nicht ausblenden oder beschönigen. Gerade mit Blick auf das Leid von Kindern in Israel und Palästina sei dies eine schwierige Gratwanderung. „Eine Liebe, die das Unrecht übersieht, wäre bereits zu ihrem Gegenteil verkommen“, betonte Karimi.

Einen möglichen Ausgangspunkt für Verständigung sieht der Religionsphilosoph in den gemeinsamen Erzählungen und Figuren der abrahamitischen Tradition. Abraham, Sara und Hagar könnten daran erinnern, dass Judentum, Christentum und Islam miteinander verbundene Geschichten und Wurzeln haben. „Wir müssen den Wurzeln nachspüren, die uns verbinden“, sagte Karimi. „Wir müssen die alten Geschichten erzählen, die uns erinnern, dass wir Geschwister sind.“ Zugleich verschwieg er nicht, dass dieser Weg schwierig ist.

Ein Brückenschlag, der weiterführt

Im anschließenden Gespräch mit Akademiedirektorin Dr. Ulrike Irrgang wurde deutlich, dass Karimis Verständnis von Begegnung nicht bei den Gemeinsamkeiten stehen bleibt. Es geht vielmehr darum, Unterschiede auszuhalten, ohne die Beziehung zum anderen aufzugeben – und sich dabei selbst durch die Begegnung verändern zu lassen.

Am Ende des Abends schlug Karimi noch eine weitere Brücke: Sein jüngst erschienenes Buch ist erneut einer Liebeserklärung an eine für ihn als Muslim zunächst fremde und teilweise irritierende Religion gewidmet – dem Christentum. Damit deutete sich bereits ein mögliches weiteres Thema für die Katholische Akademie an.

Der Vortrag von Prof. Dr. Karimi fand im Rahmen des Themenjahres „Tacheles 2026 – Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen“ statt.

Weitere Veranstaltungen der Katholischen Akademie zum jüdischen Leben, zu Religion und Gesellschaft sowie zum interreligiösen Dialog finden sich auf www.lebendig-akademisch.de.

Bildergalerie