Bischof Pickel berichtet aus dem Bistum St. Clemens in Saratow

Saratow, Erster Fastensonntag 2009


Bischof Clemens Pickel
Humorvoll und geistreich schildert Bischof Clemens Pickel - ein gebürtiger Sachse - seine Erlebnisse bei der Beantragung eines russischen Führerscheins...























Liebe Freunde in Deutschland!

Nachdem ich die Pfarreien meines Bistum innerhalb von zwei Jahren visitiert habe, und nach den beiden großen Auslandsreisen am Beginn dieses Jahres, habe ich momentan drei Wochen Zeit für die Arbeit im Büro. Das war längst notwendig. Anfangs schob ich den Dienstschluss bis spät abends hinaus. Dennoch war keinerlei Fortschritt in der Post- und Dokumentenbearbeitung zu spüren.

Den ungewöhnlich langen Aufenthalt am Ort nutze ich u.a. auch für den längst fälligen Erwerb eines russischen Führerscheins, ohne den ich hier als in Russland Ansässiger eigentlich schon seit Jahren kein Fahrzeug mehr führen darf. Frühere derartige Versuche scheiterten an der Bürokratie. (Man wollte mir keinen russ. Führersein geben, weil mein deutscher unbefristet ausgestellt war. Sowas dürfe angeblich nicht sein,...) Oder es war einfach immer zu wenig Zeit. Muss man doch alle möglichen Ärzte konsultieren, Gutachten bringen, zur Fahrschule gehen und eine Prüfung ablegen. Von der ärztlichen Tauglichkeitsbescheinigung möchte ich hier ausführlicher erzählen.

Wegen meiner polizeilichen Meldung in Marx, kann ich alles dort, in der Kleinstadt, erledigen. Das macht Vieles leichter und billiger. Die Poliklinik von Marx ist ein großes Gebäude mit 4 Etagen und langen Korridoren. Nur hier und im Kreiskrankenhaus gibt es Ärzte.

Frühmorgens machte ich mich auf den Weg. Ich hatte mich mit einer bekannten Krankenschwester am Eingang der Poliklinik verabredet, die mir helfen wollte, nicht allzu lange anzustehen. Die Eingangshalle war voller Menschen, wie ein Bahnhof. Um die Schuhe hatten alle dünne blaue Plastiktütchen gezogen, die man an einem Tisch für ein paar Rubel kaufen muss. An der Garderobe – draussen herrschte russischer Winter – waren alle Haken voll. Die zuständige Dame zuckte nur mit den Schultern. „Legen sie seine Sachen auf einen Stuhl“, bat die Krankenschwester. Und damit hatte sie mir schon das erste Mal geholfen. Dann ging’s weiter. Haben sie ihre „Röntgenaufnahmen mit?“ fragt sie mich. - „Nein. Hab noch nie welche in Russland machen lassen.“ - „Das ist das Erste“, erklärte sie und führte mich schon in einen langen, blauglänzend gestrichenen Korridor. Rechts und links, überall stehende Menschen vor Behandlungszimmern. Man erkennt nicht genau, wer wo ansteht. Alles ist einfach voll. Nirgends eine Bank oder ein Stuhl. Durchweg einfache Leute, kein Reicher, viele Alte. Dann die Tür zum Röntgenkabinett.

Röntgen auf russisch

Hier war es noch voller. Ich sollte warten. Als von drinnen eine Assistentin heraus kam und wortlos um die Überweisungen der Wartenden bat, stürzten alle auf sie zu, wie ein Mückengeschwader auf frische Beute. Ich hatte keine Überweisung. Ein alter Mann, der kaum gehen konnte, quälte sich kurz darauf zur Tür vor und blickte zweifelnd zurück. „Gehen sie rein“, riefen ihm gleich zwei der wartenden Frauen im Duett zu, überzeugt davon, dass er schwerhörig sein müsse. „Es sind gerade Männer dran.“ Ich verstand nicht gleich. Erst als ich selbst eintrat, mit Hilfe jener Krankenschwester, wie sonst?, war es klar: Gleich hinter der Tür mussten alle, die dort auf 4 Quadratmetern Platz hatten, den Oberkörper freimachen und die Sachen auf einen einzigen Stuhl werfen. Wir waren sechs Männer: der Alte, ein blasser Jugendlicher, ein russischer Gewichtheber (bildlich gesprochen), ein hagerer kasachischer Feldarbeiter, ein allseits Tätovierter und ich. Es roch, als ob seit gestern in Marx die Wasserleitungen eingefroren seien. Nein, ich darf nicht übertreiben! Die Poliklinik ist für den ganzen Kreis Marx zuständig. Viele kommen von außerhalb und sind vor Stunden im Dunkeln zu Hause aufgebrochen, ohne Frühstück, wegen der Untersuchungen. Und dann das Warten, stehend im luft- und fensterlosen Korridor...

Unsere Warteschlange neben dem Haufen abgelegter Kleidungsstücke schaute in Richtung Röntgenapparat. Zwar stand der im Nebenraum. Eine Zwischentür gab es jedoch nicht. Da wurde geröntgt wie beim Brezelbacken. Die Laborantin, gut hinter einer dicken Wand mit einem Glasfensterchen geschützt, rief durch den Lautsprecher: „Pickel“. Ich stellte mich vor den schwitzig feuchten Schirm, Kinn hoch, Blick auf den Rest der Wartenden. Etwas gefiel der Laborantin nicht. Sie kam aus ihrem „Versteck“ und drückte mich an die Scheibe. Nach einer Minute stand ich wieder draußen im Korridor, meinen Ausweis und die Autoschlüssel immer in der Hand, weil ich die nicht in der Garderobe lassen durfte.

In der Hoffnung, dass es nun weitergehe, suchte ich die Krankenschwester. Sie nahm mich mit nach oben in den zweiten Stock, wo sie meine Jacke inzwischen sicherheitshalber in ihrem Zimmer aufbewahrt hatte. „Wann können sie wiederkommen? Es geht erst weiter, wenn die Röntgenbilder entwickelt und ausgewertet sind. Frühestens morgen.“ – Das ärgerte mich natürlich ein wenig. Wollte ich doch meine Reisefreiheit, ich meine die Freiheit von Reisen, für’s Büro in Saratow nutzen. „Morgen, so früh wie möglich, kann ich kommen“, antworte ich. Ich wollte die Sache doch hinter mir haben. Sie verschwand in ihrem Zimmer. Und ich stand noch einmal für einen Augenblick in einem dicht gefüllten, schlecht beleuchteten und lange Zeit nicht renovierten langen Gang, in dem über 100 Menschen vor Arztzimmern warteten.

Dieser Moment war für mich der bewegendste an jenem Morgen in der Marxer Poliklinik, höchstens zwei Minuten, das Geburtsdatum dieses Briefes. Ich stand, ohne zu eilen, unter vielen einfachen Menschen die warteten. Sie waren bekleidet mit ausgegangenen, handgestrickten Pullovern oder anderen abgetragenen Sachen. Die Brillen - alte Kassengestelle, die Haare - zu Hause geschnitten. Hier und da ein junges Mädchen, das sein kleines Kapital in Schönheitspflege zu investieren schien. Mir fiel auf, dass es ruhig war. Die Gegend an der mittleren Wolga hat seit langem einen schlechten Ruf. Sie ist bekannt für trinken und fluchen.

Zukunftspläne

Eine alte, kleine Frau mit Kopftuch, die direkt vor mir auf einen Stock gestützt stand, rief meinen noch nie ganz klar gewordenen Plan wieder wach, vielleicht doch in Absprache mit den Behörden ein kleines kirchliches Altersheim zu bauen. Wir könnten vielleicht sogar günstig ein leeres oder nicht fertig gebautes Haus übernehmen. Davon gibt es jetzt viele. Und wie viele Alte kenne ich, sowohl in Dörfern als auch in Städten, die ein armseliges Leben fristen!

Manche Leute schauten mich im Vorbeigehen an, als ob sie nicht sicher wären, wo sie mich schon einmal gesehen hätten. Natürlich, ich hatte fast 10 Jahre in Marx gewohnt, stand täglich am Altar, fuhr in die Dörfer im Kreis zum Unterricht, habe beerdigt, machte Hausbesuche. Wer ist mir da nicht über den Weg gelaufen! Wie würde ich wohl heute als Pfarrer arbeiten? Wie kommt man zu den Leuten, die noch weit weg vom persönlichen Glauben an Gott sind? Es passt nicht so richtig in einen allgemeinen Brief, trotzdem sage ich, dass ich mich in dem Moment dort in der Poliklinik in Marx mehr am richtigen Platz gefühlt habe, als in Abflughallen, im Büro oder bei einem Empfang in der Nuntiatur.

Wie gesagt, das waren zwei Minuten. Höchstens! Dann bekam ich meine Jacke und dankte für’s erste.

Am nächsten Morgen war hier absolutes Glatteis. Der Linienverkehr im Gebiet Saratow war unterbrochen. Gott sei Dank, und den Wohltätern auch, dass ich ein Auto habe, das mit dem Wetter zurecht kommt! Abermals stand ich in der Poliklinik vor einem Kabinett in der Traube von Wartenden. Die hier erwartete Ärztin war auch eine Stunde nach Dienstbeginn noch nicht erschienen. Eine Frau versuchte, die anderen mit hässlichen Bemerkungen aufzuwiegeln. Es gelang ihr nicht. Geduldig und still warteten wir weiter. Wie man dann in einem anderen Zimmer versuchte, Geld von mir zu nehmen, statt mich zu untersuchen, will ich nicht im Detail beschreiben. Schließlich bekam ich meine Tauglichkeitsbescheinigung und verließ die Poliklinik, höchstens aber für die Zeit von 12 Monaten, denn fahrzeugführende Brillenträger müssen hier jährlich zur Nachuntersuchung.

Der nächste Schritt, noch vor meinem Antrag auf einen russischen Führerschein, war die amtlich beglaubigte Übersetzung meines Internationalen Führerscheins, der seit 7 Jahren ungültig ist. Aber das war eine Geschichte für sich, interessant, aufreibend und lustig. Inzwischen bereite ich mich auf die Prüfung vor…

Die liturgischen Texte der Fastenzeit (in der orthodoxen Kirche beginnt sie morgen, am Montag), bemühen sich nun mit ihrer Geduld von Ewigkeit her, uns wach zu machen für das wirkliche Leben. Tatsächlich spricht uns Gott auf so vielerlei Weise an! Wir aber leben gern in einer „Sag’s nochmal!“-Mentalität vor uns hin, Jahr ein, Jahr aus, Fastenzeit rein, Fastenzeit raus.

Mit Ihnen allen, die nicht so bleiben wollen, wie sie sind, bitte ich den Herrn um Wachstum in der Liebe zu ihm und zu den Menschen um uns herum. Er möge unser Bemühen segnen mit Zeichen seiner Nähe!

Eine gesegnete Fastenzeit wünscht Ihnen allen
Ihr

Clemens Pickel
Bischof


Mehr von Bischof Pickel lesen: St. Benno-Verlag veröffentlicht das Tagebuch eines ungewöhnlichen Bischofs...

Eine Einladung zur Betrachtung mit Bischof Pickel - www.cp.aktuell.ms...




Spendenkonto: St. Clemens e.V., Pax-Bank e.G., BLZ 370 601 93, Konto-Nr. 500 4950 030

link


RSS-Feed | Newsletter | Sitemap | Impressum | Datenschutz