Generalvikar Michael Bautz predigte auf MDR-Figaro

am Sonntag, 12. Juli

Generalvikar Michael Bautz

Dresden, 13.07.09: Einen Hörfunkgottesdienst übertrug MDR Figaro, das Kulturradio des Mitteldeutschen Rundfunks, am Sonntag, 12. Juli, aus der Krankenhaus-Kapelle des St. Joseph-Stifts in Dresden. Zelebrant war der Generalvikar des Bistums, Michael Bautz.

 

Die Predigt von Generalvikar Michael Bautz zum Nachlesen finden Sie hier:

 

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Zuhörer!

 

Heute vor 14 Tagen war ich in Kuba zu Besuch, und zwar in der Gemeinde, in der ich 6 von insgesamt 9 Jahren meiner Tätigkeit leben und arbeiten durfte. Im Rahmen des Besuches von Papst Johannes Paul II. in Kuba (1998) hatte sich das Land für neue Missionare geöffnet. Auf diese Weise kam auch ich in das Land, sozusagen als mitgebrachtes Geschenk des Papstes. Seine Botschaft für das Volk war: Habt keine Angst, öffnet euer Herz für Jesus Christus. Diese Wahrheit, die er in Liebe dem kubanischen Volk überbrachte, hatte natürlich seinen Grund und seine Berechtigung. Denn nach dem Sieg der Revolution im Jahre 1959 und nach dem Versuch der Exilkubaner, das Land und Volk zurückzugewinnen, erlebte die Kirche sehr schwere Jahre. Es gab viele Exekutionen der Revolutionsgegner. So wurde das Volk demoralisiert. Dem Volk wurde gesagt, nehmt alle eure Andachtsbilder aus der Wohnung. Die wahren Helden sind nun die Revolutionäre, und das Volk hat diesen Befehl aus Angst weitgehend ausgeführt. So habe ich es in mancher Wohnung erlebt, daß das Bild von Fidel Castro neben dem Herz-Jesu-Bild hing, das jetzt wieder erlaubt wurde. Sonntags gab es damals nur noch 2 Hände voll Gottesdienstbesucher. Die Menschen hatten Angst, wenn der Pfarrer zu Besuch kommen wollte.

 

Eine alte Lehrerin erzählte mir folgende persönliche Begebenheit: In jungen Jahren war sie eines Tages zum Schuldirektor gerufen worden, der ihr folgendes sagte: Sie können nicht Lehrerin sein und zugleich sonntags in die Kirche gehen. Damit würden sie der Jugend ein schlechtes Beispiel geben. Entscheiden sie sich also. Die Lehrerin gab ihr Patent zurück. Sie wußte, daß sie Christus und die Kirche nicht verraten durfte. Vielleicht sind ihr Worte aus der heutigen Lesung oder aus ähnlichen Worten Jesu Christi in Erinnerung gekommen: "Denn in IHM hat Er uns erwählt vor der Erschaffung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor Gott; Er hat uns aus Liebe im voraus dazu bestimmt, seine Söhne und Töchter zu werden durch Jesus Christus und zu IHM zu gelangen nach Seinem gnädigen Willen zum Lob Seiner herrlichen Gnade." Die junge tüchtige Lehrerin blieb nun zu Haus und kümmerte sich um die Familie und den Hausstand. Am Samstag aber zog sie zu Fuß in verschiedene Dörfer, wo Kinder auf sie warteten, um von ihr katechetische Unterweisung zu erhalten. Eine der heutigen Katechetinnen hat mir gesagt, daß sie ihre Berufung von jener Katechetin erhalten hat, auf die sie selbst als Kind wartete, die sie mitunter in den nächsten Ort begleitet hat. Daraus ist eine kleine geistliche Freundschaft entstanden. Man kann sich die Freude kaum groß genug vorstellen, die immer dann entstand, wenn sie in ein Haus eintraten und viele Kinderaugen auf sie gerichtet waren.  

 

Die Sendung, die wir heute im Text des Evangeliums nach Markus erfahren, ist fest verwurzelt in drei Wirklichkeiten. Die erste ist die Liebe zu Jesus Christus. Indem ein Mensch eine freundschaftliche Verbindung zu Jesus Christus aufbaut, fragt er: Was soll ich tun, Herr? Die Frucht der Freundschaft ist die Sendung. Die zweite Wirklichkeit ist die ganz einfache und tiefe Liebe zu den Menschen, vielleicht besonders zu den Kindern, die sonst ohne christliche Unterweisung aufwachsen müßten. Und die dritte Wirklichkeit ist die tiefe Einsicht in die Realität des konkreten Lebens. Wer soll dahin gehen, um die Kinder zu unterweisen, wenn nicht ich. Die Katechetin ist aufgebrochen und hat die alte Missionsregel der Kirche umgesetzt. Eine zweite Person, die sie begleitet hätte, war nicht aufzutreiben oder besser, es war der Herr persönlich, der sie begleitet hat. Brot, Vorratstasche, Geld hatte sie nicht, aber sie hatte ein brennendes Herz für Kinder und konnte ihnen mit Begeisterung von Jesus Christus erzählen. Ja, mir scheint es, daß in dieser Situation die Urkirche noch einmal lebendig wurde, wo jeder mit jedem alles teilte, was zum Leben notwendig ist, auch Nahrungsmittel, Kleidung, nachbarschaftliche Hilfe und eben das Wort des Lebens in der hl. Eucharistie am Sonntag. Es ist interessant, daß die Menschen mir von dieser äußerst schweren Zeit so Großartiges und Tiefes berichtet haben. Vielleicht war es die einzigartige Erfahrung der bedrängten Christen, daß der Herr wirklich da ist, daß Er die Worte zu ihnen spricht, die sie in den Lesungen hören, daß Er ihre ganze Sicherheit bedeutet, daß Er mit ihnen geht, auch Wege durch die Gefahrenzone des Lebens, daß sie sich auf IHN hundertprozentig verlassen können.  

 

Das andere Wort, das Papst Johannes Paul II. in Kuba als Kernwort sagte, lautet: "Fahrt hinaus auf die hohe See und werft eure Netze zum Fang aus." Unter See werden alle Unbilden des Lebens, alle Bedrohungen und Gefahren verstanden. Hier merken wir natürlich, daß die Sendung Jesu nichts zu tun hat mit Schlaraffenland oder einem schönen Märchen. Jesus sendet seine Jünger und nennt zugleich seine Bedingungen. Er selbst ist eben diesen Weg gegangen. Der Menschensohn weiß nicht, wohin er sein Haupt legen soll. Er weiß um den Verrat des Judas. Er geht den Weg des Gehorsams bis zum Tod am Kreuz. Alle, die Jesus auf dem Weg der Sendung nachfolgen, werden diese Bedingungen akzeptieren müssen. Aber sie werden auch das Wort des Trostes zu hören bekommen: "So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben." Das hat vielleicht auch die Lehrerin getröstet und ihr Kraft gegeben, in ihrer Situation das Richtige zu tun. 

 

Wie wichtig die richtige Motivation in der Sendung ist, hat uns einmal der Bischof meiner Diözese in Kuba deutlich gemacht. In der Samstagausgabe der offiziellen kubanischen Zeitung wurde er als Contra revolutionario, als Feind der Revolution, gebrandmarkt Das ist das größte Schimpfwort im dortigen politischen Leben. Wir waren voller Zorn. Alle Priester der Diözese haben sich sofort mit ihm solidarisiert und ihn zu einem gemeinsamen Wandertag eingeladen. Wir haben uns mit ihm unterhalten, und seine Reaktion war: ich möchte auf keinen Fall, daß irgendjemand in unserem Land gehaßt wird. Die Botschaft der Kirche ist nicht Haß, sondern Liebe, Verstehen, Einsichten vermitteln, Vergeben. Das ließen wir uns gesagt sein. 

 

Zur Umkehr aufzurufen, bedeutet natürlich zuerst, diese Umkehr selbst zu vollziehen, selbst die Hand zu reichen, untereinander Frieden zu stiften, als wirkliche Familie zu leben, miteinander zu teilen, über Abwesende nie negativ zu reden. Das Zusammenleben der Mitbrüder ist dort viel intensiver, als wir es in Deutschland gewöhnt sind. Man braucht sich untereinander. Man fährt nie an einem Pfarrhaus vorbei, ohne wenigstens kurz hineinzugehen, einen Espresso zu trinken und sich nach dem Wohlbefinden zu erkundigen.  

 

Es ist auch interessant, wie Jesu Sendung immer zu tun hat mit der Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben, die Dämonen zu bekämpfen, nicht die Menschen. Das aber geschieht natürlich im Gebet und in der Vollmacht Christi. Hier wird die Überzeugung deutlich, daß Gott stärker ist als alle Kräfte des Bösen in der Welt. Das Kreuz Christi wird auf diese Weise zum Zeichen dafür, daß das Leben den Tod besiegt. Die wahre Liebe führt uns auf den Weg des Lebens. Jesus sagt: "Ich bin gekommen, daß sie das Leben haben und es in Fülle haben." Unser Dienst ist Sendung. Jeder, der zum Glauben gekommen ist, der die Taufe erbeten hat, der sich verwandt weiß mit dem Dreifaltigen Gott, der somit alles empfangen hat, wird versuchen, auch alles weiterzugeben und er wird dabei seine Ichbezogenheit, seine Angst um sich selbst, sein im Mittelpunkt stehen wollen, aufgeben und sein Leben einsetzen im Auftrag Christi und in Liebe zu den Menschen, die sich aus ihrer Armseligkeit heraus nach dem wahren Leben sehnen.

 

Amen  

 

Zur Krankenhaus-Kapelle:

Der katholische Frauenorden "Kongregation der Schwestern von der heiligen Elisabeth" hat seinen Ursprung in einer Erkenntnis der Gründerinnen: Sie können Gott dienen, indem sie Kranken und Notleidenden helfen. Sie wollten in den Kranken die wunden Glieder am Leibe Christi pflegen. In diesem Charisma liegt der Anfang der Kongregation, die im Jahre 1842 von Clara Wolff und ihren drei Mitbegründerinnen, Maria und Mathilde Merkert und Franziska Werner, in Neiße/Schlesien ins Leben gerufen wurde.

In der Stadt Dresden sind Schwestern dieser Kongregation seit 1860 tätig. Das Krankenhaus "St. Joseph Stift" wurde von ihnen gebaut und 1895 eingeweiht. Heute ist es ein modernes Krankenhaus, das den Geist der Schwestern in seinen Leitlinien fortlebt.

Die Kapelle Mariä Heimsuchung ist in das neue Schwesternhaus auf dem Krankenhausgelände eingebunden und wurde 1995 eingeweiht. Durch das große Glasdach fällt viel Licht in die Kapelle. Der Blickfang ist ein Flügelaltar - vermutlich aus dem 15. Jahrhundert -, welcher liebevoll restauriert wurde. Der Altar und der Fußboden sind aus Schiefer aus dem Osterzgebirge gefertigt.

In dieser Kapelle werden täglich Gottesdienste gefeiert, die Konventsmessen der Schwestern, Gemeindemessen der Nachbargemeinde sowie Jubiläumsfeiern, Dank-Gottesdienste und Patronatsfeste der Ordensgemeinschaft und des Krankenhauses.

Krankenhaus-Kapelle "St. Joseph Stift"
Wintergartenstr.15/17
01307 Dresden 

 

http://www.mdr.de/mdr-figaro/



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