Bischof Reinelt predigte zum Christkönigsfest im MDR

bei der Gottesdienstübertragung aus der Dresdner Kathedrale am 22. November

Bischof Joachim Reinelt


Bischof Joachim Reinelt      
Predigt am 22. November 2009
Christkönig
 
 Liebe Schwestern und Brüder!

 Das Fest Christus König und Herr der ganzen Schöpfung ist nicht nostalgischer Rückblick auf aristokratische Zeiten, sondern Feier dessen, der Alpha und Omega, Anfang und Ende, Ziel und Sinn der ganzen Schöpfung ist.   D e r   Menschensohn, der vollkommene Mensch wie Raphael Mengs ihn in unserem Altarbild mit großer künstlerischer Perfektion darstellt. Der Befreite, der in sich selbst diese Welt in das Glück des liebenden Vaters führt. „Er liebt uns und hat uns von unseren Sünden erlöst durch sein Blut; er hat uns zu Königen gemacht." (Offb 1,5)
Königliches Gottesvolk.  W i r   sind das Volk. 2000 Jahre hat dieses Volk Gottes seine Herrlichkeit bejubelt und besungen. Unser Dresdner Kapellknabenchor stimmt seit 300 Jahren in dieses Jubilate ein. Weltberühmte Komponisten haben für diese frühere Hofkirche musikalische Kunstwerke geschaffen, die zum Ausdruck bringen, was Worte allein nicht zu sagen vermögen, worüber aber nicht geschwiegen werden kann. So ist in dieser heutigen Kathedrale des Bistums Dresden-Meißen die Musik als die erhabenste aller Künste die Form des Gebetes, die uns in besonderer Weise in die Nähe Gottes führt.„Sein Reich geht niemals unter." Ihm singen wir das Kyrie und Gloria. Zu ihm bekennen wir uns in einem herausfordernden Credo. Ihn beten wir an im demütigen Sanctus. Seine hingebende Liebe erahnen wir im geheimnisvollen Agnus.

 Tausende Male haben unsere Kapellknaben in den 300 Jahren ihres Wirkens Menschen bewegt, in das große Danke der Eucharistiefeier einzustimmen und so ihren suchenden Herzen die Antwort zu geben, die dem Menschen Sinn verleiht. Hier wird eine der besonderen Fähigkeiten des Menschen gepflegt, die einen hohen Wert hat. Gesang, Musik entspricht dem Wesen des Menschen. Eine Gesellschaft, die das Singen verlernt, verliert an Menschlichkeit.
Deshalb wird an unserem, ebenfalls dreihundertjährigen, St. Benno-Gymnasium die Musik ganz besonders gefördert. Die junge Generation ist offen dafür und engagiert sich leidenschaftlich. Das lässt hoffen.

 Immer wieder ergaben sich in den 300 Jahren viele Anlässe, dem zu jubeln und zu danken, der Anfang und Ende allen Seins ist und das Steuer in der Hand behält. Wenn nach den Kriegen endlich wieder Frieden war, wenn Gewaltherrschaft und Terror besiegt waren, und besonders, wenn zu den großen Festen des Kirchenjahres der Heilstaten Gottes gedacht wurde, war im Singen die Dankbarkeit der Herzen erfahrbar. Diese gemeinsame Erfahrung verbindet, eint.
Es ist ein überall zu beobachtendes Phänomen, dass nach den Gottesdiensten die meisten Besucher noch lange beisammen bleiben. Und wenn die geistliche Musik die Menschen besonders ergriffen hat, ist das nach der Feier deutlich an den Gesichtern ablesbar. Glaube künstlerisch vermittelt, hat eine spezifische Wirkung, weil Glaube nicht bloß Denken ist.
 
Die Überfrachtung unserer Gottesdienste mit Denkprozessen ist der katholischen Messe, Gott sei Dank, fremd. Glaube ist wesentlich Geschenk. Musik ist einer der vornehmsten Vermittler der Gnadengaben Gottes. 

In den 300 Jahren unserer Chormusik gab es aber auch genügend Anlass, Klagelieder zu singen. Seuchen, Hunger, Bombenterror, Vertreibung, Gewaltherrschaft und Glaubensfeinde ließen uns immer wieder den Psalm anstimmen: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir." (PS 130,1)
Es hat den gepeinigten Menschen gut getan, glauben zu können, dass ein liebender Gott die Sorgen und Qualen der Bedrängten auf sich nimmt. Die rettende Kraft des Vaters aller Menschen wurde voll Vertrauen angerufen: Miserere nobis - erbarme dich unser.

 72 Priester unseres Bistums wurden von den Nazis brutal ohne Schuld bestraft bis zur Ermordung im KZ. So traf es den Jugendseelsorger dieser Pfarrei Alois Andritzky, dessen Seligsprechung bevorsteht. Tränen und Gebete.
Bald nach dem Ende dieser Schreckensherrschaft kam die Unterdrückdung der SED. Unzählige Gemeindemitglieder wurden vom DDR-Unrechtsstaat des Glaubens wegen massiv drangsaliert: Ausschluss aus höherer Bildung und Leitungsverantwortung, Verhöhnung und Missachtung manchmal schon in der Schule. Das war schmerzlich und ließ aus tiefstem Grunde schreien: „Herr, rette uns, sonst gehen wir zu Grunde." 

Wenn dieser Aufschrei der Seele in Gesang gekleidet war, reflektierte er bereits überzeugend die Zuversicht: Gott wird uns befreien. 

Am Ende kam der Tag der Freiheit überraschend schnell. Und die Bedrängten, die sich nicht feig angepasst hatten, gingen gestärkt aus der Epoche der Unterdrückung hervor. Es ist eine der unvergesslichen Erfahrungen der Geschichte Gottes mit uns Menschen, dass die Ideologien der Gottesfeindschaft des 20. Jahrhunderts in sich selbst zerfallen sind, freilich nach einer Zeit der großen Opfer.
Alle Feindschaften gegen Gott werden so zerfallen. Wenn auch immer wieder die Vertreter des königlichen Volkes Gottes vor dem Pilatus der jeweiligen Machthaber angeklagt werden, wie es dem Sohn Gottes selbst geschah, so wird doch das letzte Wort allein der haben, der Anfang und Ende der Geschichte bleibt. Deshalb singen wir aus tiefster Überzeugung im Gloria: „Du nimmst hinweg, du vernichtest die Sünde der Welt."

 Von allem Unsinn aus bösen Herzen und dummen Köpfen bleibt nichts übrig. Er allein ist das Alpha und das Omega, niemand anderes. Seine Liebe ist unbesiegbar.

 Deshalb singen wir Zukunft. Wir wissen, dass wir das bleibend Künftige nicht produzieren können. Darum ist ein Lied auf unseren Lippen, das die Kirche von Anfang an singt: „Veni, sancte spiritus - komm, heiliger Geist. Gott, sende aus deinen Geist und du wirst das Angesicht der Erde erneuern."

 Diese Erde braucht wahrhaftig ein neues Angesicht. Wir müssen es herbei beten, herbei singen. In dieser Verbrauchergesellschaft soll laut der Gott besungen werden, der kein Verbraucher ist, sondern sich verbrauchen lässt wie am Kreuz, so in der Hostie.

 Dieser Gott, der die Geistlosigkeit unserer Tage verwandeln kann in Menschen mit Geist, mit Herz, mit Stärke für den anderen, mit wahrer Liebe. Endlich rufen viele mit uns nach den Werten des Geistes. Man hat die Entwertung der Würde und Unantastbarkeit des Menschen satt. Immer mehr begreifen, dass Mut zur Wahrheit, Treue zum gegebenen Wort, Verantwortung für das Ganze und leidenschaftlicher Einsatz für die Gemeinschaft unverzichtbare Grundlagen für den Bestand der kommenden Generation sind. Das sind Gaben des Heiligen Geistes. Die wollen erbeten sein. Veni, komm! Mit Herz und Stimme rufen wir zu ihm, der dieser Erde ein neues Gesicht geben kann.
So singen wir Zukunft. Wir brauchen eine Zukunft, in der die Aufmerksamkeit des Gewissens wieder eine große Rolle spielt. Vertrauen und Zuversicht sind unverzichtbare Voraussetzungen für eine Welt, die in rasender Geschwindigkeit zusammenwächst. Die verbindende Kraft der Kultur hat schon jetzt Erfolg. Die Vielfalt menschlicher Kulturen wird weltweit von den Völkern geschätzt. Die Nationen bewundern sich gegenseitig ob der Kostbarkeiten, die in der Geschichte hervorgebracht wurden. Die Welt muss gewissermaßen zusammen gesungen werden, um die Schwächen politischer Macht und wirtschaftlichen Egoismus zu überwinden.

 Der Austausch der Kulturen kann zu einem Austausch mit Herz und Geist werden. Wirkliche Kultur hat immer auch religiösen Charakter. Sie überschreitet von sich aus die engen Grenzen des bloß Machbaren. Sie ist mehr als Spaß. In ihr ist Freude, ist Dankbarkeit und immer Hoffnung. Darum: „Die Zeit, die du mir lässt, Herr, will ich DIR Lieder singen." Amen.


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