Christbaum hinter Stacheldraht

Prälat Scheipers denkt in seinen Adventserinnerungen zurück an Weihnachten im KZ Dachau, in der Sowjet-Zone und nach 1989

Prälat Hermann Scheipers - Priester des Bistums Dresden-Meißen.

Prälat Hermann Scheipers (96) - Priester und Ehrendomkapitular des Bistums Dresden-Meißen - lebt heute in seiner Heimatstadt Ochtrup im Münsterland.

ADVENT - Weihnachten steht vor der Tür. Dies Fest von der Geburt eines Friedensfürsten für die ganze Menschheit war den Machthabern der beiden totalitären Diktaturen im vergangenen Jahrhundert ein Dorn im Auge. Aber sie mussten es dulden. Zu sehr war es seit Jahrhunderten verwurzelt im Leben ihrer Völker. So wurden alle öffentlichen Feiern nur Täuschung und Schein. Aber ganz besonders brutal in den Konzentrationslagern. Meine Gedanken wandern zurück in die Jahre 1941 und 42.

Weihnachten im KZ Dachau: Der auf Befehl von Berlin aufgestellte Christbaum stand auf dem Appellplatz genau an der gleichen Stelle, wo wir oft die Schreie der öffentlich Ausgepeitschten hörten, dort stand auch der Galgen mit den Leichen der erhängten Häftlinge.Tiefe Wehmut erfüllte uns, nicht nur in Erinnerung an die Heimat, wir trauerten auch um die 730 priesterlichen Mitbrüder, die inzwischen buchstäblich verhungert waren.

Immerhin durften wir am Heiligen Abend mit Erlaubnis des kommunistischen Stubenältesten vor dem Schlafengehen einige Weihnachtslieder summen. Unvergesslich bleibt mir die Geste eines Ordenspriesters: Er schenkte mir eine winzige Büchse Sirup, die er irgendwo organisiert hatte. Über kein Weihnachtsgeschenk habe ich mich später jemals so gefreut wie an diesem Abend. In den folgenden Jahren ging es uns besser. Die Katastrophe von Stalingrad zwang die Nazis, alle KZ-Häftlinge als Arbeitskräfte für den „Endsieg" einzusetzen. Wir konnten daraufhin Lebensmittelpakete empfangen, was zu reichlichen Weihnachtspaketen aus der Heimat führte. Der Höhepunkt aber war das Weihnachtsfest 1944: Der durch einen französischen Bischof insgeheim zum Priester geweihte Diakon Karl Leisner feierte seine Primiz: sein erstes und zugleich letztes Messopfer. 

1946 - Übergang in die kommunistische Diktatur der DDR: Am 1. Weihnachtsfest 1946 in der damaligen Sowjet-Zone, konnte ich den zahlreichen Heimatvertriebenen aus Schlesien,  Böhmen und Ostpreußen zu Hilfe eilen, die wie eine Herde ohne Hirten auf einen Seelsorger warteten. In den nun geöffneten evangelischen Kirchen habe ich an den 3 Festtagen 13 hl. Messen gefeiert, ununterbrochen per Leichtmotorrad unterwegs.  Auch in der Folgezeit erneut Hunger und zermürbender Kampf mit einem atheistischen Regime.

Trotzdem gehören diese Jahre zur schönsten Zeit meiner priesterlichen Tätigkeit, denn Menschen, die alles verloren haben, sind leichter offen für die Botschaft Christi von der Heimat des Reiches Gottes, die ihnen niemand mehr rauben konnte. Das Licht des Mensch gewordenen Gottessohnes kam in die Welt. "Aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse", sagt der Apostel Johannes. Welch ein Glück, als Christ leben zu dürfen in all den Jahren des Kampfes zwischen Finsternis und Licht. 

1989 nach der Wende: Endlich wieder Weihnachten in Freiheit, in der Heimat und im wieder geeinten Deutschland. Doch belastet durch Kommerz und oberflächliches Feiern in einem Leben ohne Gott. Aber in meinen Stasi-Akten bei der Gauck-Behörde entdecke ich zu meinem Schrecken, dass mir durch einen Prozess wegen „staatsfeindlicher Hetze" ein Weihnachtsfest im „Gelben Elend", dem politischen Gefängnis zu Bautzen in der ehemaligen DDR zugedacht war. 

Ich wünsche allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest. 
Hermann Scheipers


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