Stolperstein für Erzpriester Dr. Benno Scholze in Pirna

Sorbischer Seelsorger überlebte vierjährige Haft im KZ Dachau

Erzpriester Dr. Benno Scholze

Erzpriester Dr. Benno Scholze

Pirna, 02.12.2013 (KPI): Einen „Stolperstein“ zur Erinnerung an den katholischen Erzpriester Dr. Benno Scholze (1891-1966) lässt der Künstler Gunter Demnig am Freitag, 6. Dezember, um 9 Uhr vor der Pirnaer Pfarrkirche St. Kunigunde (Dr. Wilhelm-Külz-Straße 3) ins Pflaster ein. Mit den als „Stolperstein“ bezeichneten Gedenkplatten, die der Künstler seit Mitte der 90er Jahre verlegt, soll an das Schicksal von NS-Opfern erinnert werden.

Benno Scholze, der 1938 Pfarrer von Pirna wurde, überlebte eine vierjährige Haft im Konzentrationslagers Dachau. Als Priester und Publizist hatte er sich vehement gegen den Nationalsozialismus engagiert. In Predigten und Versammlungen wandte er sich gegen das NS-Regime. Zudem setzte sich der aus Radibor stammende Sorbe für Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Polen und der Slowakei ein. Als „Staatsfeind“ wurde er dafür zu Jahresbeginn 1941 verhaftet und von April des gleichen Jahres bis April 1945 im Priesterblock des KZ Dachau inhaftiert. Nach seiner Rückkehr aus Dachau wirkte Benno Scholze bis zu seinem Tod 1966 erneut als Pfarrer in Pirna.

Im Anschluss an die Stolpersteinverlegung lädt Pfarrer Norbert Büchner aus Pirna zu einer Heiligen Messe in die Pfarrkirche ein. Im Gottesdienst soll besonders des Erzpriesters Scholze und aller Opfer der NS-Zeit gedacht werden.

Über 42.000 Stolpersteine sind von Gunter Demnig inzwischen in 15 europäischen Ländern verteilt. Die auf einem Betonsockel angebrachte Messingtafel für Benno Scholze in Größe eines Pflastersteines wird die Inschrift tragen „Erzpriester Dr. Benno Scholze. Jg. 1891. Im christlichen Widerstand. Polenseelsorger. Verhaftet 1941. Dachau. Befreit / Überlebt.“

In Pirna erinnert bereits eine Straße auf dem Sonnenstein an Erzpriester Dr. Benno Scholze.

MB


Erzpriester Dr. Benno Scholze
• Geboren am 16.10.1891 in Radibor.
• Theologiestudium in Prag.
• Priesterweihe am 12.8.1916 in Bautzen.
• 1916-1920 Kaplan in Leipzig-Propsteikirche
• 30.7.1920 an der Universität Leipzig zum Dr. der Philosophie promoviert.
• 1920-1926 Kaplan in Leipzig-Lindenau
• 1926-1937 1. Pfarrer in Markranstädt
• 1938-1966 Pfarrer in Pirna
• 15.1.1941 Inhaftierung in Dresden durch die Gestapo
• 25.3.1941 Überführung ins KZ Dachau
• 12.7.1945 Rückkehr aus Dachau
• 4.8.1966 in Dresden verstorben
• 8.8.1966 auf dem Friedhof in Pirna beerdigt


Leben und Wirken von Erzpriester Dr. Benno Scholze

Am 1. Juli 1938 wurde Dr. Benno Scholze in sein Amt als Pfarrer der Katholischen Pfarrgemeinde St. Kunigunde Pirna eingeführt. Schon in seiner bisherigen Pfarrgemeinde Markranstädt galt er als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Er wirkte auch als Leiter der Rundfunkarbeitsgemeinschaft Deutscher Katholiken beim Mitteldeutschen Rundfunk des Reichssenders Leipzig sowie als Mitbegründer und Schriftleiter des „St. Benno-Blattes“, einer Zeitschrift des Bistums. Das alles brachte ihm jahrelange Beobachtung durch die Gestapo und häufige Konflikte mit der NS Sendeleitung ein, die ihm schließlich diese Arbeit unmöglich machten. Deshalb folgte er dem Ruf des Bischofs, die Pfarrei Pirna zu übernehmen. Hier wurde er „während der NS-Zeit der Mittelpunkt der katholischen Widerstandsbewegung in Pirna“.

Sein Hauptaugenmerk richtete Pfarrer Dr. Benno Scholze darauf, die Gemeindemitglieder in- und außerhalb der Kirche enger zu einer Bekenntnisgemeinschaft „gegen die Zeitströmung des Nationalsozialismus, die alles Christliche unterhöhlen und nach und nach vernichten will“, zusammenzuschließen. Das geschah in seinen Predigten, in Versammlungen der Pfarrgemeinde und vor allem unermüdlich im Gespräch mit seinen
Gläubigen. Kirchenvorstand und Vereinsvorsitzende waren ihm dabei wertvolle Helfer.

Als gebürtigem Sorben gehörte es von jeher zu seinen Pflichten als Pfarrer, polnische und slowakische Saisonarbeiter seelsorgerisch zu betreuen.
Das erstreckte sich auch auf die Vertretung ihrer sozialen Belange. Nach Beginn des zweiten Weltkrieges erhielt Dr. Benno Scholze die Genehmigung
zur Seelsorge für polnische Kriegsgefangene. So wurde u. a. auch das Kriegsgefangenenstammlager Nr. IV A auf Burg Hohnstein eine seiner
Wirkungsstätten. Den hier untergebrachten polnischen Offizieren war er bald ein echter Vertrauter.

Nach dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich gelang es ihm, auch das Kriegsgefangenenlager für französische Generäle und Offiziere auf der Festung
Königstein zeitweilig in seine seelsorgerischen Dienste einzubeziehen. Hinzu kam die Seelsorge, vor allem aber die materielle Hilfe in vielfältiger
Form, die Dr. Benno Scholze den zivilen polnischen Zwangsarbeitern in Pirna und Umgebung angedeihen ließ. Dabei wurde er von namentlich
nicht mehr bekannten Mitgliedern seiner Kirchgemeinde tatkräftig unterstützt.

Nachdem am 8. März 1940 die Reichsregierung ein ganzes Paket von Erlassen verkündet hatte, mit denen die polnischen Zwangsarbeiter durch Verbote und Strafandrohungen unwürdig reglementiert wurden, erhielten nun auch Seelsorge und solidarische materielle Hilfe illegalen „verbotswidrigen“ Charakter. Denn auch an kirchlichen Veranstaltungen durften sie nicht mehr teilnehmen.

Diese gesamte Tätigkeit Dr. Benno Scholzes war der Gestapo natürlich nicht verborgen geblieben. Am 15. Januar 1941 schlug sie zu. Er wurde
verhaftet und in das Polizeigefängnis Dresden eingeliefert. Doch Gestapo und Staatsanwaltschaft gelang es nicht, ihn der „Feindbegünstigung“ und
„hochverräterischer Machenschaften“ zu überführen. Deshalb wurde er am 4. April 1941 als „des Hochverrats verdächtiger Staatsfeind“ in das KZ
Dachau „überstellt“. Hier durchlebte er im berüchtigten „Priesterblock“ 26 über vier lange Jahre das Martyrium der „Frommen in der Hölle“, gleich
seinen katholischen Amtsbrüdern von den SS-Wachmannschaften mit besonders satanischem Hass verfolgt und erniedrigt.

Doch am 29. April 1945 schlug auch für ihn endlich wieder die Stunde der Freiheit. Auf dem Sonnenstein in Pirna erinnert eine Straße an den unbeugsamen
Gegner des NS-Regimes, an den Geistlichen Rat, Erzpriester Pfarrer Dr. Benno Scholze.


Gunter Demnig – der Künstler und seine Intension der Stolpersteine
• 1947 Geboren in Berlin
• 1967 Abitur
• 1967 Studium Kunstpädagogik, HfbK Berlin
• 1969 – 1970 Studium Industrial Design, HfbK Berlin
• 1971 Studium Kunstpädagogik, Kunstakad. Kassel
• 1974 – 1977 Studium Freie Kunst, Uni Kassel,
• 1977 – 1979 Denkmalsanierung; Planung, Leitung,
• 1980 – 1985 künstl.-wissen. Mitarbeiter Uni Kassel
• 1985 Atelier in Köln.
• 1987 Mitglied im INTERNATIONALEN KÜNSTLERGREMIUM
• 1994 Kurator im IGNIS-Kulturzentrum,
• 1990 Erste Aktion zur Erinnerung an die Deportation von Sinti und Roma aus
Köln im Jahr 1940
• 1993 Entwurf zum Projekt STOLPERSTEINE
• 1997 Erste Verlegung in Berlin-Kreuzberg (nicht genehmigt; später legalisiert)
• 2000 STOLPERSTEINE in Deutschland und Europa


Zum Hintergrund der Stolperstein-Verlegung
Sicherlich sind Sie schon einmal über einen „gestolpert“, über einen Stolperstein, so wie ihn der Künstler Gunter Demnig seit 1997 verlegt. Mit dem mit einer Messingplatte versehene Betonstein in der Größe eines Pflastersteines erinnert Demnig an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort diese Steine ins Trottoir einlässt.

Mittlerweile sind es über 45.000 Steine in 650 Städten Deutschlands und über die Grenzen des Landes hinaus. Demnigs Stolpersteinintention ist, nicht etwa Menschen auf Gehwegen zum Stürzen zu bringen, sondern durch die Erinnerung und das Gedenken an einen Menschen, der hier gewohnt hat, und über die grauenhafte Geschichte in der NS-Zeit mit dem Kopf und dem Herzen zu „stolpern“ und somit auf ihn aufmerksam zu machen. 

Die Pirnaer Pfarrgemeinde will einen solchen Gedenkstein anbringen, der an Erzpriester Dr. Benno Scholze erinnern soll.

"Immer wieder 'stolpern' wir in der Gemeindechronik und in den Erzählungen von damals und heute über diese Persönlichkeit, der über 28 Jahre in der Pfarrei St. Kunigunde in Pirna Seelsorger war. Da der Erzpriester Dr. Benno Scholze vor 75 Jahren als Seelsorger nach Pirna kam und vor 45 Jahren verstarb, soll dass den zeitlichen Anlass bieten, einen Stolperstein für ihn anzubringen", so die Gemeinde.

www.kath-kirche-pirna.de



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