Aufarbeitung auf neues Fundament stellen
Verbindliche und institutionalisierte Beteiligung Betroffener als Herausforderung
Dresden. Seit Januar 2026 bemüht sich das Bistum Dresden-Meißen, Betroffene sexuellen Missbrauchs aus dem Bereich der Katholischen Kirche in Sachsen und Ostthüringen für die Beteiligung am Prozess einer unabhängigen Aufarbeitung zu gewinnen.
Ziel der Aufarbeitung ist es zu klären, welche Strukturen die sexualisierte Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen im Bistum begünstigt haben und warum eine zeitnahe Aufdeckung oft nicht stattfand. Des Weiteren soll die Aufarbeitung Empfehlungen zum Umgang mit dem Geschehenen erarbeiten und Konsequenzen für die aktuelle Präventionsarbeit ziehen. Die Erfahrungsdimension betroffener Personen stellt dabei einen zentralen Beitrag dar, damit dies wirksam und glaubwürdig geschehen kann.
Weder eine öffentliche Ausschreibung noch die Veröffentlichung in der Kirchenzeitung „Tag des Herrn“ oder die entsprechenden Aufrufe in den Pfarreien des Bistums führten allerdings zur Meldung von Betroffenen.
Bildung einer Aufarbeitungskommission und Auftrag zur Grundlagenstudie
Um dennoch den Prozess der Aufarbeitung fortsetzen zu können, hat das Bistum zwei Entscheidungen getroffen:
Zum einen wird eine Aufarbeitungskommission gemäß der Gemeinsamen Erklärung der Deutschen Bischöfe mit der „Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen“ gebildet. In der Aufarbeitungskommission sind Plätze für Betroffene vorgesehen. Leider haben sich derzeit keine Personen, die im Bistumskontext betroffen sind, gefunden, welche dort mitarbeiten möchten. Daher bleiben diese Plätze vorerst vakant. Dabei bleibt das Bistum von der Vorstellung getragen, dass ohne eine Beteiligung der Betroffenensicht eine wirkliche Aufarbeitung nicht möglich ist. Betroffene aus dem Bistum Dresden-Meißen werden daher erneut gebeten, eine Mitarbeit für sich zu prüfen. Weitere Informationen dazu sind auf der Homepage des Bistums unter www.bistum-dresden-meissen.de/aufarbeitung zu finden.
Zum anderen hat das Bistum den Historiker Dr. Bernd Schäfer beauftragt, anhand der diözesanen Unterlagen und Quellen sowie staatlicher Archive und Akten der Staatssicherheit der DDR die Missbrauchsfälle an Kindern, Jugendlichen und Schutzbefohlenen im Bistumsgebiet zusammenzustellen. Der Auftrag umfasst den Zeitraum von 1945 bis zur Gegenwart. Dabei wird auch der institutionelle Umgang mit diesen Fällen dokumentiert und analysiert werden.
Publikation Mitte nächsten Jahres vorgesehen
Diese Studie soll für die Arbeit der Aufarbeitungskommission eine belastbare Faktengrundlage bieten. Sie ersetzt weder die Frage nach strukturellen Ursachen noch nach notwendigen Konsequenzen. Dies ist Aufgabe der Aufarbeitungskommission, die bei Bedarf darüber hinaus weitere Forschungsaufträge vergeben kann. Eine Veröffentlichung der Studie von Dr. Schäfer ist für Mitte 2027 vorgesehen. Generalvikar Kutschke verbindet mit der Veröffentlichung auch die Hoffnung, dass sich weitere Betroffene beim Bistum melden und insgesamt leichter zur Mitarbeit bereitfinden würden, wenn sie anhand der Studie den transparenten Umgang mit den Verbrechen des Missbrauchs wahrnehmen.
Bernd Schäfer ist ein deutsch-amerikanischer Historiker und profilierter Wissenschaftler, der intensiv zur DDR-Geschichte, zum Kalten Krieg und insbesondere zum Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) geforscht und publiziert hat. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören, neben der Rolle der Stasi, Fragen des Staat- und Kirchenverhältnisses sowie internationaler Beziehungen im Kalten Krieg. Dr. Schäfer forschte unter anderem am Deutschen Historischen Institut in Washington D.C., am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden sowie an Universitäten in Seoul, Shanghai und Krakow. Als Senior Scholar war er am renommierten Cold War International History Project (CWIHP) in Washington, D.C. tätig und unterrichtete an der George Washington University eben dort. Zwischen 1993 und 1997 begleitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter die Stasi-Überprüfung der katholischen Kirche in Ostdeutschland.
Im April 2020 hatten sich die katholischen deutschen Bischöfe verpflichtet, in jeder Diözese Kommissionen zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs einzurichten. Für den Bereich des Bistums Dresden-Meißen war dies gemeinsam mit dem Erzbistum Berlin, dem Bistum Görlitz und der Katholischen Militärseelsorge erfolgt. Im Juni 2025 scheiterte deren Arbeit an anhaltenden kommunikativen Problemen.