Die Kirche als Akteurin in der Gesellschaft?

Rückblick auf die Weiterbildungen für Pfarrgemeinderatsvorsitzende 2019

Schmochtitz/Bautzen, 15.02.2019 (bbh): Anfang jedes Jahres lädt die Hauptabteilung Pastoral und Verkündigung die Vorsitzenden der Pfarrgemeinderäte ins Bischof-Benno-Haus zu einem Weiterbildungs-Wochenende ein. Auf dem Programm stehen dabei der Austausch über die aktuelle Situation in den jeweiligen Verantwortungsgemeinschaften und Pfarreien, geistliche Impulse und Vertiefung, sowie das Gespräch über aktuelle Themen im Bistum.

Anlässlich der bevorstehenden Landtagswahlen drehte sich diesmal alles um die Frage: Wie bringt sich Kirche als Akteurin in der Gesellschaft ein? Welches Engagement gibt es schon und welche Herausforderungen sind zu meistern? Ist in unseren Gemeinden eine Debatten- und Streitkultur vorhanden, die es uns möglich macht, auch politische Meinungsverschiedenheiten zu thematisieren? Welche Möglichkeiten gibt es für die Gemeinden, sich am gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen?

Um möglichst viele konkrete Eindrücke zu vermitteln, waren engagierte Personen aus dem Bistum eingeladen, die davon berichteten, wie sie in Projekten und Initiativen bei sich vor Ort als Kirche Präsenz zeigen.

Politischer Diskurs: Tabu-Thema in den Gemeinden?

Der Freitagabend startete mit einem „Positionsbaromenter“, bei dem die Teilnehmenden eingeladen wurden zu verschiedenen Thesen Stellung zu nehmen: „In unserer Gemeinde wird eine Kultur der Aufmerksamkeit gelebt.“ oder „Alle Christen/-innen müssen zusammenarbeiten, egal, was sie politisch denken.“ In einer anschließenden Auswertungsrunde wurde deutlich, dass politischer Diskurs in unseren Gemeinden eher ein Tabu-Thema ist, dass es aber dennoch Gemeinden gibt, welche sich aktiv an gesellschaftlichen Aktionen beteiligen. Um den Teilnehmenden einige gelungene Beispiele zu präsentieren, bei denen Kirche versucht, ihrem Sendungsauftrag gerecht zu werden, kamen danach Gäste zu Wort, die Projekte und Initiativen vorstellten.

Zum einen präsentierte sich das pastorale Projekt „Bunte Kirche Neustadt“ (Dresden), dessen Mitarbeiterinnen in einer „Ladenkirche“ durch offene Türen und Ohren Interessierten einen Raum bieten, wo sie über Lebens- und Glaubensthemen ins Gespräch kommen können. Neben ihren eigenen Angeboten beteiligen sie sich auch an größeren Veranstaltungsformaten, weil sie im Stadtteil sehr gut mit bürgerlichen und kirchlichen Initiativen vernetzt sind.
Eine konkrete Initiative, bei der sich die katholische Gemeinde Ostritz und die Dekanatsjugend Bautzen beteiligten, ist das Ostritzer Friedensfest, das 2018 zwei Mal stattfand und 2019 eine Wiederauflage erfährt. Durch Gemeindereferent Stephan Kupka und Jugendreferent Matthias Walczak wurde vorgestellt, wie das Engagement der Christen in der Stadt und der Region als hilfreich und notwendig wahrgenommen wird, wenn es darum geht, angesichts von Aktivitäten der Neonazis ein Zeichen für Toleranz, Menschlichkeit und Frieden zu setzen.

Kirche über Kunst im gesellschaftlichen Dialog


Ganz frisch gedruckt sind die Programmhefte und Plakate für das Kunstprojekt „Licht bewegt“ in Bautzen, das in Zusammenarbeit mit dem Künstler Ludger Hinse entstand. In ökumenischer Zusammenarbeit und in Kooperation mit Musikern, Schauspielern, Fachleuten und noch vielen weiteren Akteuren wurde ein eng getaktetes Programm entworfen, das von Aschermittwoch bis Pfingsten an unterschiedlichsten Orten in Bautzen zu erleben ist. Dompfarrer Veit Scapan warb für dieses Projekt und machte deutlich, wie die Kirche durch Vorträge, Konzerte, Führungen, Podien, spirituelle Angebote und Mitmach-Aktionen „ihre Themen“ setzt und über das Medium Kunst in den gesellschaftlichen Dialog tritt „über das, was uns Licht ist, über das, was uns bewegt“.

Wie sich eine Gemeinde einer bestehenden stadtweiten Initiative anschließen und durch die Kooperation mit anderen Akteuren Kräfte bündeln kann, erläuterte am ersten Weiterbildungswochenende Andreas Milke aus der Pfarrei Dresden-Zschachwitz. Er berichtete vom Wohnungslosen-Nachtcafé, für das seine Pfarrei  seit vielen Jahren von November bis April ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellt. In der kalten Jahreszeit kann somit erwachsenen Obdachlosen Unterkunft und Verpflegung angeboten werden. Ehrenamtlich engagieren sich dort nicht nur Mitglieder aus der eigenen Gemeinde und Verantwortungsgemeinschaft, sondern auch Bewohner aus der Umgebung und evangelische Christen aus der Nachbargemeinde. Auch die Katholische Pfarrei St. Petrus Dresden-Strehlen ist ein Ort, an dem das Nachtcafé stattfindet.

Umgang mit Meinungsverschiedenheiten

Am Samstagvormittag ging es darum, dass es Aufgabe der Kirche ist, das Gespräch mit anderen zu suchen. Aus den Erfahrungen der Teilnehmenden wurde deutlich, dass über politische Meinungen und Einstellungen eher nicht gesprochen wird. Das Bistum Magdeburg hat daher eine lesenswerte Broschüre herausgegeben, die genau dieses Problem thematisiert und Hinweise dazu gibt, was möglich ist und was man bedenken sollte, wenn man z. B. beschließt, ein Gesprächsformat zu entwickeln.

(Mehr dazu: http://hingucken-denken-einmischen.de/media/2018/2.18_Kultur_der_Aufmerksamkeit-fr_Weltoffenheit_u_Demokratie.pdf)

Eckpunkte für GesprächsformateWie bei den ersten Christen mit Meinungsverschiedenheiten umgegangen wurde, bei denen es an die Substanz ging, wurde durch die Betrachtung des Bibeltextes über das „Apostelkonzil“ (Apg 15,1-29) deutlich.

Am Nachmittag wurde an die Erkenntnis mehrerer Teilnehmerinnen und Teilnehmer angeknüpft, dass es vor allem die Kirchlichen Orte sind, die der Kirche in der Gesellschaft ein Gesicht geben. Wiederum kamen mehrere Personen zu Wort, die in ihrer Arbeit für Dialog und gesellschaftliches Engagement eintreten.

Kirche im Dialog mit der Gesellschaft

Silke Maresch, Leiterin der Beratungsdienste bei der Caritas Pirna und Mitglied der dortigen Pfarrgemeinde, berichtete über verschiedene Initiativen, die vom Caritasverband ausgehen und bei denen sich auch Gemeinden aktiv einbringen können. Ob es eine Schulranzen-Spendenaktion für Kinder ist, die Gestaltung einer Weihnachtsfeier für Menschen, die „zwischen den Jahren“ alleine zu Hause sind oder die Beteiligung an der „Eine Million Sterne“-Aktion der Caritas international, bei der Bürgerinnen und Bürger in ihrer Stadt durch das Aufstellen von Kerzen ein gemeinsames Zeichen für friedliches Miteinander setzen: Solche Aktionen sind gute Möglichkeiten, an die Gemeinden andocken können, ohne mit viel Aufwand selbst etwas ganz Neues entwickeln zu müssen.

Peter-Paul Straube, Rektor des Bischof-Benno-Hauses, gehört seit 2015 einer freien Bürgerinitiative an, welche die sogenannten „Bautzener Gespräche“ ins Leben gerufen hat. Diese Gruppe organisiert Fachvorträge, Begegnungen, Lesungen und Diskussionsrunden, bei denen Experten/-innen aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft zu einem überparteilichen und generationsübergreifenden Austausch über gesellschaftliche Fragen und aktuelle Probleme in der Stadt und im Landkreis Bautzen einladen. Besonders die aktuelle Situation in Bautzen und Umgebung machte deutlich, wie dringend erforderlich der Dialog in dieser Region ist.

Schließlich kam Martina Breyer, Vorsitzende des Katholikenrats, zu Wort. Sie berichtete über die Arbeit des Katholikenrats Eckpunkte für Gesprächsformateund wie sich dieser dafür engagiert, eine Stimme der katholischen Laien auch in Bezug auf gesellschaftliche und politische Missstände zu sein. Ob es das Putzen von „Stolpersteinen“ am 09. November ist, dem man als katholische Gemeinde einen geistlichen Rahmen verleihen kann oder das Aktivwerden bei einer friedlichen Kundgebung, wie z. B. in Chemnitz 2018: Auch hier wurde deutlich, dass es für Christen vielseitige Möglichkeiten des Engagements gibt. Wenn es darum geht, Mitstreiterinnen und Mitstreiter für solche Initiativen zu finden, solle man dabei einen Blick für diejenigen entwickeln, die nicht zur Kerngemeinde gehören, sondern die ihr Christsein außerhalb der Gemeinde leben, riet Martina Breyer. Abschließend stellte Daniel Heinze, Mitglied des Katholikenrats, die Arbeit des neu ins Leben gerufenen Trägervereins des Katholikenrats vor. Dessen Anliegen ist es, Pfarreien und Einzelpersonen zu beraten, die kirchliche Projekte anstoßen wollen, die in die Gesellschaft wirken. Oftmals können Fördergelder nur über einen Verein beantragt werden. Dies kann der Trägerverein stellvertretend übernehmen.

Am Sonntag informierte Elisabeth Neuhaus, Leiterin der Hauptabteilung Pastoral und Verkündigung, über die MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch und die Konsequenzen, welche das Bistum Dresden-Meißen daraus zieht. Den Abschluss bildeten Informationen zum aktuellen Stand der Entwicklung der Räteordnung, die 2020 in Kraft gesetzt wird. Demnächst sind alle Gremienvertreterinnen und -vertreter eingeladen, ihre Rückmeldungen zum ersten Entwurf zu geben. In Kürze folgen dazu weitere Informationen.


Informationen über die jeweiligen Initiativen und Projekte finden Sie hier:
Bunte Kirche Neustadt: https://bunte-kirche-neustadt.de/
Ostritzer Friedensfest: http://ostritzer-friedensfest.de/
Wohnungslosen Nachtcafé: http://www.heilige-familie-dresden.de/index.php/obdachlosen-nachtcafe
Schulranzenaktion der Caritas: http://www.caritas-dresden.de/spendeampengagement/spenden/ranzen-fuer-schulanfaenger/ranzen-fuer-schulanfaenger
„Eine Million Sterne“ Caritas international: https://www.caritas-international.de/wasunsbewegt/caritasfuercaritas/einemillionsterne/einemillionsterne.aspx
Bautzner Gespräche: http://www.buendnis-toleranz.de/archiv/themen/demokratie/172355/bautzener-gespraeche
Katholikenrat des Bistums Dresden-Meißen: http://dioezesanrat-dresden-meissen.de/
Trägerverein des Katholikenrats: https://tekddmei.wordpress.com/

Die „Bunte Kirche Neustadt“, sowie das Projekt „Licht bewegt“ sind vom Bistum Dresden-Meißen geförderte pastorale Projekte. Wenn Sie auch eine Projektidee haben, können Sie diese beantragen. Informationen finden Sie hier:
erkundungsprozess/formulare-und-antraege.html





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