Zum 100. Geburtstag von Franz Seinsche am 10. April 2004

Eine Würdigung von Konrad Wagner


Franz Seinsche
zum Gedächtnis an einen treuen Freund der Kapellknaben: den Priester und Jugendbuchautor Franz Seinsche. Zwei Kapellknabengenerationen haben ihn persönlich kennen gelernt. Die Generation um das Jahr 1941 und die in den Jahren 1977 – 1985. Wie kam es dazu?


Vor einem reichlichen halben Jahrhundert gehörten für katholische Jugendliche die Bücher von Wilhelm Hünermann zur Standartliteratur. Ich erinnere mich an die „Die Herrgottschanze“, eine spannende Erzählung aus der Zeit der Französischen Revolution, „Priester der Verbannten“, eine Lebensbeschreibung von Damian de Veuster, dem Heiligen der Aussätzigen und an „Hermann Josef, der Mönch von Steinfeld“. „Welle DX 9,5“ war der Titel eines anderen spannenden Jungenbuches, an das ich mich erinnere. Wir haben aber den Autor anderer Jugendbücher kennen gelernt, dessen Erzählungen nicht weniger spannend waren: Franz Seinsche.

Wie kam es dazu.
Als 1941 die Nazis in Dresden zwei geistliche Präfekten der Dresdner Kapellknaben verhaftet hatten – Alois Andritzki und Alfons Duschak - , hatte der Propst der Hofkirche Wilhelm Beier große Not, für diese Jungenschar einen neuen Präfekten zu finden. In dieser Zeit war Franz Seinsche als Luftwaffensoldat nach Dresden für den Dienst in der Schreibstube abkommandiert. Als Priester war es ihm ein Bedürfnis, gelegentlich zelebrieren zu dürfen. Er bat in der Hofkirche darum und feierte dort seine erste Messe im sonntäglichen Hochamt. Dabei erlebte er den Gesang der Kapellknaben, die ihm bis dahin völlig unbekannt waren, denn er war ja im Rheinland zu Hause. Als Jungenkaplan interessierte ihn dieser Knabenchor. Er befragte den Propst und erfuhr von ihm vom Schicksal der inhaftierten Präfekten. Dabei fragte er ihn, ob er die Möglichkeit habe, sich in seiner Freizeit etwas um diese Jungen zu kümmern.

Franz Seinsche sagte zu und so erschien er an einem Samstag nachmittags bei uns im Internat auf der Schlossstrasse 32, scharte uns um sich und erzählte uns seine Bücher: „Brandfackeln über den Eifelhöhen“, „Jungen im Krieg“ und „Blinkfeuer über der Ostsee“. Gebannt hörten wir ihm zu und konnten kaum den nächsten Samstag erwarten, um die Fortsetzung zu hören. So entwickelte sich eine Freundschaft zwischen uns, die durch seine Versetzung einerseits und andrerseits durch das von den Nazis über uns verhängte Verbot, weiter im Kapellknabeninstitut zu wohnen – wir mussten in Privatquartiere umziehen - , unterbrochen wurde.

Der Kontakt war deshalb danach nur sporadisch durch einige Postkarten und Briefe möglich. In Erinnerung an diese Zeit mit uns Kapellknaben in Dresden schrieb er nach dem Krieg ein Jungenbuch mit dem Titel „Heiko“. Ein Junge flieht aus Böhmen über Dresden nach Westdeutschland. Eine Geschichte, die damalige Verhältnisse recht gut wiedergibt und durchaus auch das Interesse von Jugendlichen heute finden dürfte, die oft neugierig danach fragen, wie war es denn damals nach dem schrecklichen Kriege.
Später schrieb er „Der Sängerkrieg von Wilshausen“, die Geschichte von zwei rivalisierenden Knabenchören im Rheinland. Auch bei dieser Geschichte bezieht er sich auf Erinnerungen an die Dresdner Zeit. Der Bau der Mauer 1961 und das Aufgehen in den beruflichen Aufgaben als Religionslehrer in Essen, bedingten eine längere Pause in unseren Beziehungen.

Als ich in den späten Siebziger-Jahren einen Priester aus dem Rheinland – Johannes Angenvoort - bei mir zu Besuch hatte, tauschten wir Gedanken über unsere gemeinsamen kirchenmusikalischen Anliegen aus. Dabei erzählte ich ihm auch von Franz Seinsche. „Den kenne ich. Soll ich ihn grüßen?“ Er tat es umgehend und ich bekam bald einen Brief von Franz Seinsche, der mitteilte, dass er in Ruhestand sei und in der ganzen Welt herumführe, aber noch nicht in der DDR gewesen sei. „Wie macht man das?“ Ich besorgte ihm eine Einladung und bald war er hier und konnte erleben, was unterdessen aus den Kapellknaben geworden war. Er erzählte den Kapellknaben wieder aus seinen Büchern und interessierte sich für alles, was uns bewegte. Es verging wohl kein Jahr, ohne dass er bei uns zu Besuch war. Er half uns beim Beschaffen von mancherlei für einen Chor nützlichen Dingen. Einen Kasettenrecorder und Noten, die es in der DDR nicht gab.

Als Zeichen unsrer Freundschaft ernannten wir ihn zum Ehrenkapellknaben. Und das hat er sehr ernst genommen.
Sein letztes Buch hat er nicht mehr geschrieben. Er hat es auf Kasetten gesprochen. „Der Kummerkasten“ ist sein Titel. Eine Geschichte, die er ausdrücklich den Kapellknaben gewidmet hat.
Am 10. April 1904 wurde er in Bonn geboren. Wir denken an ihn an seinem 100. Geburtstag und erinnern an einen Priester, der seine große Gabe des Erzählens in den priesterlichen Dienst vor allem für junge Menschen gestellt hat. Er starb am 12. Dezember 1987 und ist auf einem Friedhof im Felderbachtal bei Essen, seinem letzten Wirkungsort, begraben.

Im St. Benno-Verlag erschienen zwei Bücher von ihm: „Zwölf Verstoßene auf Wallfahrt“ und ein Büchlein für Erstkommunionkinder „Die zerbrochene Kerze“.


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