Sonntagsworte ...

21. Sonntag im Jahreskreis
am 26. August 2018

Josua versammelte alle Stämme Israels in Sichem und sie traten vor Gott hin (Jos 24,1), erfahren wir in unserer heutigen ersten Lesung.

Das Nomadenleben war mit dem Einzug Israels ins gelobte Land abgeschlossen. Man war nicht mehr unterwegs, man war am Ziel. Ein sesshaftes Volk, das nun das Land bearbeiten und pflegen sollte, brauchte andere Regeln und Gesetze.

Aber in diesem Neu-Land wurden neue, faszinierende Götter verehrt, die auch für Israel interessant waren. Zählt der alte "Wüstengott", der mit Mose gesprochen hat, auch in diesem Kulturland? - Aber hat er seinem Volk nicht dieses Land versprochen und es durch viele Gefahren hier her geführt? Der bisherige Glaube, der Bund, die Gebote - die alten, bewährten Fundamente Israels wurden nun hinterfragt. Deshalb musste Josua die grundsätzliche Frage dem Volk Israel stellen:

Gilt auch hier der alte Bundesgott Jahwe oder die neuen Götter der hiesigen Völker? -

Dieser Landtag in Sichem musste vieles klären: eine nötige Wende herbeiführen, aber auch Kontinuität bewahren.

Josua, der Nachfolger des Mose, hat das Volk über den Jordan hinein in dieses neue Land geführt. Er bekennt sich laut und deutlich zum wahren Gott Israels:
Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen (Jos 24,15b). 

Diesem Bekenntnis schließt sich das Volk an und verspricht: Auch wir wollen dem Herrn dienen; denn er ist unser Gott (Jos 24,16ff). Man könnte abschließend nun kommentieren: eine gelungene Klarstellung innerhalb einer erhebenden Feierstunde.

Erhebende Feierstunden aber verführen zu allen Zeiten die Menschen zu großen Versprechen und Gelöbnissen, die zunächst sehr ernst gemeint waren, aber im Alltag schließlich zu nichtssagenden, pathetischen Floskeln verkommen. Man gewöhnt sich an alles, besonders schnell an die Nachlässigkeiten und Inkonsequenzen des eigenen Lebensstils.

Dieses Problem zeigte sich auch im Leben des weltweit geschätzten Schriftstellers Leo Tolstoi. Ein Vierteljahrhundert schwankte er zwischen seiner strengen Lehre und seinem konkreten Leben hin und her. Er empfand sich als "ein Beispiel menschlicher Schwäche". Er wollte aus seinem zwiespältigen Zustand heraus und wollte es doch wieder nicht. Was also lähmte seinen Willen?

Ein Student erhob dem Dichter gegenüber folgenden Vorwurf:

"Wenn es so gut ist und wohltätig, zu leiden, Leo Tolstoi, nun - warum leiden Sie dann nicht selbst? Warum rühmen Sie immer das Martyrium anderer und sitzen selbst warm im eigenen Haus und essen von silbernem Geschirr, während Ihre Bauern - ich hab es gesehen - in Lappen gehen und halb verhungert in den Hütten frieren? Warum verlassen Sie nicht endlich ihr gräfliches Haus und gehen auf die Straße? Warum reden Sie nur immer, statt selbst nach ihrer Lehre zu handeln, warum geben Sie selbst nicht endlich ein Beispiel?" -

Als der Sekretär Tolstois diesen Studenten erbittert zurückweisen will, schiebt ihn Tolstoi sanft zur Seite und sagt:

"Lassen Sie doch! Die Frage, die dieser junge Mann an mein Gewissen gerichtet hat, war gut. Ich will mich bemühen, sie aufrichtig zu beantworten. Sie fragen mich, warum ich nicht das Leiden auf mich nehme, gemäß meiner Lehre und meinen Worten? Wenn ich bislang meiner heiligsten Pflicht mich entzogen habe, so war es, weil ich zu feige, zu schwach oder zu unaufrichtig bin, ein niederer, nichtiger, sündiger Mensch bin, weil mir Gott bis zum heutigen Tage noch nicht die Kraft verliehen hat, das Unaufschiebbare endlich zu tun. Furchtbar reden Sie junger, fremder Mensch in mein Gewissen. Ich weiß, nicht den tausendsten Teil dessen habe ich getan, was Not tut, ich gestehe in Scham, dass es längst schon meine Pflicht gewesen wäre, den Luxus meines Hauses und die erbärmliche Art meines Lebens, das ich als Sünde empfinde, zu verlassen und, ganz wie Sie es sagen, als Pilger auf den Straßen zu gehen, und ich weiß keine Antwort, als dass ich mich schäme in tiefster Seele und mich beuge über meine eigene Erbärmlichkeit."

Da bittet ihn der Student um Verzeihung, weil er in seinem Eifer persönlich geworden sei. Doch Tolstoi erwidert ihm: "Nein, nein, im Gegenteil, ich danke Ihnen! Wer an unser Gewissen rüttelt, und sei es mit den Fäusten, hat wohl an uns getan. Es tut Not, dass ich endlich mich aufraffe aus meiner Schwäche und eintrete für mein Wort! Eine Tat verlangt die Welt von mir, endlich Ehrlichkeit, eine klare, reine und eindeutige Entscheidung. Alles Nicht-Tun versteckt immer nur meine Feigheit der Seele. Klar muss man sein und wahr, und ich will es endlich werden."

Tolstoi hat schließlich den Widerspruch zwischen seiner Lehre und seinem Leben nicht mehr ausgehalten und floh nach einigen heftigen Auseinandersetzungen bei Nacht und Nebel aus Besitz und Familie, um als 82jähriger in der Einsamkeit streng nach den aufgestellten Grundsätzen zu leben.

 

Es ist nicht nur Gewöhnung an einen unguten Zustand, Bequemlichkeit und Müdigkeit, was uns hindert, konsequent zu sein; hinzu kommen Feigheit, Unaufrichtigkeit und das niedrige Niveau unseres Lebens.  Der Prophet Jeremia sagt auch uns: Arglistig ohnegleichen ist das Herz und unverbesserlich. Wer kann es ergründen? (Jer 17,9)

Die Kraft, sein Leben zu ändern, wird uns gegeben, wenn wir uns selbst nichts mehr vormachen, die wahren Ursachen aufzudecken bereit sind und so zur Selbsterkenntnis gelangen; wenn wir unseren Willen von allem Dunklen befreien.

Paul Claudel schrieb: "Ich weiß ganz genau, dass nicht so sehr der Verstand aufgeklärt, als vielmehr der Wille gereinigt, gekräftigt und geläutert werden muss." Wo dies geschieht, da strömt Gottes Kraft in unseren Willen ein, und wir werden an uns selbst erfahren, was der Psalmist erfahren hatte, als er schrieb: Mit meinem Gott überspringe ich Mauern (Ps 18,3). Das heißt: Mit Gott kann unser Wille alle Widerstände und Hindernisse überwinden.

 

Durch das Zusammenwirken von eigenem Willen und Gottes Kraft gelangte Leo Tolstoi zu seiner eigentlichen Größe. Ohne sie wäre sein Leben nur ein Fragment geblieben. So aber wurde er für uns alle zu einem wahrhaft christlichen Vorbild.

Wo immer der Mensch sich aufrafft, um mit seinem Leben in die Gefolgschaft seiner Gewissens- und Glaubensüberzeugung zu treten, da hört sein Leben auf, matt und niedrig zu sein, da wird es zu einem Vorbild, das immer Nachfolger haben wird.

Was macht uns nun aufgrund der gegebenen Schilderung vom Hin- und Her schwanken des russischen Schriftstellers betroffen? - Es ist die Frage nach der Entschiedenheit unseres eigenen Willens. Dass es dabei für einen gläubigen Christen nicht um etwas Nebensächliches geht, zeigt sich, sobald wir auf die Verkündigung Jesu wirklich zu hören beginnen und nicht nur gequält die Minuten der Predigt zählen in unseren Gottesdiensten. Dann wird uns unmittelbar bewusst, dass Jesus immer wieder den Willen des Menschen anspricht oder ihn auf seine Entschiedenheit hin prüft; denn für Jesus ist nicht der Verstand, sondern der Wille das Entscheidende im Menschen. 

Wo immer ein Mensch sich entschieden Jesus zuwendet, da wird ihm geholfen, da öffnet sich ihm der Weg in die Vollendung Gottes.

Jesus wandte sich fortwährend mit Energie und Entschiedenheit an den "Wandlungswillen des Menschen", was seine ganze Verkündigung durchzieht.

Wir müssen also aus unserem unguten Zustand, wie dieser auch immer aussehen mag, wirklich herauskommen wollen, dann wirken unser Wille und die Kraft des Gotteswortes zusammen, dann werden brauchbare Schuhe daraus, die uns tatsächlich direkt zu Christus tragen.

Darauf verweist uns auch das heutige Evangelium.

Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt,
ist unerträglich. Wer kann das anhören? (Joh 6,60)

Jesus reagiert wie eben beschrieben:

Wollt auch ihr weggehen? (Joh 6,67)

Die Jünger entscheiden sich in dieser kritischen Situation für ihren Jesus, was Petrus sehr deutlich für alle Jünger ausspricht:

Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Wir sind zum Glauben gekommen und haben erkannt: Du bist der Heilige Gottes (Joh 6,68f).



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