Sonntagsworte ...

6. Ostersonntag
am 26. Mai 2019

zu Joh 14, 23-29

Der Schriftsteller Stephan Zweig erzählt:

Irene war die Frau eines wohlhabenden Juristen. Seit acht Jahren lebte sie glücklich mit ihm. Zwei Kindern hatten sie das Leben geschenkt.

Eines Tages schlitterte sie, ohne es recht zu wollen und beinahe ohne es zu begreifen, in ein Verhältnis mit einem jungen Pianisten. Einmal in Untreue geraten, kam sie immer wieder zu ihm, ohne beglückt, ohne enttäuscht zu sein.

Eine Mitwisserin meldete sich zu Wort und erpresste sie. Irene gab ihr notgedrungen, was sie wollte. Doch die Forderungen ließen weder nach, noch wurden sie geringer. Die Betroffene geriet immer mehr in den Schraubstock der Angst: Eines Tages würde ein Brief an ihren Mann kommen. Sie sah ihn schon eintreten, blass, mit finsterem Blick, sie beim Arm fassen, sie fragen … Aber dann … was würde dann geschehen? Was würde er tun?

Bei all diesem grauenhaften Brüten und Sinnen ging ihr auf einmal etwas auf, was ihr bislang noch nicht bewusst geworden war. Sie stellte plötzlich fest, wie wenig sie ihren Mann eigentlich kannte, wie wenig sie seine Entscheidungen im Voraus berechnen konnte. Jetzt erst wurde ihr klar, wie fremd und unbekannt er ihr in all diesen Jahren geblieben war. Deutlich erkannte sie, dass sie nur um die flache, die gesellschaftliche Schicht seines Wesens wusste, nicht aber um die innere, aus der allein die Liebe lebt. Unwillkürlich begann sie nach kleinen Zügen und Andeutungen zu forschen, um herauszufinden, wie er in ähnlichen Fragen geurteilt hatte. Erstaunt stellte sie fest, dass er fast nie über seine persönlichen Anschauungen zu ihr gesprochen hatte. Ihre alltäglichen Gespräche waren in der Regel in harmloser Banalität verlaufen. Von sich selbst gab er nichts her im Wort. All das machte es ihr unmöglich, sich ihrem Mann zu öffnen und sich ihm mitzuteilen, obwohl ihre Situation durch jene Erpresserin immer bedrückender wurde.

„Wie kann man sich an einen anderen hängen, wenn man alles hat?" So fragt der Oberflächenblick. Der Tiefenblick hingegen sieht, dass jene Frau längst nicht alles hatte. Das ging ihr selbst erst auf, als ihre Situation sich änderte. Die tieferen Schichten ihres Mannes, in denen sich das persönliche Leben eines Menschen abspielt, hatten sich ihr nie geöffnet. So blieben sie einander fremd, auch wenn manch ein Außenstehender einen anderen Eindruck hatte. Hier erahnen wir den Grund, der sie in die Arme eines anderen trieb. Es war derselbe, der sie daran hinderte, sich selbst ihrem Mann zu öffnen, denn einem Fremden erschließt man nicht das Herz.

Je mehr man es wagt, sich ins eigene Wort hinein zu geben, umso mehr offenbart man sich dem andern. So lernt der andere mich kennen. Er ahnt etwas von meinem Herzen und meinem Gemüt, von meinen Erfahrungen und Anschauungen, von meinen Einblicken und meinem Glauben. Etwas von mir geht an ihn über. Durch mein Wort halte ich Einkehr in seinem Herzen. Mehr noch: durch mein Wort lebe ich in ihm. Das erfahren wir, wenn uns einer sagt: "Vor langer Zeit haben Sie mir ein Wort gesagt, an das ich immer wieder denken muss -. Durch dieses Wort ist in meinem Leben etwas anders geworden. "

Man selbst hat dieses Wort schon längst vergessen. Im anderen aber lebt es weiter; denn in jedem Wort, in das wir uns selbst hinein gegeben haben, ist eine Kraft gegenwärtig, die das Leben des anderen tief und nachhaltig mitbestimmen kann. Für die damaligen Menschen ließ sich jedes Geschehen in dieser Welt letztlich auf ein Wort zurückführen. Ohne das Wort geschieht nichts, nichts Gutes und nichts Böses. Hier leuchtet die Verantwortung auf, die wir dem Wort gegenüber haben. Sie erwächst aus jener Kraft, die dem Wort innewohnt, weil wir uns selbst hinein begeben haben. Durch Erfahrung klug geworden, betet daher der Psalmist: "Setze einen Wächter vor das Tor meiner Lippen" (Ps 141,3). Und Jesus rät uns dringend: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein; alles andere stammt vom Bösen (Mt 5,37).

Es gibt ein Wort, von dem man sagen kann: eine Geburt, ein Stück Brot für einen neuen Anfang, ein Stern, der vom Himmel fällt... Es ist das menschgewordene Wort Gottes.

In dieses Wort, das den Namen Jesus Christus trägt, hat sich Gott ganz hingegeben.

Daher erfahren wir allein durch dieses Wort, wer Gott im tiefsten und im letzten ist. Ohne dieses Wort wüssten wir es nicht. Wir wussten es genauso wenig, wie jene Frau, von der wir erzählten, wusste, wer ihr Mann eigentlich war. Was aber sagt dieses Wort von Gott? Wer ist er? Er ist ganz und gar Liebe. Wie gut ist es, dieses zu wissen. Denn das bedeutet doch, dass ich vor Gott keine Angst zu haben brauche,

Wer ich auch bin, dass ich mich ihm einfach anvertrauen darf mit allem, was es in mir gibt, was ich vielleicht keinem Menschen zu sagen wage, wirdürfen uns Jesus also nicht vorstellen als einen höher stehenden Menschen, der uns wichtige Lehren erteilt. Nein, er ist das Wort Gottes, in dem Gottes überwältigende Liebe zu uns gekommen ist, um uns jede Angst zu nehmen. Wo dieses Wort in uns lebt, da lebt Gott in uns. Er lebt in uns als unser Friede, als unsere Freude, als unsere Kraft. Wo dieses Wort in uns lebt, da verwandelt sich unser eigenes Wort, weil unser Herz verwandelt wurde. Einfach, wahr und liebevoll wird es sein. Wenn wir das Wort Gottes in uns festhalten, dann fühlen wir uns festgehalten von Gott - und das im Leben und im Sterben.

Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten;
mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen.
Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird,
der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe (Joh 14,23ff).

 

(vgl. Rudolf Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Bd. 4, Kap. 33, Herder-Verlag 1995)

 

Du Wort mit Herz,
du Wort, das Hand und Fuß hat,
du Wort, bekleidet mit Fleisch und Blut,
du Wort, das wahr sagt,
du Wort, das Kranke heilt,
du Wort, das Blinden die Augen öffnet,
du Wort, das Taube aufhorchen lässt,
du Wort, das Lahme in Bewegung bringt,
du Wort, das Tote erweckt,
du Wort, das Verzweifelnden zum Lichtblick wird,
du Wort, das Berge versetzt,
du Wort, lange nicht gehört,
du unerhörtes Wort!      

Bleib bei uns!

 

(vgl. Wilhelm Willms, Roter Faden Glück 2.38, Butzon & Bercker-Verlag Kevelaer 1979)



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