Sonntagsworte ...

16. Sonntag im Jahreskreis

am 21. Juli 2019

 

Ein chinesischer Professor kam nach Berlin. Sein deutscher Kollege erwartete ihn am Bahnhof. Als sie zum großen Bahnhofsvorplatz kamen, sah der Deutsche den Bus an der Haltestelle. Schnell ergriff er die Hand des Chinesen. "Kommen Sie rasch!" rief er ihm zu. Die beiden liefen hastig über den Platz und stiegen eilig in den Bus, der sich – kaum dass sie drinnen waren – in Bewegung setzte.

Aufatmend schaute der Deutsche auf die Uhr und sagte:

"Gott sei Dank! Jetzt haben wir zehn Minuten gewonnen!"

Der Chinese aber fragte ihn mit sanfter Stimme:

"Und was machen wir mit diesen zehn Minuten?"

So fragt ja auch „Der kleine Prinz“ den Verkäufer von durststillenden Pillen, der dabei den Zeitgewinn propagiert.

Der Deutsche – ein ruheloser und gehetzter Mann – will Zeit gewinnen und bemerkt nicht, dass er sich dabei selber verliert.

Der besonnene Chinese in seiner Gelassenheit aber ruft mit seiner Frage, auf die er gewiss keine Antwort erwartet hat, den Deutschen heraus aus seiner Hektik.

 

Unser heutiges Evangelium zeigt, wie Marta der ruhelosen Aktivität verfällt und sich dabei zu verlieren droht.

Der Besucher Jesus aber merkt in Betanien kritisch an:

"Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere erwählt, das soll ihr nicht genommen werden" (Lk 10,42).

Das war eines Sonntags auch das Thema für ein Gespräch in einer Familie bei einem Hausbesuch. „Da ja der Pfarrer zu uns kommt, lassen wir mal den Gottesdienst. Wir müssen doch kochen“, meinte die Mutter.

Dass Jesus Marta zweimal beim Namen nennt, verdeutlicht, dass er ihr Wichtiges zu sagen hat. Er will sie – und uns – nachdenklich machen. Das Verhalten Martas kann zunächst nicht verurteilt werden. Denn ohne jene Aufmerksamkeit und Hingabe für den Küchenbetrieb und den Haushalt kann der Alltag nicht gelingen.

So notwendig diese Hinwendung zum Vielerlei ist, so unheilvoll wirkt sie sich aus, wenn sie den Menschen total bestimmt.

Die Hinwendung zum Vielen ist wichtig, aber sie darf nicht zum Wichtigsten werden, wenn der Halt im menschlichen Leben nicht verloren gehen soll. Wo ein Mensch im Vielen aufgegangen ist, verliert er nicht nur seinen Halt; die Angst hält ihn gefangen und die Sorge treibt ihn umher. Er ist angefüllt mit lauter Nebensachen und läuft Gefahr, die Hauptsache zu vernachlässigen. All dieses Viele ist vergänglich.

Deshalb ist der Mensch, der um das Viele besorgt ist, immer auf dem Sprung zum Neuesten, von dem er sich alles verspricht. Aber auch dieses Neue kann weder Glück noch Sicherheit schaffen, weil auch in ihm das schwermütige Gesetz der Vergänglichkeit herrscht. Dennoch klammern wir uns an das Vorläufige, als sei es das Endgültige, und selbst wenn wir uns zu befreien suchen, lässt es uns nicht los. So wird eben der Garten, die Baustelle, die Einladung zur Geburtstagsfeier und vieles Andere zum „Wichtigsten“ in unserem Alltag, während das wirklich Wichtigste verdrängt wird.

Diese Erfahrung haben wir sicher alle schon gemacht und erkennen sie dann oft zusammen mit einer Enttäuschung.

„Das eine Notwendige“ aber ist die Botschaft vom Reich Gottes, das alles Vergängliche unendlich überragt und uns unendliches Leben schenken will. Wehe uns, wenn es nicht mehr unsere letzte Heimat ist. Es ist das, was die Zeiten überdauert und jeden Menschen in dieser Welt mit letztem Ernst angeht.

Das geschieht für uns mit der Einladung zum Sonntagsgottesdienst. Mit ihm behalten wir die Botschaft – das wahrhaft Wichtige – im Auge.

Hier ist der Punkt, an dem sich Maria von Marta unterscheidet. Im Gegensatz zu Marta, die sich in der Hauptsache vom Vielen beanspruchen lässt, weiß sich Maria von diesem Letzten und Endgültigen in Anspruch genommen. Jesus verkündet als Gesandter Gottes das Reich Gottes. Maria hört aufmerksam zu, während Marta gerade Hirsebrei anrühren muss. Daher tadelt Jesus Martas übermäßige Mühe am Vergänglichen und lobt dieses höchst angebrachte Verhalten Marias.

Meine Mutter stellte sich ab und an diesem Problem, was ich schon als Kind kapieren konnte:

Im Gewühl mit meinen fünf Geschwistern fiel mir mitunter auf, dass Mutter verschwunden war. Die Küche war dunkel.
„Wo ist Mutti?“, fragte ich.
„Weg“, knurrte unsere Große.
Betroffen schauten wir uns alle an – und wurden etwas leiser…
Nach einiger Zeit kam sie ganz unauffällig wieder.
„Mutti, wo warst du?“
„Drüben im Dom“, sagte sie und lächelte.
Sie war wie ausgewechselt – jedenfalls schien sie nun wie eine Sonne.

Wenn wir uns von dem „Einen“ ergreifen lassen, dann beginnt sich die Welt der vielen Dinge zu verwandeln. Wir gewinnen ein neues Verhältnis zu ihnen. Sie gehen uns noch an, aber sie sind nicht mehr das Wichtigste in unserem Leben. Wir werden dadurch freier und gewinnen Übersicht. Wenn wir sie behalten und wissen, was für uns „das Eine“ ist, das uns nicht genommen werden kann und das uns ewiges Leben garantiert, können wir jeden Tumult schon in unserem irdischen Leben einigermaßen bestehen.

Maria hat den guten Teil erwählt, der wird ihr nicht genommen." (Lk 10,38-42)

Amen.

 

(Vgl. Rudolf Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Herder-Verlag 1995, Bd. 1, Kap. 7)

 



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