Sonntagsworte ...

30. Sonntag im Jahreskreis
am 28. Oktober 2018

Das heutige Evangelium wird zu einem heilsamen Gottesdienst mit durchschlagender Wirkung, wenn wir das wollen.

Markus berichtet: Sie kamen nach Jericho. Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho wieder verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus (Mk 10,46). Der Blinde hat offenbar von Jesus gehört. Er nutzt seine Chance und bemüht sich um eine Begegnung mit ihm; er kommt bewusst und zielstrebig gleichsam zum Gottesdienst. Dort ruft er Jesus an: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! (Mk 10,47) Wir stimmen als Gottesdienstgemeinde mit unserem Ruf "Kyrie eleison - Herr erbarme dich!" mit ein in diesen Ruf, denn in jedem ehrlichen Gottesdienst erkennen wir unsere Grenzen und bekennen, dass wir Gottes Erbarmen brauchen - wie Bartimäus; sind wir doch mitunter noch blinder als er. Bartimäus lässt sich bei seiner Bemühung um Kontakt mit Jesus zu gewinnen weder stören noch abbringen. Die vertrauensvolle Hartnäckigkeit des Bartimäus setzt sich gegen den Unmut seiner Umgebung durch. Er ahnt: Jesus ist seine einzige Chance. - Das sind gute Voraussetzungen für jeden Gottesdienstbesucher! - Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn her! Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich (Mk 10,49). 

In jedem Gottesdienst lässt Gott uns rufen durch seine Propheten und Apostel in den Lesungen - wie durch jeden Verkünder. Daraufhin warf Bartimäus seinen Mantel weg - lässt alles, was er hat, los, sprang auf und lief – noch blind – auf Jesus zu. Das dürfen auch wir in jedem Gottesdienst - mit unserer Blindheit, Taubheit, auch unter Sünde. Jesus fragt ihn: Was soll ich dir tun? Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können (Mk 10,50f). Das aber will nicht jeder Blinde. In jedem Gottesdienst werden auch wir angefragt und sollen Antwort geben, sollen erkennen, was wir wirklich brauchen und unseren Kurs entsprechend korrigieren - vielleicht konkreter glauben. Zu Bartimäus kann Jesus sagen: Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.

Uns wird zum Schluss des Gottesdienstes zugerufen: "Gehet hin in Frieden!" - Wir sind nun zurück in unsere Welt gesandt, unser Glaube wurde gestärkt und soll sich nun bewähren in einer intensiveren Christusnachfolge. Das geschieht ganz konkret an Bartimäus: Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg (Mk 10,52).

Wir sehen, ein erfolgreicher Gottesdienst wurde gefeiert, der den Bartimäus äußerlich und innerlich geheilt hat und uns einen sehr guten "Durchblick" verschafft. Hier erfüllt sich, was Jeremias bereits verkündet hat: Seht, ich bringe sie heim aus dem Nordland und sammle sie von den Enden der Erde, darunter Blinde und Lahme. (Jer 31,8). Dieser Prophetenspruch meint nicht nur den Bartimäus. Es gibt verschiedenartige Blindheiten - manches können wir nicht sehen, vieles aber wollen wir nicht sehen. Bartimäus gibt seine Blindheit zu (s. Mk 10,51) – eine heilsame Anregung auch für uns. Denn Jesus hält sich für alle bereit, die zu ihm rufen. Durch sein Wort – schon durch die Erinnerung daran ist ein “neuer Durchblick”. Denn der Glaube an ihn lässt uns die Welt und unsere Lebenspraxis konkreter sehen. Wir sollten uns bewusst werden, dass die Gründe für alle unsere "Blindheiten" in erster Linie nicht im anderen, sondern in uns selber liegen - mitunter in unserer Gleichgültigkeit oder gar Überheblichkeit anderen gegenüber. So kommen wir mit unserem mangelnden Selbstvertrauen, mit all unserer Unsicherheit, Armseligkeit und Blindheit zum Gottesdienst - in Gottes Liebe hinein, die uns immer schon umfangen hielt. Dann ist unser verletzbares und ängstliches Ich in Gott geborgen, und Gottes Du wird uns zur Ruhe, zur Kraft und Sicherheit. Wenn wir der Liebe Gottes in uns Raum geben, werden wir erfahren, dass wir vor Gott etwas sind, dass er uns Achtung, Geltung und Anerkennung schenkt. So blühen wir auf und verstehen, was Glaube ist: Nicht nur die Tatsache der Existenz Gottes hinzunehmen, sondern Gott, der uns ansieht und uns Wert verschafft, der uns in seine Familie aufnimmt, anzuerkennen. Er macht uns zu dem, was wir wahrhaft sein könnten und sollten. Er baut uns auf - macht uns sehend.

Dieser Glaube versetzt uns in die Situation jenes Blinden, der bislang nur am Rande des Lebens saß, an dem Gott aber durch Jesus seine Barmherzigkeit erwiesen hat, indem er göttliches Licht in seine Augen warf, das seine Blindheit vertrieb. Dieses Licht in unseren Augen lässt uns den anderen in seiner ihm von Gott geschenkten Einmaligkeit erkennen, in jener Einmaligkeit, die jeden Menschen so unverwechselbar und wertvoll macht und die von uns akzeptiert werden soll, damit der andere durch uns so wird, wie Gott ihn von Ewigkeit her gemeint hat.

Nur wer mit seinem Dasein vor Gottes liebendes Auge tritt und sich von diesem Auge, das uns in Jesus angeschaut hat, angenommen weiß, kann seinerseits für den anderen ein "Mit-Erlöser" sein. Für diesen kommt auch einmal die Stunde, da ihm durch Christus die Augen geöffnet werden - vielleicht durch unser Engagement. Das wäre unsere Mission für den Anderen.

Meine Lieben, dieses Anliegen ist vorhanden – für manchen wohl etwas verborgen.  Ich erinnere: Ein erfolgreicher Gottesdienst wurde gefeiert, der den Bartimäus äußerlich und innerlich geheilt hat und uns einen guten "Durchblick" verschafft. Damit ist nicht nur Bartimäus gemeint. Sind wir nicht selber oft blind und lahm und haben Bekehrung nötig? Wir sind eben nicht die Perfekten. Sogar die Apostel mussten sich bekehren, bevor sie bekehren konnten … Möge Gott uns in diesem Anliegen beistehen.   Amen.



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