Sonntagsworte ...

2. Advent
9. Dezember 2018


Sehr korrekt formuliert der Evangelist Lukas seine Botschaft, die uns heut zum zweiten Advent ausgerichtet wird. Er beginnt mit einer für die damaligen Verhältnisse sehr exakten Zeitangabe, die gleichzeitig die weltweite Bedeutung des Geschehens, von dem er berichten will, unterstreicht:
Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene (Lk 3,1).    
Diesen weltlichen Herrschern fügt er die damals residierenden Hohenpriester hinzu, die als gewichtige Zeugen für diese damaligen Ereignisse fungieren: Hohepriester waren Hannas und Kajaphas (Lk 3,2).  
Jesus ist nicht im Irgendwann eines Mythos geboren und aufgetreten.
Er gehört einer genau datierbaren Zeit und einem genau bezeichneten geografischem Raum an: Das Universale und das Konkrete berühren einander. Der Logos – das Wort, der schöpferische Sinn aller Dinge ist in die Welt eingetreten. Das Wort, das ganz nahe bei Gott ist (vgl. Joh 1,1), ist Mensch geworden, und dazu gehört der Kontext von Ort und Zeit. An diese Realität ist der Christus-Glaube gebunden.

Nun beschreibt Lukas das wichtige Geschehen, das sich damals ereignet hat, aus der Perspektive Johannes, des Täufers:
Da erging in der Wüste das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündigte dort überall Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden (Lk 3,2-3), womit neben dem Zeitpunkt und den Zeugen nun auch die Örtlichkeiten benannt sind.  
Uralte Verheißungen erfüllen sich - was im Buch der Reden des Propheten Jesaja steht: Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! Jede Schlucht soll aufgefüllt werden, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, was uneben ist, soll zum ebenen Weg werden (Lk 3,4f). Denn diese “Stimme in der Wüste” kündigt den Gesandten Gottes an.
Und alle Menschen werden das Heil sehen, das von Gott kommt (Lk 3,6) – ein wahrhaft bedeutsames Ereignis.

Einer solchen göttlichen Botschaft wird man aber nie mit bloßer Kenntnisnahme gerecht. Sie erwartet vom Empfänger immer eine Antwort mit praktischen Konsequenzen, was alle Propheten bis Johannes bestätigen mit ihrer Botschaft und ihrer eigenen Lebenspraxis.
Konsequenzen mussten sie auch von ihren Hörern einfordern. Johannes, der die Botschaft des Jesaia aktualisierte, und Baruch in der heutigen ersten Lesung sprechen von groben Unebenheiten  und Hindernissen auf dem Weg Gottes zu den Menschen und der Menschen zu Gott: Denn Gott hat befohlen: Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel, und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land, so dass Israel unter der Herrlichkeit Gottes sicher dahinziehen kann (Bar 5,7).
Deshalb fordert Johannes ohne Umschweife: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen! (Lk 3,4)
Vieles in den damaligen Hörern und auch in uns und in unserer Lebensführung ist krumm und müsste geradegerückt werden. Deshalb bereitet sich in der Adventszeit die Christenheit darauf vor, das große Geheimnis der Menschwerdung Gottes zu feiern, und sie ist eingeladen, ihr persönliches Verhältnis zu Gott neu zu entdecken und zu vertiefen.
Das lateinische Wort “adventus” bezieht sich auf das Kommen Christi und stellt das Herabsteigen Gottes zur Menschheit in den Vordergrund, auf dass jeder mit Offenheit, Erwartung und Zustimmung antworten soll. So wie Gott in seiner Selbstoffenbarung und seinem Sich-Hin-Schenken souverän und frei ist, weil ihn dazu die Liebe bewegt, so ist auch der Mensch frei, seine Einwilligung zu geben: Gott erwartet eine aus Liebe gegebene Antwort.

Wer den Mut hat, kritisch auf sich zu schauen, findet bei Paulus – in der heutigen zweiten Lesung – sachliche Unterstützung. Der Apostel betet wohlwollend für seine Hörer, die sich bereits geöffnet haben:
Immer, wenn ich für euch alle bete, tue ich es mit Freude und danke Gott dafür, dass ihr euch gemeinsam für das Evangelium eingesetzt habt vom ersten Tag an bis jetzt (Phil 1,4f). Er weiß sehr genau, worum er betet: Ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt (Phil 1,9f). Es gibt viele Stufen hinein ins Zentrum der Liebe, aber nicht alle Stufen unserer Liebespraxis sind selbstlos und reiner Segen für andere.
Paulus hilft uns zur wahren Liebe mit seinen Maßstäben, die er auch den Korinthern in seinem ersten Brief empfiehlt: Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig. Sie ereifert sich nicht, sie prahlt nicht, sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, sucht nicht ihren Vorteil, lässt sich nicht zum Zorn reizen, trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, sondern freut sich an der Wahrheit.
Sie erträgt alles, glaubt alles, hofft alles, hält allem stand (1 Kor 13,4-7).

Der Einsichtige und Verständige kommt somit der Liebe Jesu näher, der sogar am Kreuz für seine Henker gebetet und dem Schächer verziehen hat.
Und reich an der Frucht der Gerechtigkeit (Phil 1,11) ist auch keine Selbstverständlichkeit in unserem Alltag. Deshalb betet Paulus auch darum für seine Hörer. Denn in der Regel “schreit” man nach Gerechtigkeit erst dann, wenn man sich selbst ungerecht behandelt fühlt, wobei die vielleicht noch größere Ungerechtigkeit gegen andere viel weniger oder gar nicht zum Einsatz für Gerechtigkeit ermuntert.
Gott aber lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).

Es gibt wohl noch einiges zu richten, bis wir rein und ohne Tadel sind für den Tag Christi (vgl. Phil 1,10).

Nutzen wir die Zeit des Advent und lassen wir den Herrn in unserer Gegenwart ankommen, damit auch in unserer Zeit alle Menschen
das Heil sehen, das von Gott kommt (s. Lk 3,6).                       Amen.





RSS-Feed | Newsletter | Sitemap | Impressum | Datenschutz