Sonntagsworte ...

21. Sonntag im Jahreskreis 
25. August 2019  
        
Im heutigen Evangelium (Lk 13,22-30) wird Jesus gefragt:    
Herr, sind es nur wenige, die gerettet werden? (Lk 13,23).
Eine Frage, die auch für uns interessant sein dürfte.
Sie resultiert aus der bitteren Erfahrung: Der Berg, der fällt, zergeht, von seiner Stätte rückt der Fels. Das Wasser zerreibt Steine, Platzregen spült das Erdreich fort; so machst du das Hoffen des Menschen zunichte (Ijob 14,18f).
Die Welt ist vom Zerfall gezeichnet – die Erfahrung auch unserer Tage. Sehen wir doch den Zerfall unserer Welt, unseres Klimas, unserer Wälder, unserer Moral, unseres alternden Körpers heut viel deutlicher...
Doch besteht für den Menschen auch Hoffnung, die der Psalmist aus seinen Glaubenserfahrungen so ausdrückt:
Ich habe den Herrn beständig vor Augen.
Er steht mir zur Rechten, ich wanke nicht.
Denn du gibst mich nicht der Unterwelt preis;
du lässt deinen Frommen das Grab nicht schauen.
Du zeigst mir den Pfad zum Leben (Ps 16,8ff)
- ebenfalls Erfahrungen, die uns nicht fremd sein sollten.

Da diese Frage nun an Jesus gerichtet ist, von dem wir glauben, dass Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnt (s. Kol 1,19f), darf man auf die Antwort gespannt sein.
Diese Frage aber muss zunächst korrigiert werden, denn sie sieht nur die Oberfläche des Problems. Der Frager sucht Auskunft über die Zukunft, um sich irgendwie absichern zu können, ohne sich anfragen zu lassen oder sich gar ändern zu müssen;
er könnte schlussfolgern:
Entweder „man” wird sowieso gerettet, dann läuft ja alles auch ohne eigenen Einsatz; oder es werden nur wenige gerettet, dann kann man sowieso nichts machen und ein Umdenken mit vielleicht unbequemen Konsequenzen wäre dann auch nicht nötig. Also können wir getrost bleiben, wie wir nun einmal sind, und somit alles beim Alten lassen.

Franz Kafka hat eine Erzählung geschrieben, in der die Situation eines Menschen geschildert wird, der irgendwie sein Lebensziel zwar sucht, aber leider nur halbherzig und es deshalb nicht findet:


Ein Mann vom Land macht sich auf den Weg zum 'Gesetz' und bittet den Türhüter um Einlass.
Aber der Türhüter sagt ihm, dass es jetzt nicht möglich sei. Nach einer Überlegungspause fragt der Mann vom Land, ob er später eintreten dürfe. "Es ist möglich", erwidert ihm der Türhüter, „jetzt aber nicht." Da das Tor zum Gesetz wie immer offensteht und der Türhüter beiseite tritt, versucht der Mann, in das Innere zu sehen. Lachend erklärt ihm der Türhüter: "Wenn es dich so lockt, versuche es doch, trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich ertragen."
Mit solchen Schwierigkeiten hat der Mann vom Land nicht gerechnet. Er ist im Glauben gekommen, das Gesetz sei immer und jedem zugänglich. Jetzt sieht er den Türhüter genau an. Angesichts seines fremdartigen Aussehens zieht er es vor, doch lieber zu warten. So setzt er sich jenseits der Tür auf einen Schemel, den ihm der Türhüter hingestellt hat.
Er wartet viele Tage und Jahre. Alle Bemühungen und Bestechungsversuche helfen ihm nicht. Immer wieder sagt ihm der Türhüter, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Die Jahre vergehen. Während der Mann vom Land die anderen Türhüter vergisst, behält er den ersten, den er für das einzige Hindernis hält, fest im Auge.
Schließlich lässt sein Augenlicht nach. Da sieht er im Dunkel einen unverlöschlichen Glanz aus dem Inneren hervorbrechen. Als er das Herannahen seines Todes spürt, sammelt er seine letzten Kräfte, um aus den Erfahrungen der Jahre eine Frage zu stellen, die ihm bislang noch nicht in den Sinn gekommen war: „Alle streben doch nach dem Gesetz", sagt er dem Türhüter, "wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat?" Da er auch mit seinem Gehör dem Ende nahe ist, brüllt ihn der Türhüter an: "Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn."

Diese Trägheit – verbrämt mit scheinbarer Bravheit - steckt irgendwie in uns allen. Doch sollten wir wissen: Die Lebenszeit des Menschen ist kein mechanisches Uhrwerk, dem er fatalistisch ausgeliefert ist, noch ist sie ein Schlaraffenland, in dem man genießen und seiner Trägheit frönen könnte, sondern diese unsere Lebenszeit ist eine Zeit der Bewährung, eine große Chance.
Durch sie kann der Mensch eine unendliche Zukunft gewinnen.
Hören wir nun aufmerksam die Antwort Jesu:
Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen
(Lk 13,24).
Wir sollten nicht zu selbstsicher nach unseren nur eigenen Ansichten unseren Weg schlendern und meinen, bei uns sei ja alles klar. Denn:
Wenn der Herr des Hauses aufsteht und die Tür verschließt, dann steht ihr draußen, klopft an die Tür und ruft: Herr, mach uns auf! Er aber wird euch antworten: Ich weiß nicht, woher ihr seid. Weg von mir, ihr habt alle Unrecht getan!
Da werdet ihr heulen und mit den Zähnen knirschen, wenn ihr seht, dass Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes sind, ihr selbst aber ausgeschlossen seid
(Lk 13,25ff).

Fatalismus oder Raffinesse, falsche Selbstsicherheit oder schlaue Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind hierbei schlechte Berater.
Voller Einsatz ist nötig, um dieses große Ziel zu erreichen, das jedem offen steht, denn: Man wird von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen und im Reich Gottes zu Tische sitzen. Dann werden manche von den Letzten die Ersten sein und manche von den Ersten die Letzten
(Lk 13,29f).
Damit erinnert Jesus an die Verheißung des Jesaia - unsere heutige Lesung: Ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken und komme, um die Völker aller Sprachen zusammenzurufen, und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen
(Jes 66,18).

Gott will schon immer das Heil allen Menschen schenken, aber die Menschen müssen es wollen und kommen und ihr Opfer in reinen Gefäßen zum Haus des Herrn bringen (Jes 66,20b).                    Amen.            



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