Sonntagsworte ...

20. Sonntag im Jahreskreis
am 19. August 2018

   
In unserer heutigen ersten Lesung lädt ´die Weisheit` ein zum Fest-Mahl:

Sie hat ihr Vieh geschlachtet, ihren Wein gemischt und schon ihren Tisch gedeckt. Sie sagt: Kommt, esst von meinem Mahl, und trinkt vom Wein, den ich mischte. Lasst ab von der Torheit, dann bleibt ihr am Leben, und geht auf dem Weg der Einsicht! (Spr 9,1-6).
Weisheit ist ein hohes Gut. Jeder Mensch tut gut daran, sich um Weisheit zu bemühen. Nach dem Bild des Mahles verweist die Lesung auf zwei Bedingungen, die Weisheit in uns ermöglichen:

1.    Lasst ab von der Torheit!

Die Zeit der Bewährung ist voller Anfechtungen, in denen nach billigem Vergnügen gesucht wird. Eine törichte Lebensart, die der Prophet Jesaia mit seiner Kurzform auf den Punkt bringt:
Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot (Jes 22,13),
was für viele Menschen auch heute bedenkliche Gewohnheit ist. Wo bleibt unsere kluge Aufgeklärtheit gegenüber dem, was alles von uns "geschluckt" wird an Alkohol, Nikotin und sonstigen Giften; wir pflegen Essgewohnheiten, die zu Übergewicht führen mit den längst bekannten Gesundheitsrisiken. Wir amüsieren uns über Brutalität und Perversität in unseren umfangreichen Filmangeboten und setzen Genuss und Besitz über alle bewährten, ethischen Normen und Ideale und wundern uns über die Zunahme an Haltlosigkeit, Gewalt, Kriminalität und sonstiger Entgleisungen in unserer Gesellschaft.
Dieses kritische Propheten-Wort weist auch auf eine verhängnisvolle Verantwortungslosigkeit für das eigene Sein wie auch für unsere konkrete Welt hin: ...denn morgen sind wir tot -  nach uns die Sintflut, und die Rechnung für unseren fragwürdigen, ja, törichten Komfort bitte an die nächsten Generationen – an unsere  heiß geliebten Enkel und Urenkel.
Leider ließe sich noch vieles aus unserer Lebenspraxis aufzählen – s. die Enzyklika unseres Heiligen Vaters: Laudato si - was dieser Torheit und Gleichgültigkeit näher steht als unserer Vernunft und unserem Gewissen und letztlich das Gegenteil von Weisheit zeigt.

2.    Die zweite Bedingung, die uns zur Weisheit führen kann, lautet:

Geht auf dem Weg der Einsicht (Spr 9,6), was ebenfalls in der 1. Lesung steht und was die 2. Lesung – der Epheserbrief - konkretisiert: Nutzt die Zeit; denn diese Tage sind böse. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist (Eph 5,16f).
Wieviel Zeit bleibt uns noch? - Ist nicht jeder Tag ein einmaliges Geschenk, das wir sinnvoll nutzen sollten? - Die "Endzeit" mit ihren Anfechtungen und Verwirrungen ist längst angebrochen.
Wir beten - oft genug routinemäßig - Dein Wille geschehe!  Wäre diese Bitte nicht eine treffliche Orientierung und sicher auch eine Befreiung aus dem Sumpf unserer Nachlässigkeiten? - Meine Entscheidungen fallen anders aus, wenn ich vorher nach dem Willen Gottes frage...

Zum Weg der Einsicht passt auch ganz großartig der Appell aus der 2. Lesung:

Berauscht euch nicht mit Wein - das macht zügellos - sondern lasst euch vom Geist erfüllen! (Eph 5,18) - eine vortreffliche Klarstellung in Richtung Vernunft. Längst kennen wir die Abhängigkeiten und die sie begleitenden menschlichen Tragödien wie auch die sich daraus ergebenden Abgründe.
Propheten und Apostel zeigen uns die lebenspraktischen Vorzüge, die der Geist Gottes ermöglicht - so Jesaia: Wenn aber der Geist aus der Höhe über uns ausgegossen wird, dann wird die Wüste zum Garten, und der Garten wird zu einem Wald. In der Wüste wohnt das Recht, in den Gärten weilt die Gerechtigkeit. Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer. Mein Volk wird an einer Stätte des Friedens wohnen, in sicheren Wohnungen, an stillen und ruhigen Plätzen (Jes 32,15ff).

Johannes nennt uns die Quelle dieses Geistes:  Der, den Gott gesandt hat, verkündet die Worte Gottes; denn er gibt den Geist unbegrenzt
(Joh 3,34),  zu dem wir jederzeit Zugang haben; und Paulus erklärt uns die Anwendung dieses Geistes: Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt (1 Kor 12,7ff)  – also immer geschenkt, um anderen helfen zu können.
Dabei wird ein grundsätzlich christliches Miteinander möglich, das uns wiederum der Epheserbrief ans Herz legt: Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn! Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles im Namen Jesu Christi, unseres Herrn!
(Eph 5,19f).

Der Dank an Gott für alles veredelt unser Leben. „Danken“ kommt von „denken“. Ein Mensch, der aufgehört hat zu danken, hat zuvor schon aufgehört zu denken, das heißt, er hat aufgehört, Mensch zu sein. Wir danken einem anderen für seine Tat, indem wir sie bedenken.
Dann wird uns bewusst, wie wenig diese sich von selbst versteht,
wieviel Wohlwollen, Selbstlosigkeit, Einsatz, Opferbereitschaft, Hingabe und Liebe in ihr zum Ausdruck kommt. Einige afrikanische Sprachen übersetzen das Wort "danken" mit "rückwärts schauen". Diese Übersetzung zeigt uns den Weg zur Dankbarkeit. Zum Danken kommt, wer zurückschaut und überdenkt, wie alles begonnen und gelaufen ist.
Der gläubige Mensch wird solchen Dank gewiss nicht einem zwangsläufigen Schicksal abstatten, sondern vielmehr jener geheimnisvollen Führung, die ihn durch Ungewissheit, Dunkelheit, Irrtümer, Fehler und Schuld mit sicherer Hand hindurch geleitet hat, ohne dass er es augenblicklich bemerkt hätte. Man wird sich dieser göttlichen Führung oft erst hinterher bewusst, wenn man sich nach einer längeren Wegstrecke besinnt und bedenkt, welche Bedeutung das eine oder andere für den Fortgang des eigenen Lebens hatte. Dann wird man erahnen, dass gerade das Lästige und Widrige oft ein unentbehrlicher Teil unseres Lebens ist, weil unser Leben nur durch dieses Lästige und Widrige in jene Richtung kommen konnte, die auf den Entwurf hinausläuft, den Gott für unser Leben verfasst hat.
Der Rückblick, der uns dankbar gegenüber Gottes Führung macht, vermittelt uns Weisheit und zugleich ein neues Verhältnis zur Zukunft. Wir fürchten uns nicht mehr vor dem, was aus dem dunklen Schoß der Zukunft auf uns zukommen mag.
Die gläubige Gewissheit, dass Gott bei mir ist, ist viel elementarer als die bange Ungewissheit, was mir in Zukunft widerfahren wird. Nur der Dankbare achtet und schätzt, was er empfangen hat, und nutzt es auch in rechter Weise auf Zukunft hin.

Das Angebot der Weisheit in unserer 1. Lesung greift Jesus im Evangelium auf und steigert es gleichsam. Er spricht:  Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch, (ich gebe es hin) für das Leben der Welt (Joh 6,51).
Die höchste Form des Dankes an Gott ist die Feier der Eucharistie, zu der wir uns auch heute versammelt haben, denn Christus lädt uns ein. Er will das Brot des Lebens für uns sein gegen alle Arten des Hungers. Wer sich ihm öffnet, kann nicht der Torheit verfallen, sondern erkennt die Weisheit Gottes in Christus. Er folgt dem Willen Gottes, empfängt den Geist Jesu und findet seinen Platz in der frohen Gemeinschaft der Kinder Gottes.

All das erkennen wir im Leben Marias, auf das wir jedes Jahr um diese Zeit schauen. Sie geht uns ja als große Schwester voran gegen alle die zersetzenden Torheiten. Sie erfüllte mit Einsicht und Weisheit, um die sie sich immer bemüht hat, und in großer Dankbarkeit ihre große Aufgabe. Sie besingt im Magnifikat Gottes Großtaten, auf die sie mit ihrem ganzen Leben Antwort gibt:
Meine Seele preist die Größe des Herrn,
und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut.
Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten:
Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind;
er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.
Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen,
das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.        (Lk 1,46-55).
Wir wissen, dass sie nun in der Vollendung Gottes ist. Deshalb wird sie in der Lauretanischen Litanei „Sitz der Weisheit“ und „Mutter des Guten Rates“ genannt und von uns auch so angerufen. Folgen wir ihr, denn ihr Weg hat sich bewährt; er kann auch uns vollenden.
Lasst uns Gott danken und ihn lobpreisen für alles, was er uns schenkt und gewährt - ganz besonders aber für die Weisheit, die sich uns erschließt,
wenn wir uns ihr öffnen.         Amen.

(Vgl. Rudolf Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Herder 1995, Bd 2, Kap 20,)



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