Sonntagsworte ...

Hochfest Fronleichnam

am 20. Juni 2019


In jedem Menschenleben gibt es Momente, in denen der gewohnte Gang der Dinge unterbrochen und eine neue Erfahrung gemacht wird, wenn beispielsweise ein Vorhaben unerwartet durchkreuzt wird, wenn uns ein schweres Unrecht geschieht oder wir eine arge Enttäuschung erleben. In solchen Lebenslagen tritt unverhüllt zutage, wer wir in Wirklichkeit sind.

Nachdem Ijob seinen Besitz, seine Kinder und seine Gesundheit verloren hatte, klagte er: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin. Einfordern sollen ihn Dunkel und Finsternis. Warum starb ich nicht vom Mutterschoß weg?” (Ijob 3,3.5.11)
Im Leid wird der Mensch geprüft wie das Gold im Feuer.

Schauen wir auf Jesus. Es ist uns vertraut, wie er den Menschen von der bedingungslosen Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen erzählte. Wir wissen, wie tief er diesem Gott, den er seinen Vater nannte, verbunden war. Doch gab es auch für Jesus eine Situation, in der all das auf seinen Wert und seine Tragfähigkeit überprüft werden sollte, eine Situation, in der alle Stützen zerbrachen und ihm alles, woran er sich hätte halten können, genommen wurde.

Es ist jene Nacht, in der er verraten wurde und in der sich alle von ihm zurückzogen, die sich ihm noch kurz zuvor in Freundschaft verbunden fühlten. Wie hat sich Jesus in dieser Nacht verhalten? Wir können nur sagen: für menschliche Begriffe völlig unerwartet.

Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er verraten wurde, Brot, sagte Dank, brach es und sprach: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird (1 Kor 11,23f).

In diesen Worten findet sich keine Spur von Ungehaltenheit oder Resignation, von Vergeltung oder Verwünschung; sie enthalten nicht einmal einen Anflug von Enttäuschung. Im Gegenteil! Nirgendwo erscheint Jesus gefasster und ruhiger als bei diesem letzten Abendmahl. So zeigt Jesus gerade in jener Nacht, da er verraten wurde, wer er wirklich ist: einer, der sich das Gesetz des Handelns nicht von außen aufdiktieren lässt, sondern der zutiefst aus dem Geheimnis der Liebe Gottes lebt und es sich durch nichts und niemanden nehmen lässt, diese Liebe den Menschen weiter zu schenken. Das zeigt sich wunderbar schon im heutigen Evangelium: Jesus empfing die Leute freundlich, redete zu ihnen vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten (Lk 9,11).

Während die hilflosen Jünger die Leute fortschicken wollten, handelt Jesus ganz anders. Jesus nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Und alle aßen und wurden satt (Lk 9,16f).

Diese Liebe den Menschen weiter zu schenken, zeigt sich noch viel intensiver beim letzten Abendmahl: Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird (Lk 22,19).

Heute wie damals legt er sich wehrlos in die Hand des Menschen. In jeder Kommunion liefert er sich erneut ihm aus. Jeder weiß, wie die Hände von Menschen, in die er sich begibt, aussehen können; wie viel Unrecht und Schuld an ihnen haften kann. Warum tut er es trotzdem? –

Der wehrlose Gott legt sich in unsere Hände, damit diese Wehrlosigkeit Gottes uns dazu führe, in allen Wehrlosen, Leidenden und Bedrängten dieser Welt ihn zu erkennen. Indem wir mit unseren Gedanken in unseren Herzen und mit helfenden Händen bei ihnen sind, sind wir zugleich bei Gott, der uns vor allem aus den ratlosen und hilfesuchenden Augen der Wehrlosen entgegenblickt.

Was aber haftet alles an unseren Händen – wieviel Schuld und Unrecht? Wo lernen wir, Böses nicht mit Bösem zu vergelten? Wann wachsen uns die Augen, den wehrlosen Gott vor allem in den wehrlosen Menschen zu sehen?

Auf diese Fragen ist die Feier der Eucharistie selbst die Antwort. Sie ist die Schule der Reifung eines jeden Christen; denn in ihr wird er aufgefordert, Blut vom eigenen Blut, Liebe, Opfer und Kämpfe ihm darzubringen - auch die eigene Schuld.

Durch solche Opferung innerhalb der Eucharistie wächst die freundschaftliche Beziehung zu Jesus Christus, die in den Augenblicken leidvoller Prüfung zuverlässig ist und treu bleibt. Es ist jene Opferung, ohne die es keine innere Wandlung und keine wahre Kommunikation gibt. Der lebendige Mitvollzug dieser Zusammenhänge ist es, der uns als Christen reif werden lässt. Wir lernen, unsere augenblickliche Lust und Begierde zu beherrschen. Zugleich wird uns bewusst, wie fragwürdig jene Rede ist, die Feierstunde der Eucharistie nur dann zu besuchen, wenn man das innere Bedürfnis dazu hat.

Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! (1 Kor 11,23f).

Das sind die Wandlungsworte. Sie werden auch über jeden gesprochen, der mit gläubigem Herzen zur Messe kommt, um mit Brot und Wein sein eigenes Leben auf den Altar zu legen, was wir heut ganz bewusst tun dürfen. Dann kann Kommunion in einem viel tieferen Sinn möglich werden. Amen.

Vgl. Rudolf Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Herder-Verlag 1995,  Bd. 4, Kap. 37.




12. Sonntag im Jahreskreis

am 23. Juni 2019

In der heutigen 2. Lesung ruft uns Paulus zu:

Ihr seid alle durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus (Gal 3,26) – d.h. erbberechtigte Kinder Gottes, egal ob wir Mädchen oder Jungen sind.

Dieser Satz mag für manche Leser recht erfreulich klingen, doch er birgt Konsequenzen, die sowohl unser Vorstellungsvermögen als auch unsere gesellschaftliche und private Lebenspraxis infrage stellt.

Das bestätigt schon der nächste Satz unserer heutigen Lesung:

Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid “einer” in Christus Jesus (Gal 3,28).

Dass alle in Christus “einer” sind, heißt, alle Christen bilden eine Einheit und wir sind vor Gott alle gleich. Das gilt für Juden, die sich als “von Gott zu seinem Volk Erwählte” verstanden und nun Christen geworden sind, und für Griechen, die bisher von den Gläubigen als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden, auch wenn sie Christen geworden waren.

Doch Paulus stellt klar: Wenn ihr aber zu Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben kraft der Verheißung (Gal 3,29) – was nun für alle Getauften gilt, egal woher sie kommen.

“Einer” in Christus Jesus sind auch Menschen, die alle Freiheiten besitzen, und auch Sklaven, die als Eigentum ihrer Herren rechtlos und völlig abhängig ohne eigene Lebensperspektiven nur zu gehorchen haben in allen Rechtsordnungen der damaligen Welt.

Die Christen bemühten sich zunächst, das Verhältnis zwischen Herren und Sklaven von einem rechtlichen in ein sittliches zu verwandeln. Der Sklave wurde als Bruder im Herrn erkannt (s. Phlm), empfing die gleichen Sakramente und sonstigen Gnadenmittel wie sein Herr, hatte auch Zugang zu allen kirchlichen Ämtern. Die Freilassung von Sklaven wurde als gottgefälliges Werk angesehen. Mehr und mehr wurde die Sklaverei als ein für Christen letztlich unhaltbarer Zustand erkannt und schließlich überwunden.

Auch Mann und Frau sind eins in Christus.

Frauen betrachtete man als gefügigen Besitz des Mannes, was sich mit der Gleichheit aller vor Gott nicht vereinbaren ließ. Ihre gewichtige Rolle bei der Verbreitung des Christentums ist bezeugt durch die berühmte Namensliste des Paulus am Ende seines Römerbriefes. Es scheint, dass das junge Christentum großen Zulauf von Frauen auch deshalb hatte, weil es in den christlichen Gemeinden die Lebensform der unabhängigen Jungfrauen und der Witwen gab im Unterschied zur Rechtlosigkeit der spätantiken Ehefrau in der Gesellschaft – von Sklavinnen ganz zu schweigen.

Erstmals der Schöpfungsbericht – Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie (Gen 1,27) – viel später dann die Worte Jesu, haben den Eigenstand und die Würde der Frau konzipiert. Dieser mühsam gegen den Zeitgeist festgehaltene Gedanke läuft seither als “Zündschnur” durch die christliche Geschichte mit, auch gegen deren eigene Praktiken.

Dennoch bildet sich von dorther beharrlich das Bewusstsein von der Frau als ebenbürtiger Mensch heraus, was allerdings auch in unserem aufgeklärten Zeitalter noch lange nicht in allen Bereichen selbstverständlich ist. Die christliche Botschaft von Hoffnung und Freiheit hat eine vorher undenkbare soziale Dynamik in die Welt gebracht und den bisher üblichen Horizont enorm erweitert.

Aber wir leben, von Christus angefragt, in unserer ungerecht ausgerichteten Welt, in der die Unterschiede zwischen den Nationen, den sozialen Schichten und den Geschlechtern noch immer vorherrschen und die viele unserer Brüder und Schwestern von Gütern ausschließen, die für alle da sein sollten.

Lassen wir die Frage Jesu aus dem heutigen Evangelium an uns heran.

Ihr aber, für wen haltet ihr mich? (Lk 9,20) – und im Hinblick auf den Zustand unserer Welt und den Perspektiven, die in seinem Wort stecken, die in etwa so klingen müssten: Wollt ihr mir tatsächlich nachfolgen, oder wolltet ihr nur einen erbaulichen Spaziergang mit mir machen? -
Warum schiebt ihr die notwendigen Veränderungen auf die lange Bank?

Der Glaube an den Gott Jesu meint eine neue Denkhaltung nicht nur für unsere Seele, sondern für unsere ganze Welt und ermöglicht ein Leben in Freiheit zusammen mit vielen Brüdern und Schwestern aller Kontinente.

Der große Kirchenvater Augustinus sagt: "Das Christentum hat Geschichte gemacht und muss sich als Träger jenes europäischen Geistes begreifen, der nicht nur in der eigenen Freiheit, sondern in der Freiheit des anderen sich selbst erkennt und zu sich selbst kommt."

So konnte eine Kultur entstehen, an der die ganze Welt Maß nimmt. Die Menschenrechte, die Ideale der Französischen Revolution, die Demokratie, der Kommunismus ... das alles sind Blätter aus dem jüdisch-christlichen Buch der göttlichen Offenbarung, möglicherweise herausgerissen und vielleicht zur Hälfte gelöscht durch die Trennung von der Quelle. Diese Wahrheit aber muss weiterhin Geschichte machen durch die Christen von heute. Das sollte auch uns mehr und mehr bewusst werden, um diese weltverändernden Ideen – besser Aufträge – auch in unseren Breiten und selbstverständlich auch unter uns zu realisieren, was freilich nicht einfach ist.

Wir teilen unsere Zeitgenossen nicht mehr ein in Juden und Griechen oder in Sklaven und Freie wie noch zur Apostelzeit, aber ziehen wir nicht auch Grenzen? – Gibt es nicht auch unter uns Menschen, die wir bevorzugen und andere die wir verachten, links liegen lassen, für uns benutzen oder gar abstoßen? – Werden nicht in unserer Gesellschaft Menschen wie Sklaven behandelt, weil wir unsere Ansprüche und Vorteile erbarmungslos nutzen und durchpeitschen? Auch gibt es noch immer für uns Billigartickel aus der sogenannten 3. Welt, von Kindern bei Minimallöhnen erarbeitet...

Auch unsere Welt schreit nach Gerechtigkeit, nach Geschwisterlichkeit, nach Gemeinschaft, nach Verständnis, nach Erlösung. Auch wir haben einiges empfangen, was sich segensreich weltweit auswirken könnte:

Wir alle sind einer in Christus! (Gal 3,28b) – von Christus erwählt.

Das sollten wir bei jedem Anblick eines Menschen wissen.

Jesus sagt uns: Wer (nur) sein Leben retten will, wird es verlieren;
wer aber sein Leben um meinetwillen verliert –
für andere – der wird es retten (Lk 9,23f).    Amen.

Vgl. Bihlmeyer/Tüchle, Kirchengeschichte Bd. 1, S. 389, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1962.

Vgl. Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz, Wider das Geistlose im Zeitgeist, S. 32-35, Verlag J. Pfeiffer, München 1992.

Vgl. Hanna-Barbara Gerl, Nach dem Jahrhundert der Wölfe – Werte im Aufbruch, Benziger Verlag AG Zürich 1992, S. 65-86.



RSS-Feed | Newsletter | Sitemap | Impressum | Datenschutz