Sonntagsworte ...

2. Sonntag im Jahreskreis
am 20. Januar 2019

Seit Menschengedenken versuchen wir, die Kette der grauen Werktage mit all ihren Mühen und Dürftigkeiten durch frohe Feste zu zerreißen, an denen wir Harmonie und Lebensfülle zu genießen versuchen.
Leider gelingen solche Versuche nicht immer. Auch in unserem heutigen Evangelium wird ein solches Fest versucht, doch die Mittel dafür reichen nicht aus. In Kana in Galiläa fand eine Hochzeit statt, und die Mutter Jesu war dabei. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen. Als der Wein ausging, sagte die Mutter Jesu zu ihm: Sie haben keinen Wein mehr (Joh 2,1ff).
Eine bittere Enttäuschung verbunden mit einer großen Blamage droht. Maria bemerkt diesen sich einstellenden Mangel und bemüht sich, dieses aufziehende Fiasko abzuwenden. Sie wendet sich indirekt bittend an Jesus – doch dieser geht auf Distance: Was willst du von mir, Frau? Meine Stunde ist noch nicht gekommen (Joh 2,4).
In diese Spannung hinein „predigt“ Maria kurz und prägnant aber voller Hoffnung und Vertrauen den Dienern: „Was er euch sagt, das tut!” (Joh 2,5)

Diese Begebenheit aus Kana schildert auch unsere Situation.
Nicht nur unsere Versuche, das eine oder andere Fest zu feiern, misslingen häufig; auch unser Bemühen um ein friedliches, gerechtes und freundliches Miteinander geht oft schief.
Das gilt auch für größere Bereiche. Wir kennen viele Gesellschaftsordnungen und Reiche, die uns glücklich machen sollten – immer aufs Neue werden wir enttäuscht. Trotz vieler Ideen, Reformen und sonstiger Versuche gelingt der große Wurf mit zufriedenstellenden Lösungen einfach nicht. Immer wieder werden neue Versäumnisse und Mängel sichtbar und Frust macht sich breit, Politikverdrossenheit und Resignation lähmen mehr und mehr die notwendigen Aktivitäten. Unsere Welt ist eben unvollkommen und begrenzt.

In dieser misslichen Weltsituation stellt nun Maria den Mangel fest und benennt ihn, wendet sich aber zugleich an die richtige Adresse – an den erhöhten Herrn mit der Bitte um „die Fülle”, die nur er schenken kann.
Maria übernimmt hier eine wichtige Funktion der Kirche und wird somit zum “Urbild der Kirche”.
Dennoch ist Christus nicht verfügbar – weder für Maria noch für uns.
Er hält sich zunächst zurück. Die Gläubigen aber erkennen: Der Herr handelt, wenn er es für richtig hält.

Kehren wir nach Kana zurück.
Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge... jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis zum Rand (Joh 2,6f).
Wozu aber dieses viele Wasser? – Diese sinnlose Beschäftigung kann nicht weiterhelfen. Wein wird benötigt – doch nicht Wasser.
Das erinnert an so manche hektische Aktion in unserem Alltag wie auch in der hohen Politik, an Ungereimtheiten, die dann mehr Schaden als Nutzen verursachen, an die daraus resultierenden Ungerechtigkeiten,
selbst verschuldete Katastrophen und Enttäuschungen. Wilhelm Willms drückt das sehr trefflich in seinem Musical “Ave Eva” aus:

"Und sie füllten sie voll bis zum Rand
mit Tränen
mit Verzweiflung
sie füllten sie voll bis zum Rand
mit Hoffnung
mit Sehnsucht
mit Tränen
mit Schweiß
sie füllten die Krüge mit Wasser voll bis zum Rand."

Aber stoßen wir damit nicht auf unbequeme – alte und neue – Fragen:
Wozu alle Mühe bei diesem Frust? –
Welchen Sinn haben alle unsere Aufträge und Verpflichtungen? –
Ist dieser Gehorsam nicht hoffnungslose Dummheit? –
Will der Herr wirklich diesen Dienst? – Wie lange noch? –
Sind Glaube und Hoffnung nicht trauriger Selbstbetrug? –

Lesen wir unser Evangelium weiter – vielleicht gibt es uns Antwort.
Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist (der zweite unsinnige Auftrag).
Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war. Er wusste nicht, woher der Wein kam; die Diener aber, die das Wasser geschöpft hatten, wussten es (Joh 2,8f).

Die Diener haben Marias „Predigt": Was ER euch sagt, das tut! und den Auftrag Jesu gehört und beides befolgt. Nun wissen wir, dass sich diese Treue lohnt – weit über alle unsere Maßstäbe hinaus.
So tat Jesus sein erstes Zeichen in Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit, und seine Jünger glaubten an ihn (Joh 2,11).

Sollten wir uns denen nicht anschließen, die seinem Wort mit ihrer Tat folgen? – Sagt doch ein Jesuswort: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und danach handeln (Lk 8,21).
Jesus lädt immer wieder ein zu der „göttlichen Fülle”, die er uns und allen Menschen schenken will (s. Joh 6,1-13; Lk 5,1-9; Mt 4,24).    

Erweitern wir diesen Evangelientext, erkennen wir deutlicher unsere Weltrealität und das traurige Schicksal vieler Menschen. Doch dann könnten wir auch Maria als "Urbild der Kirche" verstehen - sie ist wachsam, sie erkennt die Mängel und spricht sie aus, sie bittet den Herrn um Hilfe, vertraut ihm voll und ganz, sie predigt... – das alles sind ja Aufgaben der Kirche.

Als ich an dieser Stelle einst Jugendliche fragte, ob sie in dieser Geschichte ihre Rolle gefunden haben, antworteten sie:
"Ja, wir pumpen gerade das Wasser!" –
In dieser erweiterten Sicht könnte dann auch der Wein ein Symbol für all das sein, was wir als durch die Sünde geschwächte Menschen wirklich brauchen: Vergebung – den Geist Jesu – seine Gnade und Wahrheit – Frieden für alle – dann könnte so manches gelingen, um das wir uns schon lange bemühen.
 
Jetzt dürften sich die meisten unserer Fragen von vorhin von selbst beantworten
Wozu diese Mühe bei diesem Frust? –
Welchen Sinn haben alle unsere Aufträge und Verpflichtungen? –
Ist dieser Gehorsam nicht hoffnungslose Dummheit? –
Will der Herr wirklich diesen Dienst? – Wie lange noch? –
Sind Glaube und Hoffnung nicht trauriger Selbstbetrug? –

Jetzt können wir zusammen mit dem Evangelisten bekennen:
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt,
und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (Joh 1,14).
Jetzt sind wir ein Teil dieser Geschichte, die noch läuft.
Jetzt können wir die uns zugedachte Rolle in dieser unserer Weltgeschichte erkennen, sie annehmen und bis zu Ende spielen –
bis der Herr uns die Fülle seines ewigen Lebens schenkt.     Amen.



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