Traumwelt und traumatisierte Welt

Pfarrer Friedrich Winter schreibt aus Adjumani, Uganda

Seit fast zwei Monaten arbeitet Pfarrer Friedrich Winter, zuletzt Pfarrer in Riesa, für den Flüchtlingsdienst der Jesuiten in Uganda. Seine ersten Eindrücke hat er kurz vor Weihnachten niedergeschrieben.

Liebe Freunde in Europa und in der ganzen Welt,

seit fast zwei Monaten (am 24.12.) bin ich nun in Afrika. Über die Stationen Nairobi und Kampala habe ich nun meine Heimat im Norden Ugandas gefunden. In Adjumani gibt es ein Büro des Jesuiten Flüchtlingsdienstes, von dem aus Flüchtlinge betreut werden: durch Seelsorge (Gottesdienste, Basisgruppen, Katecheten, Sakramente), durch Frauenarbeit, durch Jugendarbeit und Gesundheitszentren sowie vor allem Bildung in Form von Schulen. Diese Flüchtlinge kommen aus dem Süd-Sudan und sind bis fast zu zwanzig Jahren als Flüchtlinge in Uganda.

Wie kann man sich so ein Flüchtlingslager vorstellen? Uganda hat den Flüchtlingen aus dem Südsudan Land zur Verfügung gestellt, auf dem sie ihre traditionellen Häuser bauen durften, und auch ein kleines Stück Acker für die landwirtschaftliche Nutzung. Die Häuser sind aus Erde geformten und in der Sonne gebrannten Steinen gebaut. Meistens sind sie rund und haben einen Durchmesser von vier Metern. Die Wände sind mit Erde verschmiert. Der Fußboden aus Erde gestampft. Diese Häuser stehen inmitten von ca. drei Meter hohem Gras und sind in Gruppen angeordnet und durch Wege verbunden.

Von Adjumani aus ca. 20 km im Umkreis befinden sich solche kleinen und größeren Siedlungen, vor allem aus geflüchteten Sudanesen. Das Land ist nicht sehr fruchtbar und war früher auch nicht sehr dicht besiedelt. Von den einzelnen Orten laufen die Leute oft bis in die Stadt zu Fuß und auch wieder zurück. Oft tragen die Frauen dabei die Kinder auf dem Rücken oder andere Dinge, die sie verkaufen wollen oder gekauft haben, auf dem Kopf. Manche haben ein Fahrrad, mit dem alle möglichen Gegenstände und auch Menschen transportiert werden. Motorräder sind eher selten. Private Autos gibt es so gut wie gar nicht. Kleinbusse sind beliebt als Taxi und mit mehr Sitzgelegenheiten aus gerüstet, als bei uns in Deutschland. Die Auslastung mit Gepäck und Personen übersteigt dann aber ganz sicher die hundert Prozent. Große Busse verkehren auch im Linienverkehr und sind immer auch ein besonderes Ereignis.

Adjumani liegt am Alber-Nil im Nordwesten Ugandas, gegenüber von Moyo, und gehört zur Diözese Arua, dem Gebiet vor allem Westlich des Nils. In Moyo gibt es eine Landebahn, auf der ich von Kampala (Flughafen Entebbe)kommend gelandet bin. Bis Adjumani gibt es dann eine Schotterpiste und eine Fähre über den Nil, die ich inzwischen schon mehrmals genutzt habe. An dieser Autofähre ist immer leben und immer was los, so dass die Zeit des langen Wartens auch nicht langweilig wird. Wenn zu viele Fahrzeuge sind, muß man halt warten bis die Fähre zurück ist. Bis der Nil die Grenze zum Sudan überschreitet sind es nur wenige Kilometer. Nimule heißt die Stadt. Das geschlossene Friedensabkommen zieht immer wieder Leute nach dem Sudan, um zu schauen und zu erkunden, wie die Situation für die Rückkehr ist. Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich, da die Situation in den einzelnen Gebieten auch sehr verschieden sind. So ist die Zahl der Zurückkehrenden auch sehr unterschiedlich, im Moment eher zurückhaltend. Die Hintergründe der kriegerischen Auseinandersetzungen und der Flucht so vieler Menschen im Süden des Sudan sind sehr kompliziert und werden von mir auch (noch) nicht durchschaut. Weiter im Osten Ugandas und im Sudan gibt es immer noch Rebellen, die ihr Unwesen treiben. In unserem Gebiet ist man sicher. Josef Koni ist einer der Rebellenführer (LRA).

Englisch ist die Amtsprache, die Sprache der Gebildeten. Die Kinder lernen in der Schule Englisch. Auch ich bin dabei englisch zu lernen und die verschiedenen Dialekte des Englisch zu verstehen. Daneben gibt es viele verschiedene Sprachen und Dialekte, am meisten werden Madi und Bari gesprochen. Diese Sprachen gleichen keiner Sprache, die mir vorher in meinem Leben begegnet sind. Die Predigt am Sonntag wird immer auch in mindestens eine dieser Sprachen übersetzt. Gesungen wird ebenfalls in diesen Muttersprachen.

Zu den Gottesdiensten am Sonntag fahren wir in eine der Orte. Es gibt 23 Gottesdienststationen.

In 21 davon gibt es kleine Kapellen aus Lehm und mit Stroh/Gras gedeckt. Manchmal ist der Gottesdienst auch unter einem großen schattenspendenden Baum. Kisitos (jüngere Mädchen) tanzen dazu und Jugendliche tragen den Gesang in einem Chor. Viele singen und klatschen im Rhythmus dazu. Die Kinder und alle Leute sind sehr geduldig und sie halten auch lange aus.

Was habe ich in dieser Zeit für Hände geschüttelt: kleine und große, saubere und schmutzige, klebrige und gewaschene, von Kleinen und Großen, von Männern und Frauen, von Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen und Alten, forsche und zaghafte, glatte und zerfurchte, von ängstlichen und neugierigen, entgegengestreckte und lieber weggezogene. Und die Gesichter mit den leuchtenden Augen, den strahlenden (manchmal fehlenden) Zähnen und der roten Zunge, dem Lächeln oder der Angst, der Ungewissheit und des Vertrauens, der Skepsis und Entschlossenheit.

Die Frauen organisieren das Leben, tragen die Lasten auf dem Kopf und der Familie. Sie sind neugierig und wollen lernen. Sie bekommen (sehr früh) die (zahlreichen) Kinder und versorgen sie und die Männer. Diese Sitzen unter dem Baum, spielen Karten und trinken. Diese Beschreibung vereinfacht sehr und trifft so doch den Kern und berücksichtigt nicht die Ausnahmen.

Für die Kinder ist die Schule das wichtigste. Überall stehen Grundschulen mit 7 Schuljahren. Daran schließt sich für die guten Schüler die Mittelstufe an mit 4 Jahren. In den Städten gibt es eine Vor-Schule, vielleicht mit dem Kindergarten vergleichbar. Die Schüler tragen Schuluniform und müssen Schulgeld bezahlen, je nach Situation der Kommune.

Ich selber wohne in einem kleinen Grundstück in einem kleinen runden Haus, Tukul genannt. Es ist vielleicht 6 Meter im Durchmesser und mit Stroh gedeckt. Ich habe ein Bett mit einem kastenförmigen Moskitonetz, einer Schaumgummimatratze auf Brettern, zwei Regale, ein Tisch und einen Stuhl. Zwei Lampen: eine für Solarstrom und eine für elektrischen Strom. Diesen gibt es (nicht immer) täglich von 19 bis 23 Uhr. So bin ich bestrebt, meine Akkus immer auch aufzuladen. Für Notfälle haben wir auch einen eigenen Generator. Toiletten gibt es in der trockenen und nassen Variante. Wasser erhalten wir aus der Wasserleitung und vom Himmel. Wasser kann nur abgekocht getrunken werden bzw. zum Zähne putzen verwendet werden. Gekochtes und gefiltertes Wasser ist immer genügend im Kühlschrank vorhanden, der mit Parafin betrieben wird.

Wir leben zu dritt in einer Gemeinschaft auf dem Grundstück. Auf den 200 X 200 Metern stehen fünf Tukuls, ein Küchengebäude, ein Haus mit drei Gästezimmern. Die Dusche nicht zu vergessen, ummauert und ohne Dach - herrlich! Zahlreiche Bäume und Sträucher zieren das Gelände und haben so manche Überraschung bereit. Was man alles essen kann? Mit dem Essen habe ich keine Probleme, da ich sehr anpassungsfähig bin. Manches exotische gehört hier zum alltäglichen: Bananen, Avocados, Papajas, Mangos u.a.

Mit mir arbeiten und leben beim JRS (Jesuit Refugee Service = Jesuitenflüchtlingsdienst) der australische Jesuit Brain als Projekt Director; Schwester Marie Jose aus den Philippinen in der Pastoral. Früh fahren wir meistens in das Büro des JRS. Da arbeiten einige Leute in den verschiedenen Projekten. Im nächsten Jahr wird die Zahl reduziert werden. Am Nachmittag besuchen wir einzelne Gruppen in den Siedlungen. In dieser ersten Zeit habe ich Sr. Marie häufig begleitet, um Orte und Menschen kennen zu lernen. Dabei lernte ich schon viele schöne und interessante Dinge kennen.

Ich fühle mich sehr wohl und von den Menschen angenommen. Noch ist immer wieder vieles neu und fremd. Da liegt ja auch ein Reiz. Und ich weiß, dass ich noch Zeit brauchen werde, um an das zu gelangen, was unser Leben ausmacht. Auf den ersten Blick ist das hier eine Traumwelt (mit manchen Einschränkungen natürlich), beim tieferen Hinschauen und Erleben ist es eine traumatisierte Welt, stumm schreiend und anklagend.

Wasserkanister tragende Kinder, Mädchen mit ihren kleinen Geschwistern auf dem Rücken fallen sofort ins Auge. Hütten ohne Strom und Wasser, mangelhafte, unzureichende Nahrung und medizinische Betreuung, fehlende Bildungsmöglichkeiten, Hoffnungslosigkeit und vieles mehr verbergen sich hinter jedem Lächeln. Hinter jedem Erleben verbirgt sich für mich eine Wirklichkeit, die sich mir nach und nach erschließt. Überall scheint Weihnachten durch, indem Gott sagen möchte: ICH BIN DA. Und dies oft auf überraschende Art und Weise.

"In die Niedrigkeit unseres Menschseins ist ER gekommen. Er, der reich war, wurde arm, um uns Arme reich zu machen mit seiner ganzen Fülle."

Adjumani, 2006-12-19
Pfarrer Friedrich Winter

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