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Bistum Dresden Meissen

Proviant für den Tag

Nahrung für die Seele

Die Seele wohnt dem Menschen inne, sie prägt seine Einmaligkeit. Ganz verschieden hören sich ihre Melodien an. Manchmal eher tragend, manchmal schwungvoll und energiegeladen. Manchmal ist nur ein leiser, fast stiller Klang zu vernehmen. Fast lässt sich dieser Klang überhören.


Spirituelle Impulse, Gebete und Meditationen können den Dialog mit der Seele anbahnen. In der Mitte seiner selbst berührt zu werden, ist nicht planbar, nicht machbar. Mögen sich die täglichen Impulse hin und wieder als gutes Weggeleit erweisen, durch das der Tisch des Inneren Menschen nahrhaft gedeckt wird.

 

 

Erwartungshaltung (7)

Gott, verletzlich und bedürftig

Dass Gott selber ein verletzlicher Mensch geworden ist, dass er die menschliche „Zerbrechlichkeit“ angenommen hat, genau dies ist die Chiffre seines Daseins in unserer Mitte: er geht an unserer Seite als einer von uns. Und darin offenbart sich der himmlische Vater. Das sprengt unsere gängigen Vorstellungen von Gott.

Gott – im ganz Kleinen.
Sein Wort: der Schrei eines Neugeborenen.
Gott: bedürftig.
Gott: angewiesen auf liebevolle Zuwendung,
auf ein Lächeln,
auf eine Hand, die ihn zärtlich streichelt,
auf eine Brust, die ihn stillt.
Ein Kind in Windeln, in einem Futtertrog:
Dies ist das Zeichen,
das den Hirten – und uns – gegeben wird,
um ihn zu erkennen.

Wie die Hirten, so sollten auch wir uns die Zeit nehmen, vor dieser Krippe zu verweilen. Bleiben wir stehen und betrachten wir sie einmal mit neuen Augen. Einem oberflächlichen Blick entgeht es, doch darin verbirgt sich etwas, was der Dreh- und Angelpunkt, das alles Entscheidende für unser Leben werden kann.

Ermes Ronchi in Die Weihnachtsüberraschung

Erwartungshaltung (6)

Das göttliche Wort, das nicht sprechen kann

An Weihnachten steht der Logos, wie es auf Griechisch heißt, das göttliche „Wort“, als ein Kind vor uns, das nicht sprechen kann. Der Ewige: ein Neugeborenes in der ersten Morgenstunde seines Lebens.
Ein neugeborenes Kind macht keine Angst: Es kann sich nur anvertrauen. Es kann nur leben, wenn jemand sich seiner in Liebe annimmt. Wie jedes neugeborene Kind wird dieser Jesus nur leben, wenn er geliebt wird und weil er geliebt wird.
Wir stehen hier vor dem zentralen Punkt, vor der Mitte des Mysteriums: Jesu Geburt markiert die Wasserscheide auf dem Weg der Begegnung zwischen Mensch und Gott. Jahrtausendelang haben Menschen Gottes Antlitz gesucht, sie haben versucht, ein Wort von ihm zu hören – im Donnerhall oder im Säuseln des Windes. Und nun tut sich unversehens der Himmel auf und es geschieht das Unmögliche. Und das auf eine völlig überraschende Weise, die den menschlichen Denkhorizont sprengt.
Ein Kind, in Windeln gewickelt, in einem Futtertrog. Ein Kind: nicht Ungewöhnliches. In Windeln: geradezu banal. Und ausgerechnet dies soll das Zeichen sein, dass Gott gekommen ist?!

Ermes Ronchi in Die Weihnachtsüberraschung

Erwartungshaltung (5)

Die Gottesgeburt

Der zweite Bezugspunkt zur Erschließung der Jungfräulichkeit ist Maria, die Jungfrau. Auch Maria begegnet uns in der Haltung des totalen Empfangens, des totalen Wartens. Sie definiert sich nicht aus sich selbst, sondern als Gefäß, das offen ist, als Haus, das sich öffnet, als Raum, in den hinein sich die Gegenwart des lebendigen Gottes ganz und gar ergießt, als Mutter, die das Geheimnis Gottes gebiert. Das ist gemeint, wenn wir von „Jungfrauen-Geburt“ reden.
In diesem Zusammenhang darf gesagt werden, dass sich derjenige, der die biologische Jungfrauen-Geburt behauptet, und derjenige, der sie leugnet, auf der genau gleichen materialistischen, biologistischen Verständnisebene bewegen. Sie beweisen beide immer nur, dass sie gar nichts verstehen. Gemeint ist mit dem Motiv der Jungfrauen-Geburt doch dies: Gott ergießt sich ganz und gar in Maria hinein, allein aus sich heraus, ohne dass sie es irgendwie verdient oder gar selber oder durch die Hilfe anderer herbeigeführt hätte. Nicht Fleisch und Blut, nicht männlicher Zugriff, nicht menschliche Leistung, kein selbstbewusstes Handanlegen irgendwelcher Art (vgl. Joh 1,13), einzig und allein Gott schafft sich eine Wohnung hier auf Erden, in einem konkreten Menschen, historisch in Maria und mystisch auch in allen Menschen, die sich ihm öffnen, und dann natürlich auch in denen, die die Jungfräulichkeit als Lebensform gewählt haben!
Erst wenn wir ein bloß biologisches Verständnis der „Jungfrauengeburt“ überwinden, eröffnet sich auch eine Möglichkeit für andere, für die Gemeinschaft der Kirche, für Frauen und Männer heute: Die Möglichkeit nämlich, dass Gott in jedem Menschen geboren werden kann, wenn er sich wie Maria verhält und versteht. Denn es ist durch eine lange mystische Tradition gesichert, dass in Maria abgebildet ist, was sich später als innerseelisches Ereignis ereignen könnte: das Innewohnen Gottes im Herzen der Menschen, in unserer Seele. Wir können wie Maria Gott in uns aufnehmen. Schon Franz von Assisi hat alle Christen mit Maria verglichen und gesagt: Wir können Gott empfangen; wir können seine Mütter sein, indem wir ihn empfangen, ihn in uns tragen und ihn gebären in einem heiligen Wirken.

Anton Rotzetter in Aus Liebe zum Leben

Erwartungshaltung (4)

Erfüllung, Leben, Zukunft und Kraft finden

Gott ist ein verrückter Liebhaber, um es mit dem Alten Testament noch einmal anders zu sagen; ein verrückter Liebhaber, der auf der Suche ist nach dem Menschen, und der Mensch ist die gesuchte Braut, die ebenso sehnsüchtig nach ihm Ausschau hält. Gott wählt und erfüllt den Menschen! Gott allein ist letztlich das Du, in dem der Mensch Erfüllung, Leben, Zukunft, Kraft findet.
Das gilt in Bezug auf die Frau und den Mann, was noch deutlicher wird, wenn wir uns vor Augen halten, dass der Begriff „virgo = Jungfrau“ im ersten christlichen Jahrhundert in erster Linie gerade nicht an einer Frau konkretisiert wurde, sondern am Lieblingsjünger Johannes. Es gibt viele Hymnen und Lieder auf die Beziehung zwischen Jesus und dem Lieblingsjünger. Berühmt ist die sogenannte „Johannes-Minne“ oder die „Johannes-Kommunion“, wie man bildlich ausdrückte, was den Inhalt dieser Beziehung ausmacht. Da wird Jesus dargestellt als Liebhaber, als Geheimnis der liebenden Zuwendung. Johannes dagegen wird dargestellt wie eine Frau, die sich am Herzen des Geliebten, Jesu eben, ausruht und sich in der Liebe des Bräutigams birgt, zu seinem Glück und zu seiner Seligkeit, wie man unschwer sehen kann.

Anton Rotzetter in Aus Liebe zum Leben

Erwartungshaltung (3)

Es geht bei der Jungfräulichkeit eben letztlich nicht um das biologische „Frausein“, von dem dann die Männer ausgeschlossen wären. Es handelt sich gerade nicht um eine geschlechts- und damit frauenspezifische Aussage, sondern um eine Gleichnisrede, die den Menschen als solchen meint. Man will etwas Grundlegendes über das Verhältnis von Mensch und Gott sagen.

Es ist demnach Unsinn zu sagen, dass z.B. das Evangelium von den fünf klugen und fünf törichten Jungfrauen (Mt 25,1-13) ein Frauengleichnis sei. Was hier gesagt ist, wird vom Menschen gesagt, nicht bloß von Frauen, wobei es letztlich gleichgültig ist, ob sie verheiratet oder ledig sind. Weder das Frau- noch das Jungfrausein hat in solchem Reden eine biologische oder geschlechtsspezifische Bedeutung. Diese Jungfrauen stehen für die Christen und Christinnen, die auf die Wiederkunft Christi, des Bräutigams warten. Sie haben eine symbolische Bedeutung. Die junge Frau – das zeigt sich im Gleichnis auf eindrückliche Weise – definiert sich durch den, der kommt, durch eine potentielle, zukünftige Beziehung, die bereits hier und jetzt wirksam ist: Sie wartet, bis der kommt, der sie erwählt; der sie dann möglicherweise ein ganzes Leben lang innerlich bestimmen wird; mit dem sie mit Gewissheit ein ganzes Leben lang lebt. Die Christen sind, so will es das Evangelium, Menschen, deren Wesen es ist, zu warten. Sie warten auf den, der kommt, auf Jesus Christus, auf den Bräutigam.

Nochmals: es geht nicht um die Frau, sondern um den Menschen, der sich nicht aus sich selbst heraus definiert, sondern sich vom Geheimnis Gottes her zu verstehen und zu begreifen sucht. Jungfräulichkeit ist darum von allem Anfang an eine Charakterisierung des religiösen Menschen, meint eine realisierte Gottesbeziehung zunächst des Wartens auf Gott, des sehnsüchtigen Ausschauhaltens, des brennenden Verlangens und dann der Erfüllung, der Begegnung, der Umarmung. Wir stehen damit als Christen zu Gott letztlich in einem Verhältnis von Braut und Bräutigam.

Anton Rotzetter in Aus Liebe zum Leben

 

 

 

Erwartungshaltung (2)

„Jungfräulichkeit“ als religiöse Metapher

Um einen Lebensstil in der Haltung des Erwartens zu kennzeichnen, wird von alters her das Symbolwort Jungfräulichkeit verwendet.
„Jungfräulichkeit“ definiert den Menschen als liebesbedürftiges und geliebtes Wesen, das nur in der Liebe Gottes zur Vollendung gelangt.
Fakt ist, dass dieses Symbolwort durch eine weithin eingetretene inhaltliche Gewichtung auf den Bereich des Sexuellen hin stark belastet ist. Jedoch hat diese Benennung für die spirituelle Praxis eine hohe Bedeutung, weil sich nicht wirklich ein adäquater Ausdruck dafür finden lässt.
„Jungfräulichkeit“ meint im Altertum primär den psychologischen Zustand des jungen Mädchens vor der Ehe, die körperliche Unversehrtheit spielt eine untergeordnete Rolle. Die ist unschwer nachzuvollziehen. Denn bis in das 20. Jahrhundert hinein wurde die junge Frau vorwiegend passiv definiert: Sie musste warten, bis sie von einem Mann beispielsweise zum Tanz aufgefordert oder gar heimgeführt wurde. Die junge Frau definierte sich also nicht aus sich selbst, sondern durch den zukünftigen Mann. Diese wartende Passivität wurde schließlich zur religiösen Metapher.

Anton Rotzetter in Aus Liebe zum Leben

 

Norbert Mothes

 

Erwartungshaltung (1)

Was erwarte ich vom Leben?

Diese Frage lässt nicht auf die Schnelle beantworten.

Die Erwartungshaltung des alttestamentlichen Gottesvolkes lässt sich drei Themenkreisen zuordnen:

Heil

Segen

Fülle

 

Norbert Mothes

Sie sind eingeladen, den Tisch des inneren Menschen mit zu decken. Reichen Sie Ihre Beiträge bitte über meine E-Mailadresse ein.

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