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Bistum Dresden Meissen

Proviant für den Tag

Nahrung für die Seele

Die Seele wohnt dem Menschen inne, sie prägt seine Einmaligkeit. Ganz verschieden hören sich ihre Melodien an. Manchmal eher tragend, manchmal schwungvoll und energiegeladen. Manchmal ist nur ein leiser, fast stiller Klang zu vernehmen. Fast lässt sich dieser Klang überhören.


Spirituelle Impulse, Gebete und Meditationen können den Dialog mit der Seele anbahnen. In der Mitte seiner selbst berührt zu werden, ist nicht planbar, nicht machbar. Mögen sich die täglichen Impulse hin und wieder als gutes Weggeleit erweisen, durch das der Tisch des Inneren Menschen nahrhaft gedeckt wird.

 

 

Dein Wille geschehe

„Lasst uns Menschen machen“ (Gen 1,26), das ist sein Wille. „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich“: Bis heute gilt dieses großartige Wort. Der Mensch soll „geboren werden“, er soll hervorkommen mit seinem ganzen Potenzial, das in ihm liegt, als der, der er in der Zukunft sein kann. So gesehen, befinden wir uns immer in unserer eigenen Vorgeschichte.

Gott will den „Menschen machen“, ihn mehr und mehr menschlich machen; ihn modellieren, auf dass er vor Leben geradezu strotzt, ihm Atem geben – und Gefährten, Freunde, jemanden, der ihn liebt. „Es ist nicht gut“, sprach der HERR mit Blick auf Adam, „dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist“ (Gen 2,18). Es ist Gottes Wille, dass alle Einsamkeit überwunden wird.

Sein Wollen zielt darauf hin, dass ich hineinwachse in eine je größere Ähnlichkeit mit ihm, meinem Schöpfer. In meinem Antlitz soll sich das seine widerspiegeln, mein Herz soll weit werden wie das seine, und meine selektive Liebe immer mehr ihre Grenzen überwinden.

Vor diesem Hintergrund bekommt die Bitte „Dein Wille geschehe“ einen ganz neuen Klang. Sie ist nicht mehr der Widerhall einer resigniert-duldenden Lebenseinstellung, sondern wird zu Quelle neuen Lebens. „Dein Wille geschehe!“, darin steckt Zukunft, das baut auf. Es sind Worte voller neuer Lebenskraft.

 

Ermes Ronchi in seinem Buch Vater unser im Himmel

Werden, wer wir sind (9)

Fazit: Zuerst denken, dann handeln

Klug sein heißt, bei der Urteilsbildung alle menschlichen Erkenntniswege zu nutzen und in Einklang zu bringen, das heißt, zu sehen mit Herz, Gefühl, Sinnen, Erfahrung und Verstand. Der Kluge will der Sache auf den Grund gehen, sodass er durch das Verstehen Orientierung für sein Handeln erhält.
Das Gute beziehungsweise das Richtige kann nur tun, wer die Wirklichkeit kennt. Daher ist die Klugheit Ursache, Wurzel, Gebärerin aller anderen Tugenden. Sie ist die Grundlage dafür, dass die übrigen Tugenden überhaupt Tugenden sind. Sie gibt ihnen Orientierung. Die Klugheit selbst braucht aber auch die anderen drei Tugenden.
Die Gerechtigkeit hilft ihr, Menschen und Dinge richtig zu verstehen, ihnen im wahrsten Sinn des Wortes gerecht zu werden, indem die Verhältnisbestimmung geordnet wird.
Ebenso braucht die Klugheit Tapferkeit und Mut, weil es oft Angst macht, den Dingen, so wie sie sind, ins Auge zu schauen.
Schließlich benötigt sie das rechte Maß, weil ohne das Wissen über die Begrenztheit unseres Wissens, das, was wir verstanden haben, wieder dumm und töricht wird. Die Klugheit ist daher immer auch mit Verzicht verbunden, nämlich mit dem Verzicht, immer recht haben zu wollen!

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Werden, wer wir sind (8)

Der Kluge ist vorausschauend

Das griechische Wort „phronesis“ bezeichnet das kritische Denken. Der Verstand, der Plan, die Gesinnung, das Herz leiten sich ab von „phronein“, was urteilen, bei gesundem Verstand sein bedeutet. Der Kluge hat Verstand und kann daher die Dinge, die Lage richtig beurteilen. So betrachtet der Kluge eine Sache einen Menschen von verschiedenen Perspektiven aus und gibt sich nicht mit einer Sichtweise zufrieden. Der Kluge ist im wahrsten Sinn des Wortes „vor-sichtig“. Das wird im Lateinischen deutlich. Dort leitet sich „prudentia“ von „providus – vorsehend/vorausschauend“ ab. Der Kluge ist also ein vorausschauender Mensch, einer, der sich vorzusehen pflegt, wie es das italienische Wort für „Vorsicht“ – „prudenza“ bis in unsere Zeit zum Ausdruck bringt. Er sieht, was auf ihn zukommt, und ist somit „vor-sich-tig“. Aus diesem Grund wird die Klugheit mit einem zweigesichtigen Januskopf dargestellt. Der Kluge nimmt sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft in den Blick, lässt also den Perspektivenwechsel zu, um sich so der Gegenwart zu stellen. Woher kommen wir? Was ist unsere Tradition? Aber auch Wohin gehen wir? Was kommt auf uns zu? Was ist unsere Vision? Dies sind entscheidende Fragen, die die Klugheit immer wieder zu stellen weiß, um eine Antwort für die Gegenwart zu finden. Klugheit verlangt, seine Wurzeln anzuschauen. Sie verlangt aber ebenso eine realistische Sicht dessen, was alles in Zukunft kommen könnte.

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Werden, wer wir sind (7)

Weisheit ist die Frucht der Klugheit

Studium und Lesen benötigen selbstredend Zeit und Ausdauer und können nicht ersetzt werden mit einem kurzen Abrufen von Informationen, beispielsweise im Internet. Freilich verleitet ein nur angelesenes Wissen dazu, durch die Weisheit der Alten nicht „selbst-klug“, sondern „alt-klug“ zu werden. Daher ist die Klugheit im Zusammenhang mit der Weisheit zu sehen, wobei die Weisheit sich auf das Wissen bezieht, während die Klugheit stärker handlungsorientiert ist. Der lateinische Begriff für Weisheit „sapientia“ leitet sich von “sapere“ – „Geschmack finden“ ab. Weisheit bedeutet also „In-etwas-Hineinschmecken“ und nicht mehr davon loskommen, bleibenden Geschmack an einer Sache finden, für etwas Geschmack haben, Geschmack entwickeln. Daher galt im Mittelalter dann ein Mensch als weise, wenn ihm alle Dinge so schmecken, wie sie wirklich sind. Mit einer Art „Fast-food-Wochenendkurs“, bei dem ich zwar in vieles hineinschmecken kann und vielleicht auch an so manchem Geschmack finde, hat Weisheit zunächst nichts zu tun. Dem Weisen geht es weniger darum, etwas zu finden, was ihm schmeckt, als vielmehr darum, einen sensiblen Geschmacksnerv dafür zu entwickeln, wie die Dinge wirklich schmecken.

Wiederum geht es um das Erkennen, wie eine Sache beschaffen ist. Die Weisheit befähigt die Klugheit zum rechten Urteil und befähigt weiter, die Konsequenzen des Handelns zu erkennen und zu übernehmen. Das ist gemeint, wenn es in Friedrich Schillers Drama „Willhelm Tell“ heißt: „Der kluge Mann baut vor“, oder wenn am Ende der Bergpredigt festgestellt wird, dass der kluge Menn sein Haus auf Felsen baut, sodass ihm die Stürme nichts anhaben können (vgl. Matthäus 7,24-27). Der Kluge hat einen sicheren Plan, wie es die Etymologie des griechischen Wortes für Klugheit zum Ausdruck bringt.

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Werden, wer wir sind (6)

Der Kluge lernt aus Fehlern

Klugheit bedeutet somit auch, Fehler machen zu können und daraus zu lernen. Freilich heißt das nicht, dass man, um klug zu werden, alle Fehler erst mal machen sollte. Daher verlässt sich der Kluge nicht nur auf seine eigenen Einsichten, sondern auch auf die von anderen Menschen und Autoritäten, denen er vertrauen kann. Darauf verweist die Kunst, wenn sie der Klugheit ein Buch als Attribut in die Hand gibt. Das Buch erinnert an den gesammelten Erfahrungsschatz der Menschheit. Klugheit hat also etwas mit Gelehrsamkeit und Wissenschaft zu tun, die zur Weisheit führen können. Mithilfe des überlieferten Wissens untersucht die Klugheit die Wirklichkeit und erforscht sie genau. Die eigenen Ansichten und Einsichten werden mit dem überlieferten Erfahrungsschatz konfrontiert und reflektiert.

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Werden, wer wir sind (5)

Der Kluge bleibt bodenständig

In „humilitas“ steckt das Wörtchen „humus“ – „Boden“. Der demütige Mensch ist ein bodenständiger Mensch, realitätsnah und erdverbunden. Er weiß, dass er Mensch ist, wie es der hebräische Name „Adam“ – „vom Erdboden genommen“ zum Ausdruck bringt. Der Demütige ist sich seines Menschseins bewusst. Er braucht nicht Gott, nicht fehlerfrei und perfekt zu sein. Er darf Mensch sein. In dieser entlastenden Selbsterkenntnis wird der Demütige zum klugen Menschen, weil er seine Stärken und Schwächen erkennt und annehmen kann. „Humilitas“ – „Demut“ zeigt sich dann als Humor, wenn wir eigene und fremde Originalität im Spiegel der Menschlichkeit mit einem Lächeln ertragen und gelegentlich nur so auch ertragen können.

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Werden, wer wir sind (4)

Der Kluge reflektiert und durchschaut Zusammenhänge

Wie die Schlange, so deutet auch der Spiegel als Attribut der Klugheit eher auf ein Laster als auf eine Tugend hin. Er steht für Eitelkeit und Selbstverliebtheit entsprechend der eifersüchtigen Frage der bösen Königin im Märchen von Schneewittchen: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Bezeichnend ist, dass es im Märchen gerade der Spiegel ist, der der bösen Stiefmutter ungeschminkt die Wahrheit sagt, ob es ihr passt oder nicht. Als Attribut der Klugheit steht der Spiegel für die nüchterne Selbstreflexion und Selbsterkenntnis des Menschen. Wer nach einer nächtlichen Schandtat morgens nicht mehr in den Spiegel schauen kann, der weiß, dass er den Weg des Guten und damit den Weg der Tugend verlassen hat. Wer sich dagegen ungeschminkt im Spiegel betrachten kann, der kennt seine schönen, aber auch seine hässlichen Seiten. Vermutlich wird er auch daran arbeiten, dass sich sein äußeres Erscheinungsbild durch Gesichtspflege und Schminke ändert – freilich immer mit dem Wissen, dass so mancher Makel bleiben wird und sich nicht verdecken lässt. Der Kluge ist weder blind noch sieht er weg. Der Kluge schaut der Wahrheit ins Gesicht. So sieht der Kluge das, was eigentlich vor sich geht. Er kann entlarven. Sein Ziel ist es, die Zusammenhänge, die Tiefen zu erkennen, das Vordergründige auf das Eigentliche, auf das Hintergründige hin zu durchschauen. Der Kluge findet so zur nüchternen Klarheit, weil er nichts beschönigen will. So verstanden hat Klugheit zutiefst mit Demut zu tun, „humilitas“ im Lateinischen.

 

Johannes Eckert in seinem Buch Lebe, was du bist

Sie sind eingeladen, den Tisch des inneren Menschen mit zu decken. Reichen Sie Ihre Beiträge bitte über meine E-Mailadresse ein.

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