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Bistum Dresden Meissen

Sonntagsworte

20. Sonntag im Jahreskreis

am 16. August

zu Mt 15,21-28

Für viele Menschen ist unsere Welt ein Chaos mit schreiender Ungerechtigkeit, mit Enttäuschungen, Grausamkeit und zerstörten Hoffnungen. Doch dagegen steht die Glaubenserfahrung des Johannes in seinem Brief: Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube (1 Joh 5,4).

Es ist der Glaube an das menschgewordene Wort Gottes, das uns einen unendlichen Horizont anbietet und ungeahnte Möglichkeiten von daher eröffnen kann, wo wir am Ende sind. Demnach ist derjenige ein wahrhaft Gläubiger, der Gott beim Wort nimmt und sich mit  vertrauensvollem Herzen Gottes Möglichkeiten überlässt.

Wer so glaubt, der hat bereits die Sperren überwunden, in die sein Leben eingeschlossen war. Er betritt gleichsam das Land Gottes. Von ihm aus kann er alles in einem anderen Licht sehen. Die Bibel wird nicht müde, uns immer wieder Menschen solchen Glaubens vor Augen zu stellen – so auch im heutigen Evangelium.

Jesus zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück (Mt 15,21). Dadurch sollte sich erfüllen, was schon Jesaia verheißen hat: Die Fremden, die sich dem Herrn angeschlossen haben, die ihm dienen und seinen Namen lieben, um seine Knechte zu sein, bringe ich zu meinem heiligen Berg und erfülle sie in meinem Bethaus mit Freude. Mein Haus wird ein Haus des Gebets für alle Völker genannt (Jes 56,6f) – unsere heutige Lesung.

Diese Prophezeiung erfüllt sich an der heidnischen, kanaanäischen Frau, die uns ein Beispiel echten Glaubens gibt.

Wenn immer Gott durch den Glauben in das Leben eines Menschen tritt, dann ist es, wie wenn Wasser in Wein verwandelt wird, und sein Herz bekommt etwas von jener heiteren und fröhlichen Gelassenheit, die nur "göttlicher Wein" hervorrufen kann. Aus dem neuen Sein, das der Glaube schenkt, erwächst uns eine göttliche Kraft: Wer glaubt und nicht zweifelt, wer vertraut und eben nicht sein Vertrauen zurückhält, wer ganz auf Gottes Seite steht und nicht mit einem Bein  lieber auf menschlichem Boden bleiben möchte, wer sich auf Gottes Macht verlässt, dem wird scheinbar Unmögliches möglich, an dem gelingen Gottes Möglichkeiten. Er wird (s. Mk 11,22f) Berge versetzen.

Gemeint sind hier vor allem die Ölberge des Lebens, die sich jedem in den Weg stellen können und vor denen wir nicht mehr weiterwissen. Als Jesus vor seinem Ölberg stand und sich dort im Gebet Gottes Möglichkeiten anvertraute, da erschien ihm ein Engel vom Himmel und stärkte ihn (Lk 22,43), und in der Kraft Gottes bewältigte er die Verlassenheit und Enttäuschung auf diesem Berg.

Wahrer Glaube versetzt Berge und trägt über das Wasser, Kleinglaube verzagt und versinkt (s. Mt 14,30f).

Wer glaubt, der betritt die Arche Gottes, die ihn zu anderen Ufern bringt. Damit deutet sich aber auch an: Wer glaubt, nimmt am Sieg Gottes über die finsteren Mächte dieser Welt teil wie auch an der Siegesfreude, die Gott durch den Glauben in das Herz des Menschen gießt. Aus ihr erwächst ein unerschütterlicher Optimismus, der in seinem Wesen eine Lebenskraft ist, eine Hoffnung, während andere resignieren; eine Kraft, den Kopf hoch zu halten, wenn alles fehl zu schlagen scheint; eine Kraft, Rückschläge zu ertragen; eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner überlässt, sondern sie annimmt und mit Gott gestaltet.

Die Kanaanäerin im Evangelium hat diese Glaubenssicherheit, die sich durch nichts erschüttern lässt. Sie ahnt, dass sich Gott nicht an Grenzen halten muss und dass auch für sie Chancen des Heils bestehen. Deshalb lässt sie sich nicht abweisen. Sie kann in Jesus mehr erkennen als nur einen Wanderprediger für die Juden und drückt gelassen ihre Hoffnung in bewundernswerter Bescheidenheit aus. Jesus weist sie zunächst ab: Ich bin nur zu den Schafen des Hauses Israel gesandt. Die bittende Kanaanäerin aber lässt nicht locker:

Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen (Mt 15,27).

Einen solchen Glauben lässt Christus nie unbeantwortet, was ja unser heutiges Evangelium zeigt.

Es gibt Menschen, die glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder „frommer Weltflucht“ der Verantwortung für das Weiterleben und für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann können wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen – vorher aber nicht.

Ein Mann des Glaubens, der niemals diesen Optimismus verlor, war Papst Johannes XXIII. Im Hinblick auf seinen Tod erklärte er:

"Es besteht kein Grund, Illusionen zu hegen, vielmehr muss ich mich mit dem Gedanken an das Ende vertraut machen. Nicht mit Schrecken und Zagen, denn das schwächt und ermüdet, wohl aber mit Vertrauen, wodurch der Mut zum Leben, der Eifer zu arbeiten und zu dienen erhalten bleibt. Seit langem habe ich mir vorgenommen, diesem Grundsatz treu zu sein und so den Tod zu erwarten."

Eine solche Haltung hatte auch Johannes Paul II., und er lebte sie uns konsequent vor bis zu seinem Tod.

Der Glaube schenkt uns mit einem neuen Sein eine heitere Gelassenheit; er gibt uns göttliche Kraft, indem er uns an Gottes Möglichkeiten teilhaben lässt; er verleiht uns ein humorvolles und optimistisches Herz, das vom Sieg Gottes über die dunklen Mächte dieser Welt lebt.

Was diesen Glauben so schwer macht, ist der Zweifel, der immer aus einem zwiespältigen Herzen aufsteigt. An seiner Wurzel sitzen Misstrauen gegenüber Gottes unbegrenzten Möglichkeiten und Ängstlichkeit, sich selbst loszulassen. Weil Jesus um all das weiß, deshalb sagt er bewundernd zu der Kanaanäerin: "Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen" (Mt 15,28a) und erfüllt die Bitte der Frau, was wir als Zeichen für uns verstehen dürfen.

Der Evangelist versichert uns: Von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt (Mt 15,28b).  

Gott will das Heil für alle Menschen, für Israelis und Palästinenser, für Türken und Griechen, für Gläubige und Ungläubige. Für ihn gibt es keine Ausländer. Daher kann Jesus verkünden: Es ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich keinen von denen, die er mir gegeben hat, zugrunde gehen lasse. Denn es ist der Wille meines Vaters, dass alle, die den Sohn sehen und an ihn glauben, das ewige Leben haben und dass ich sie auferwecke am Letzten Tag (Joh 6,39f).

Was uns fehlt und was uns die Zweifel nehmen könnte, ist jene kindliche Einfalt, die vor allem den Heiligen zu eigen ist. Aufgrund ihrer Einfalt besaßen sie den Mut, sich kopfüber ins göttliche Abenteuer zu stürzen. Eine kindliche Einfalt, ein rückhaltloses Vertrauen und ein bedingungsloses Ja zu Gottes Möglichkeiten, das ist es, was unsere Lebenspraxis braucht, was Jesus nicht im gläubigen Volk Judäas fand, sondern bei der kanaanäischen Frau im heidnischen Gebiet von Tyrus und Sidon.

Findet er diesen Glauben auch bei uns?               Amen!                                                                                            

Vgl. R. Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Bd. 2, Kap. 4, Herder-Verlag 1995.


Pfarrer Joachim Scholz

Pfarrer Joachim Scholz; 
Foto: Bistum Dresden-Meißen Pfarrer Joachim Scholz; Foto: Bistum Dresden-Meißen

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