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Bistum Dresden Meissen

Sonntagsworte

zum 28. Sonntag im Jahreskreis

am 10. Oktober 2021

Ein Rabbiner war wegen seiner Glaubenshaltung bei der Regierung denunziert worden. Als er im Gefängnis dem Verhör entgegensah, suchte ihn der Polizei-Chef jener Stadt in seiner Zelle auf. Er kam mit ihm ins Gespräch und stellte die Frage: "Wie ist es zu verstehen, dass Gott der Allwissende zu Adam spricht: 'Wo bist du?' (Gen 3,9)"

Der Rabbiner erwiderte: "Jede Zeit, jede Generation und jeder Mensch ist in die Schrift hinein geholt, denn in jeder Zeit ruft Gott den Menschen an: 'Wo bist du?' So viele Tage und Jahre von der dir zugemessenen Zeit sind bereits vergangen.

Was hast du aus diesen Tagen und Jahren gemacht?

Wo stehst du? – Sechsundvierzig Jahre hast du gelebt. Was ist inzwischen aus dir geworden? Wo bist du angekommen?”

Als der Polizeichef die Zahl seiner Lebensjahre hörte, raffte er sich zusammen. Er legte dem Rabbiner die Hand auf die Schulter und sagte: "So wird es sein. Du hast gut geantwortet."

Während dieser Worte begann jedoch sein Herz zu flattern.

(Martin Buber, Werke III, Schriften zum Chassidismus)

Die Frage "Wo bist du?" ist die erste Frage der Bibel überhaupt, aber nicht eine Frage des Menschen an Gott, sondern Gottes an den Menschen. "Adam, wo bist du?" Adam hatte sich vor Gott aus gewissen Gründen unter den Bäumen versteckt.

"Adam, wo bist du?" – So spricht Gott jeden Menschen an. Erst wenn der Mensch bereit ist, sich dieser Frage zu stellen, wird er Gottes Gegenwart erfahren. Das verdeutlicht die vorangegangene Weisheitserzählung.

Der Polizei-Chef erinnert an Menschen, die mit ganz gezielten Fragen einen Widerspruch in unserem Glauben aufzudecken suchen. In solchen Situationen geben wir uns alle Mühe, um die vorgebrachte Kritik zu widerlegen und dem anderen klarzumachen, dass hier kein Widerspruch besteht, abgesehen davon, dass bei solch intellektuellen Zweikämpfen in den meisten Fällen nichts herauskommt. Man sagt sich dann:

"Es lohnt sich nicht, über religiöse Dinge zu streiten." So geht man auseinander, indem man sich noch fremder geworden ist. Meistens entdecken wir nicht, dass solch intellektuelle Fragen in nicht wenigen Fällen viel tiefere Wurzeln haben, an die man auf diese Weise nicht herankommen kann. Der Rabbiner und der Polizei-Chef gingen jedenfalls anders auseinander.

Dem Rabbiner war es gelungen, Leben in den Herzenstiefen seines Gesprächspartners zu wecken. So wurden sie zu Brüdern: Der Polizei-Chef legte dem Geistlichen die Hand auf die Schulter. Wie war es dazu gekommen?

Der Rabbiner hatte das Gespür, hinter der intellektuellen Frage des anderen sein eigentliches Problem zu vernehmen. Er wusste nämlich, dass das Glaubensleben eines Menschen stets sehr eng mit seiner praktischen Lebensführung verbunden ist. Glaube ist ja nicht nur eine theoretische Überzeugung, neben der unser alltägliches Tun und Lassen ihre eigenen Wege gehen können. Wenn beispielsweise ein Mensch fortwährend dem Willen Gottes widerspricht und nicht bereit ist, sich von seinen verkehrten Neigungen zu verabschieden, dann kann dies der Glaube eine gewisse Zeit verkraften. Es wird jedoch nicht allzu lange dauern, bis er seinen zwiespältigen Zustand nicht mehr erträgt und den Glauben auf die Seite schiebt.

Bevor es zu dieser Absage kommt, verschafft sich die innere Spannung im Zweifel an den Glaubenswahrheiten Luft, mit denen sich die persönliche Lebensführung in Widerspruch befindet.

Was hier angesprochen wird, drückt der evangelische Theologe Helmut Thielicke ungefähr so aus: In Wahrheit ist unsere Gemeinschaft mit Gott niemals dadurch in Frage gestellt, dass uns diese oder jene Lehre rationale Schwierigkeiten bereitet. Gewiss gibt es solche Schwierigkeiten. Aber ebenso gewiss ist, dass aus diesen Schwierigkeiten niemals der Bruch mit Gott entsteht. Sondern wenn jene theoretischen Schwierigkeiten eintreten, dann ist das immer ein Zeichen dessen, dass etwas viel Realeres in unsere Lebenspraxis als Gläubige nicht in Ordnung ist – vielleicht unsere Gemeinschaft mit Gott, unser Leben vor seinem Angesicht... Wenn wir so mit Gott in Unordnung geraten sind und unser Leben von ihm abgeschnitten ist, forschen wir nach Scheingründen; und diese stellen sich ziemlich schnell ein.

Von hier aus wird verständlich, warum der Rabbiner mit seiner Antwort in eine ganz andere Richtung zielte, als wir es erwartet hätten. Er ließ sich nicht darauf ein, die Bibelstelle zu erklären. Auch war er nicht daran interessiert, den vorgebrachten Widerspruch aufzuheben. Stattdessen wandte er sich dem Fragenden in einer ganz persönlichen Weise zu und sagte ihm: "Du selbst bist Adam. Zu dir spricht Gott: 'Wo bist du? '"

Wenn Gott so fragt, will er vom Menschen nicht etwas erfahren, was er noch nicht weiß; er will im Menschen etwas bewirken, er soll sich seines Standpunktes bewusst werden; Gott will ihn ins Herz treffen; das gelingt aber nur, wenn der Mensch sich ins Herz treffen lässt.

Damit wird die Erzählung für jeden Menschen bedeutsam, denn jeder Mensch ist Adam. Die Frage "Adam, wo bist du?" gehört also nicht in längst vergangene Zeiten. Mit ihr spricht Gott immer wieder jeden Menschen an, um ihn zur "Selbstbesinnung" zu rufen. Wenn sich der Mensch diesem Anruf stellt und hörbereit für seinen Gott wird, dann wird sein Leben zu einem bewussteren Weg, der ihn Gott näherbringt. Weicht er ihm aus, indem er theoretische Widersprüche in der Glaubenslehre sucht oder indem er sich für überfordert hält beim Hören auf das verkündete Wort – sich ´unter den Bäumen versteckt´, dann mag er noch so viel Erfolg haben, sein Leben bleibt letztlich ausweglos.

Der gläubige Mensch weiß jedoch, dass es seit dem Tod und der Auferstehung Jesu keine Situation geben kann, die für ihn wirklich aussichtslos wäre.

Denn voll Leben ist Gottes Wort und voll Kraft und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, Gelenk und Mark, und ein Richter ist es über Gesinnungen und Gedanken des Herzens; und es gibt nichts Geschaffenes, das vor ihm verborgen wäre; vielmehr liegt alles bloß und enthüllt da vor den Augen dessen, vor dem wir Rechenschaft abzulegen haben (Hebr 4,12f).

(Vgl. R. Stertenbrink, In Bildern und Beispielen, Bd. 1, Kap. 10; Herder-Verlag 1995)

Pfarrer Joachim Scholz

Pfarrer Joachim Scholz; 
Foto: Bistum Dresden-Meißen Pfarrer Joachim Scholz; Foto: Bistum Dresden-Meißen

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