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Bistum Dresden Meissen

Sonntagsworte

2. Sonntag im Jahreskreis

am 19. Januar 2020

Liebe Gemeinde!

Irgendwann, als ich noch im vollen Dienst war, fragte ich im Religionsunterricht die Kinder: „Mit welchem Tier wird Jesus mitunter verglichen?“

Ratloses Schweigen war die Antwort auf diese seltsam anmutende Frage.

Diese Frage wird im heutigen Evangelium beantwortet: Johannes der Täufer erkannte in Jesus von Nazaret „das Lamm Gottes”. So bekannte er ihn vor seinen Jüngern: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt (Joh 1,29).

Die Mächtigen unserer Welt präsentieren sich seit der Antike bis in unsere Zeit mit Zeichen ihrer Überlegenheit: wählten als Wappentier einen Löwen, einen Bären, einen Adler oder ein furchteinflößendes Fabeltier; ließen sich porträtieren in Prachtgewändern aus Samt und Seide oder in voller Rüstung; stellten sich dar mit Symbolen ihres Standes, ihres Anspruches, ihres Besitzes oder ihrer Macht.

Christus aber steht nach den Worten des Täufers Johannes vor uns als „das Lamm Gottes”. – Wie sollen wir das verstehen?

Diese Aussage verweist auf Begebenheiten, auf Kulte, auf Bilder der Bibel, die aus geheimnisvollen Tiefen die Person Jesus und seine Funktion für uns erschließen und erhellen wollen.

Wir lesen im ersten Buch der Bibel, dass Abraham seinen Sohn Isaak auf dem Berg Moria Gott opfern sollte. Isaak fragte seinen Vater, als er das Holz auf den Berg schleppte - wie Jesus sein Kreuz auf den Golgota: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer? Abraham entgegnete: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn (Gen 22,7).

Als Abraham erkannte, dass Gott kein Menschenopfer verlangt – im Gegensatz zu anderen Göttern – und froh aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar (Gen 22,13) – ein Widder als Opferlamm anstelle des Isaak.

Dieser Gedanke des stellvertretenden Opfers wird noch deutlicher im Buch Exodus: Am Zehnten dieses Monats soll jeder ein Lamm für seine Familie holen, ein Lamm für jedes Haus. Gegen Abend soll die ganze versammelte Gemeinde Israel die Lämmer schlachten. Man nehme etwas von dem Blut und bestreiche damit die beiden Türpfosten und den Türsturz an den Häusern, in denen man das Lamm essen will (Ex 12,3-7).

Dieses Paschalamm diente jeder Familie einmal zur Stärkung und zum anderen als Schutz. Der strafende Engel Gottes ging an diesen Häusern vorüber (s. Ex 12,13).

An vielen Stellen der Bibel entdecken wir die kultische Vorschrift:

Ein jeder bringe seine Opfergabe für den Herrn mit: ein fehlerloses, einjähriges, männliches Lamm als Brandopfer (Num 6,14).

Im Buch Levitikus wird ein Opferlamm zum "Sündenbock" stellvertretend für die Vielen: Aaron soll den Bock, für den das Los «für den Herrn» herauskommt, herbeiführen und ihn als Sünd-Opfer darbringen. Der Bock, für den das Los «für Asasel» herauskommt, soll lebend vor den Herrn gestellt werden, um für die Sühne zu dienen und in die Wüste gejagt werden (Lev 16,9f), wo er letztlich umkommt.

Wir wissen, Jesus starb am Tag und zu der Stunde, da im Tempel die Paschalämmer geschlachtet wurden. Paulus verkündet:

Als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden (1 Kor 5,7).

Im vierten Gottesknechtslied bei Jesaia lesen wir:

Wir hatten uns alle verirrt wie Schafe,
jeder ging für sich seinen Weg.
Doch der Herr lud auf ihn die Schuld von uns allen.
Er wurde misshandelt und niedergedrückt,
aber er tat seinen Mund nicht auf.
Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt,
und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer,
so tat auch er seinen Mund nicht auf
(Jes 53,6f).

Diese Parallele aus dem vierten Gottesknechtslied zur Kreuzigung Jesu ist unverkennbar und spricht uns in unserer Karfreitags-Liturgie immer stark an.

Im Aramäischen gibt es für die Begriffe „Knecht“ – „Lamm“ – „Knabe“ nur ein einziges Wort: talja.

Wir haben in der Weihnachtszeit in vielen Weihnachtsliedern den in Betlehem geborenen Jesus-KNABEN besungen.

Petrus predigt zu Pfingsten: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen KNECHT Jesus verherrlicht, den ihr verraten und vor Pilatus verleugnet habt (Apg 3,33), was sich biblisch mit den Gottesknechtsliedern belegen ließe, die wir bei Jesaia finden. Seit der Apostelzeit wird in diesem Knecht Gottes Jesus von Nazareth erkannt. Zahlreiche Verweise auf diese Sicht finden wir in allen Evangelien.

Der Täufer Johannes aber fordert seine Zuhörer beim Anblick Jesu auf: Seht, das LAMM Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt (Joh 1,29) und sich für uns opfert. Jesus ist Knabe, ist Gottes Knecht und ist das Lamm Gottes – also im vollen Sinne talja.

Diese Treue des Gottesknechts bzw. des Opferlammes kann nicht unbeantwortet bleiben. An vielen Stellen stimmt die Offenbarung des Johannes ein großes Lob an: Würdig ist das Lamm, das geschlachtet wurde, Macht zu empfangen, Reichtum und Weisheit, Kraft und Ehre, Herrlichkeit und Lob.
Und alle Geschöpfe im Himmel und auf der Erde, unter der Erde und auf dem Meer, alles, was in der Welt ist, hörte ich sprechen:
Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lob und Ehre und Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit
(Offb 5,12f).

Dieses Lamm Gottes vollendet die Seligkeit derer, die ihm gefolgt sind, denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen (Offb 7,17).

Amen.

 

Pfarrer Joachim Scholz

Pfarrer Joachim Scholz; 
Foto: Bistum Dresden-Meißen Pfarrer Joachim Scholz; Foto: Bistum Dresden-Meißen

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