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Bistum Dresden Meissen
05. August 2026

Wunden, die heilen können

Deutsche und tschechische Christen trafen sich zum 20. Mal im Anschluss an eine Wallfahrt zur St. Anna Kirche nahe Planá (Tschechien) in der Gemeinde Domaslav zum Gedankenaustausch

Domaschlag/Domaslav (Tschechien). Zum 20. Mal haben sich in diesem Jahr am 25. Juli in Domaschlag/Domaslav (Tschechien) Mitglieder des lokalen Bürgervereins mit deutschen Heimatvertriebenen und deren Nachkommen getroffen. Das Treffen fand im Anschluss an eine Wallfahrt zur St.-Anna-Kirche bei Plan/Planá statt, bei der die deutsch-tschechische Versöhnung im Mittelpunkt steht. Mit der nach 1989 wiederbelebte Wallfahrt und dem Begegnungstreffen in Domaslav sollen der Austausch und das gegenseitige Vertrauen zwischen Deutschen und Tschechen gefördert werden. Dafür enagieren sich Ehrenamtliche beider Länder gemeinsam, unter anderem mit der Restaurierung kirchlicher und historischer Stätten und der Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte. Ziel dabei ist es, historische Wunden zu heilen und das friedliche Miteinander in einem gemeinsamen Europa zu stärken. 


Ein Bericht von Dr. Reinhard Böhm, Mitglied der katholischen Gemeinde St. Georg Leipzig-Nord und Ortsbetreuer von Hetschigau, gemeinsam mit Mgr. Petr Hruska, Pilsen

80 Jahre Vertreibung - Wunden, die heilen können

Viele Jahrhunderte lang lebten Deutsche und Tschechen in Böhmen friedlich zusammen. Nationalsozialistischer Terror, Vertreibung und kommunistische Ideologie beendeten dieses Zusammenleben nach dem Ende des 2. Weltkrieges 1945 gewaltsam. Mehr als drei Millionen Deutsche aus den böhmischen und mährischen Randgebieten wurden entrechtet, enteignet und vertrieben. Der Kommunismus dämonisierte nach der Vertreibung fortan alle Sudetendeutschen pauschal als Revanchisten, auf sudetendeutscher Seite blieb man oft auf das eigene Leid fokussiert.

Mit der Öffnung des Eisernen Vorhanges nach 1989 begannen deutsche und tschechische Christen eine Jahrhunderte alte Wallfahrt zur barocken St. Anna Kirche bei Plan, nahe Marienbad (CZ)/Planá u Mariánských Lázní, unter dem Motto: „die Grenzen sind offen, lasst uns Brücken bauen“, wiederaufzunehmen und Versöhnung zu leben. Die wunderschöne Barockkirche St. Anna bei Plan mit ihrer reichhaltigen Ausstattung und Ausmahlung zu den Lebensstationen Mariens, viele Jahre in der kommunistischen Ära von Dornen umwuchert und dem Verfall preisgegeben, wurde sukzessive wieder saniert und wird heute in seiner ursprünglichen Bedeutung sowie als Versöhnungsort genutzt. Übrigens wurde die Kirche im Jahr 1726 fertiggestellt und feiert bereits ihr 300-jähriges Bestehen, die Wallfahrt zur Hl. Anna findet in diesem Jahr zum 400. Male statt. Das Fest wurde von Papst Franziskus zum Großelternfest (Anna und Joachim) erhoben. In der Bibel werden die Namen der Großeltern Jesu zwar nicht erwähnt, aber sie stehen zum ersten Mal im sogenannten Protoevangelium des Jakobus, einer apokryphen Schrift.

Bei der Wallfahrt auf den Annaberg brechen wir aus der Lethargie unseres Alltags aus. Wir verlassen das Hamsterrad unserer Rastlosigkeit. Jede Wallfahrt ist mehr als ein frommer Brauch. Eine Wallfahrt heißt: „Setzt euch in Bewegung“ und diese Wallfahrt mit Freunden ist für uns etwas Besonderes. Wir machen uns miteinander auf den Wallfahrtsweg, um im Zeichen des Kreuzes und auch im Kreuz der Vertreibung Gott zu verstehen. Der Apostel Paulus lehrt uns im Römerbrief (12, 21): „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.“ Um einander kennenzulernen, braucht es Gelegenheiten, bei denen man sich mit anderen treffen kann.

Im Anschluss an die Wallfahrt findet in der Gemeinde Böhmisch Domaschlag/ Domaslav ein deutsch-tschechisches Treffen unter dem löchrigen Dach der dortigen St. Jakobus Kirche und des Bürgervereins zum Gedankenaustausch statt, um auf der Basis von Wahrheit und Gerechtigkeit Ängste voreinander zu nehmen und Vertrauen zu bilden. In der Ortsbezeichnung Domaschlag steckt der Stamm `Doma` - wie zu Hause. Da merkt man sofort: Heimat ist mehr als ein geografischer Ort. Menschen mit verschiedenen Muttersprachen, verschiedenen Familiengeschichten und manchmal auch mit unterschiedlichen Erinnerungen kommen hier zusammen und können sagen: Hier fühlen wir uns wie zu Hause. Das ist nicht selbstverständlich. Vor 80 Jahren wäre eine solche Begegnung kaum vorstellbar gewesen.

Vor 20 Jahren begann hier ein Weg, dessen Ende niemand kannte und so feiern wir mittlerweile das 20. Treffen. Das ist kein Zufall. Es ist ein Geschenk Gottes. Wie entstehen Konflikte? Nicht zuerst wegen verschiedener Sprachen, nicht zuerst wegen verschiedener Nationen, nicht zuerst wegen verschiedener Meinungen. Jesus zeigt uns: Die Wurzel der Konflikte liegt im Herzen des Menschen, dort, wo jeder zuerst an sich denkt, wo jeder Recht behalten möchte, wo jeder gewinnen will. Die jungen Menschen des Bürgervereins Domaslav, die dieses Projekt begonnen haben, stellten zuerst eine einfache Frage: Warum stimmt hier etwas nicht im Zusammenleben? Und sie machten etwas Überraschendes. Sie begannen nicht mit Diskussionen, nicht mit politischen Debatten, nicht mit gegenseitigen Vorwürfen. Sie machten einfach, räumten gemeinsam die St. Jakobus Kirche von Domschlag auf, legten die alten Grabsteine auf dem Friedhof frei, arbeiteten im Pfarrgarten und backten Kuchen. Danach setzten sie sich mit den Zeitzeugen der Vertreibung zusammen und hörten ihre Geschichten an.

Wir können erleben, Gemeinschaft entsteht nicht einsam am Schreibtisch, sondern gemeinsam am Esstisch, wahre Communio eben. Vielleicht müssen manchmal zuerst die Hände Brücken bauen, damit später auch die Herzen zueinander finden. „Wer groß sein will“, sagt Jesus, „soll dienen“, nicht herrschen, nicht siegen, sondern dienen. Jesu Worte passen so gut zu Domaslav. Denn seit zwanzig Jahren geschieht hier genau das, nicht zuerst große Worte, sondern Besen, Schaufeln, Farbe, Kaffee, Kuchen, Gebet und Gespräche. Genau das ist auch der Weg Jesu. Jesus hat keine Theorie über den Menschen geschrieben. Er ist Menschen begegnet, hat ihnen zugehört, hat ihre Wunden gesehen und gerade dadurch hat er Heilung gebracht.

Auch Versöhnung hat ihren Preis. Manchmal muss man auf das letzte Wort verzichten, den ersten Schritt tun, muss anerkennen, dass auch der andere gelitten hat, nicht um Schuld zu relativieren, sondern damit der Hass nicht das letzte Wort behält. Versöhnung überwindet gegenseitige Schuld. Versöhnung bedeutet weder Vergessen noch ein billiges Übergehen des Schmerzes. Versöhnung ist der Mut, sich der Wahrheit zu stellen, den eigenen Anteil am Bösen zu erkennen und Gott zu erlauben, dort, wo Zorn war, eine Quelle neuer Zukunft zu eröffnen.

Vielleicht besteht die besondere Berufung dieses Ortes Domaschlag gerade darin, Menschen erfahren zu lassen, was christliche Heimat bedeutet, nicht eine Heimat gegen eine andere ausspielen, sondern einander zuhören, miteinander beten und Christus in unsere Mitte stellen. Dann werden aus Grenzen langsam Brücken, aus Fremden Nachbarn und aus Nachbarn Schwestern und Brüder. Und dann können Menschen, ganz unabhängig davon, welche Sprache sie sprechen oder welche Geschichte sie mitbringen, sagen: Hier bin ich nicht fremd. Hier bin ich – wie zu Hause.

Warum interessiere ich mich als Nachgeborener für die Heimat meiner Vorfahren, aus der sie 1946 vertrieben wurden, wo doch meine gegenwärtige Heimat hier in Sachsen ist? Warum setze ich mich trotz Vertreibungsleids für die deutsch-tschechische Versöhnung ein? Warum wurde ich zum Ortsbetreuer von Hetschigau im Egerland? Warum fahre ich zu Treffen mit Tschechen, die heute im Vertreibungsgebiet leben? Meine Antwort ist einfach: weil ich die schönen Geschichten vom Leben meiner Eltern in ihrer Jugend gehört habe und weil ich auch die traurigen Geschichten vom Verlust ihrer Heimat kennenlernen musste, weil ich Gottesdienste in den Wallfahrtskirchen St. Anna Plan, Mähring und St. Jakobus Domaschlag mitgefeiert habe, weil ich unseren Familiennamen in jahrhundertealten Kirchenbüchern gelesen habe, weil ich Handschriften aus der Schulzeit meines Onkels von den neuen Bewohnern des Hauses unserer Familie in Hetschigau Nr. 4 erhalten und mit ihnen unter dem Nussbaum meiner Großeltern bei Kaffee und Nusskuchen gesessen habe, weil ich Menschen beiderseits der Grenzen getroffen habe, die um Aussöhnung bemüht sind, weil ich Wunden heilen möchte, bevor Hass sie vernarben lässt und ganz einfach, weil ich es meinen Vorfahren und mir selbst in christlicher Verantwortung schuldig bin.

Als Ortsbetreuer von Hetschigau im Heimatbezirk Plan-Weseritz führe ich die Arbeit meiner familiären Vorgänger zum Erhalt der Egerländer Traditionen und gegen das Vergessen fort. Mögen uns die Gottesmutter Maria und die Großeltern Jesu auf unserem gemeinsamen Weg für ein friedliches Zusammenleben in Europa begleiten und altes Leid heilen helfen.

Dr. Reinhard Böhm, Ortsbetreuer von Hetschigau, gemeinsam mit Mgr. Petr Hruska, Pilsen