Bischof Wilmer: „Minderheit bedeutet nicht, bedeutungslos zu sein“
Vorsitzender der Bischofskonferenz predigte im Gottesdienst zur Verabschiedung von Bischof Timmerevers
Dresden. Mit einem Appel, Christus Raum zu geben, hat am heutigen Samstag, 5. September 2026, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Heiner Wilmer, die Christen in Ostdeutschland ermutigt, ihren Weg als Kirche weiterzugehen, trotz einer Diasporasituation. Aus Anlass des 25-jährigen Bischofsjubiläums von Bischof Heinrich Timmerevers und zugleich zu dessen Abschied als Bischof von Dresden sagte Bischof Wilmer im Gottesdienst in der Dresdner Kathedrale wörtlich: „Hier, wo 1989 die Kirche Raum gegeben hat, dass sich Freiheit ihren Weg bahnen kann, rufe ich Ihnen zu: Habt Mut! Sucht, wo Christus ist. Freut euch, im anderen Gott zu entdecken! Vertraut auf den Heiligen Geist! Die Kirche in Sachsen und Sachsen-Anhalt, in Thüringen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern, sie alle gemeinsam erleben: Ohne gesellschaftliche Selbstverständlichkeit zeigt sie die Liebe Gottes. Denn Minderheit bedeutet nicht, bedeutungslos zu sein.“
Bischof Wilmer rief zu einem unmissverständlichen Christusbekenntnis auf, auch in schwierigen Zeiten. „Der aufrechte Gang für Christus kann ein Verächtlichmachen bis hin zu spürbaren Nachteilen zu Folge haben. Aber er kann auch die Kraft haben, ein Land zu verändern. Wo vergessen wurde, dass Gott vergessen wurde, braucht es eine neue Sprache, um aus dem Suchen und Verstehen ein überzeugendes Antworten zu machen. Habt keine Furcht vor der Evangelisierung“, sagte Bischof Wilmer. Er fügte hinzu: „Wer davon überzeugt ist, dass Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, wird mit Worten und Taten auch andere davon überzeugen. Aber lasst uns nicht vergessen: Mut und Demut gehören zusammen. Wir verkündigen nicht uns, sondern Christus.“
Dabei erinnerte Bischof Wilmer auch an die politische Leistung, die der Osten vollbracht hat: „Oft sprechen wir von der Westbindung, unserer Geschichte mit Frankreich, Europa als Friedensprojekt. Nichts davon ist falsch. Aber zu unserer Wirklichkeit als Nation gehört auch, dass 1968, als die Bundesrepublik den ‚Muff unter den Talaren‘ entsorgte und Befreiung wollte, hier Panzer gen Prag rollten, um die Sehnsucht nach Freiheit zu unterbinden. Zur Wirklichkeit gehört auch, dass Kerzen ein System zu Fall brachten und heute Prag und Breslau für Deutschland ebenso nah sind wie Paris und Madrid. Unser Kontinent hat Frieden, wenn er Versöhnung lebt. Das gilt im Großen ebenso wie im Kleinen. Wer heute Christus offenbaren will, also in der Welt das Wahre, Gute und Schöne zeigen will, der schafft Begegnungen und Kompromisse, um beieinander zu bleiben.“
Bischof Wilmer warnte vor sich immer weiter aufbauenden Gegensätzen: „Wir brauchen kein verhärtetes Ost gegen West, kein Rechts gegen Links, kein Alt gegen Jung oder Christlich gegen Muslimisch. Sucht das Gute im anderen, weil in ihm Gott wohnt. Und vergebt, wo Fehler passiert sind. Es ist eure Freiheit, die Polarisierungen nicht weiterzutreiben, sondern Versöhnung zu stiften. Denn kein Staat kann Versöhnung von sich aus.“ Deshalb brauche es Menschen, die anderen sagen: „Ich vergebe und bitte um Vergebung.“ Und es brauche Orte, die Räume bieten, wo Freude und Hoffnung, Klage und Trauer Platz haben. Bischof Wilmer: „Wenn die Kirche so handelt, wird es Zeugen dieser Liebe geben. Wir werden sie in Vereinen und in der Nachbarschaft finden, aber auch in der Politik. Wo Menschen, die versöhnen überzeugen, werden sie Mehrheiten erhalten und die Pöbler von den Sitzen verdrängen. Diese Kirche wird mit einer solchen Haltung nicht zu einer Erzählung von gestern. Sie wird auch nicht im Jammertal versinken. Sondern sie wird zum Sauerteig dieses Landes. Weil sie inmitten der Fragilität der Freiheit Orientierung bietet.“