„Bei uns zählt jedes Kind, jede Stimme ist wichtig“
Interview mit Kapellknaben-Nachwuchsleiter Moritz Kube
Um auf hohem Niveau singen zu können, müssen Jahr für Jahr neue Jungen bei den Kapellknaben aufgenommen werden. Die Suche nach Talenten ist in Dresden eine besondere Herausforderung, weiß Nachwuchsleiter Moritz Kube.
Jeweils zwölf Jungen wurden zuletzt in den Konzertchor der Dresdner Kapellknaben aufgenommen - so viele, wie lange nicht. Das ist vor allem ein Verdienst von Moritz Kube, der sich seit Jahren um die jüngsten Sänger kümmert, seit August 2025 ist der gebürtige Hallenser Leiter der Nachwuchschöre, der erste in der mehr als 300-jährigen Geschichte der Kapellknaben.
Der 25-Jährige wurde mit Fünf in den Stadtsingechor Halle aufgenommen, stand als Knabe in der „Zauberflöte“ auf der Bühne der Oper Halle. Nach dem Besuch des Landesgymnasiums Latina August Hermann Francke studierte Kube an der Musikhochschule Dresden Lehramt für Grundschule mit dem Schwerpunkt Gesang. Im Interview erklärt er, welche Herausforderungen es beim Scouting von Sangestalenten gibt und was die Kapellknaben anders machen als andere Knabenchöre.
Herr Kube, ist es leicht oder schwer, Nachwuchs für einen Knabenchor wie die Dresdner Kapellknaben zu finden?
Leicht ist es auf jeden Fall nicht.
Woran liegt das?
Das gemeinsame Singen in den Familien hat nicht mehr den Stellenwert wie noch vor 20, 30 Jahren. Bei Jungs kommt hinzu, dass für viele Fußball die Freizeitbeschäftigung Nummer eins ist. Deshalb ist es wichtig, Räume zu schaffen, in denen wir die Kinder fürs Singen begeistern können.
Sind die geburtenschwachen Jahrgänge ein zusätzliches Problem?
In den Kindergärten ist es bereits zu spüren, auf die Knabenchöre kommt es erst noch zu. In den kommenden Nachwuchsjahrgängen haben wir bei den Kapellknaben jeweils 12 bis 15 Jungs, damit sind wir sehr zufrieden. Aber wir wissen, dass wir uns perspektivisch weiter anstrengen und investieren müssen.
Wie machen Sie das konkret?
Wir gehen Woche für Woche in Dresdner Kitas, um die Kinder frühmusikalisch zu fördern. Parallel dazu können sie bereits in die Angebote der Kapellknaben hineinschnuppern. In der ersten Klasse beginnt dann die Ausbildung hier im Kapellknabeninstitut mit den Kapellkäfern, in der zweiten Klasse sind es die Kapelllöwen, in der dritten Klasse der Nachwuchschor I und in der vierten Klasse der Nachwuchschor II. Wir besuchen auch Dresdner Grundschulen, scouten dort Gesangstalente. Erster Höhepunkt für sie ist der Auftritt beim Musical, bei dem in jedem Jahr ein anderer berühmter Komponist auf einer Zeitreise zu den Kapellknaben kommt. Bei den Aufführungen besuchen uns mehr als 1.000 Dresdner Schülerinnen und Schüler - das ist ein sehr großer Raum, um Kinder für Musik zu begeistern.
Die Kapellknaben sind ein katholischer Chor, der Anteil der katholischen Bevölkerung liegt in Dresden bei drei Prozent. Erschwert das die Talentsuche zusätzlich?
Mitunter ist bei Eltern, die konfessionell nicht gebunden sind, bei der ersten Kontaktaufnahme eine gewisse Zurückhaltung zu spüren. Doch das gibt sich meist, wenn sie mit ihren Jungs zu uns kommen. Dann spüren sie, dass hier ein sehr frischer Wind weht und der Spaß am Singen im Mittelpunkt steht. In unseren Nachwuchschören singen Kinder verschiedener Konfessionen und Religionen, getaufte und ungetaufte.
Das heißt, ein Kapellknabe muss nicht zwingend katholisch sein?
Nein, das ist keine Voraussetzung. Aber eine gewisse Offenheit sollten die Familien schon mitbringen, schließlich singen die Jungs später ja oft in Gottesdiensten. In den Gesprächen mit ihnen ist immer wieder faszinierend zu hören, welch unterschiedliche Vorstellungen sie von Gott haben. Dieser Glaube ist und bleibt das Verbindende bei den Kapellknaben.
Woran erkennt man eigentlich Gesangstalente? Müssen Sie vor allem den richtigen Ton treffen?
Nicht nur. Es geht auch darum, Spaß am und Begeisterung fürs Singen zu haben. Ob das da ist oder nicht, spürt man sehr schnell.
Was lernen künftige Kapellknaben in den Nachwuchschören neben dem Singen noch?
Zu Beginn ist es ein sehr spielerischer Zugang, der die Freude am gemeinsamen Singen weckt. Später kommen dann Musiktheorie in Kleingruppen und die individuelle Stimmbildung hinzu.
In Dresden gibt es die Besonderheit, dass mit dem Kreuzchor und dem Dresdner Knabenchor noch zwei weitere Ensembles auf hohem Niveau singen. Auch die werben um Nachwuchs. Was unterscheidet die Kapellknaben von den anderen Chören?
Wir verstehen uns als eine sehr lebendige Kapellknaben-Familie, als eine Gemeinschaft, in der jedes einzelne Kind zählt und jede Stimme wichtig ist. Und uns zeichnet eine große Nähe zum Konzertchor aus. Der Nachwuchs erlebt von Beginn an, was die größeren Jungs leisten. Deshalb besuchen wir zum Beispiel Aufführungen in der Semperoper, wenn Kapellknaben etwa bei Mozarts „Zauberflöte“ auftreten. Um die Jungs auf eine spätere Aufnahme in die Solistenklasse vorzubereiten, lernen sie früh, solistisch zu singen – etwa beim Nachwuchs-Musical oder bei Liederabenden.
Welche Angebote gibt es neben dem Proben noch bei den Kapellknaben?
Wer möchte, kann direkt nach der Schule ins Kapellknabeninstitut nach Striesen kommen. Es wird hier ein frisch gekochtes Mittagessen angeboten, man kann seine Hausaufgaben machen, zum Instrumentalunterricht gehen und Fußball spielen. Wir laden zu Sommerfesten ein und zu Filmabenden mit Übernachtung. Mit unserem Spiritual, Kaplan Michael Kreher, gehen wir mit den Nachwuchssängern in die Dresdner Kathedrale. Fußball-Mannschaften haben ein Heimstadion, für uns ist es die ehemalige Hofkirche. Die Jungs sollen erfahren, welche Geschichten diese Kirche erzählt und was sie mit dem Chor verbindet.
Schnupperproben werden immer mittwochs ab 17.15 Uhr im Kapellknabeninstitut (Wittenberger Straße 88, Dresden-Striesen) angeboten. Anmeldungen sind möglich per Mail an nachwuchs@kapellknaben.de, über die Website kapellknaben.de oder telefonisch unter 0351 3100060.
Der Nachwuchstag findet in diesem Jahr am 18. April von 10 bis 14 Uhr im Kapellknabeninstitut statt.