"Darauf freue ich mich im neuen Jahr"
Kapellknaben-Leiter Christian J. Bonath im Gespräch
Dresden. Ein ereignisreiches Jahr 2025 liegt hinter den Dresdner Kapellknaben. Chorleiter Christian J. Bonath blickt auf die Höhepunkte zurück und erklärt, welche Herausforderungen warten und wofür er dankbar ist.
Herr Bonath, zum Jahreswechsel hält man Rückschau auf die vergangenen zwölf Monate. Wie blicken Sie auf das Jahr 2025 mit den Dresdner Kapellknaben zurück?
Vor allem mit sehr viel Dankbarkeit für alle, die dazu beigetragen haben, dass der Chor so wunderbar gesungen hat. Da sind natürlich in erster Linie die Jungen selbst, die wahnsinnig viel geleistet haben – nicht nur bei den großen Konzerten wie Mozarts Requiem, Bachs Johannespassion, Händels Messiah oder Mendelssohns Elias, den CD-Aufnahmen und den Orchestermessen bei den Festgottesdiensten. Ich möchte hier mal eine Zahl nennen, die das Pensum deutlich macht: Zwischen dem ersten und vierten Advent hatte der Chor allein 15 Auftritte. Dankbar bin ich auch den Eltern, die das alles mit großer Ausdauer und Geduld mittragen, die ihre Kinder zu den Proben und Konzerten fahren, mit ihnen Hausaufgaben in den Abendstunden machen, weil sonst keine Zeit dafür bleibt. Und da ist nicht zuletzt das tolle Team im Kapellknabeninstitut, das sich mit großem Einsatz um die Ausbildung der Kinder kümmert. Auf all das blicke ich voller Demut und Ehrfurcht.
Gab es für Sie einen persönlichen Höhepunkt?
Einem Papst zu begegnen, ist immer etwas ganz Besonderes – vor allem dann, wenn es so spontan war wie in unserem Fall. Als wir im Rahmen der Bistumswallfahrt im Herbst zusammen mit zehntausenden anderen Gläubigen zur Generalaudienz auf den Petersplatz kamen, wurden wir unerwartet gebeten, für die Menschen zu singen und durften im Anschluss Papst Leo XIV. persönlich begegnen. Was mir dabei aufgefallen ist: Es heißt, dass Kirche im Leben der jungen Menschen immer mehr an Bedeutung verliert. Ich habe Kapellknaben erlebt, die dem Papst mit großem Staunen und großer Ehrfurcht begegnet sind. Musikalisch war für mich der Elias von Felix Mendelssohn Bartholdy das Highlight. Dieses Meisterwerk in dieser Qualität in einer bis auf den letzten Platz gefüllten Kathedrale aufführen zu können, zeigt, dass der Mut, Dinge zu verändern, belohnt wird.
Sie leiten als Domkapellmeister seit 1. September 2022 die Kapellknaben. Wenn man die Zeitspanne der Rückschau etwas größer fasst: Wie hat sich der Chor seitdem entwickelt?
Zunächst einmal merke ich, dass der Chor anders wahrgenommen wird als noch vor drei Jahren. Inzwischen können mehr Menschen mit dem Namen Kapellknaben etwas anfangen, wir werden ernst genommen. Die Resonanz bei den Konzerten ist großartig - nicht nur was die Anzahl der Besucher betrifft. Zum anderen spüre ich, dass das Lerntempo der Jungs angezogen hat. Dadurch ist es möglich, anspruchsvolle Chorwerke in kurzer Zeit in hoher Qualität einzustudieren. Nicht zuletzt deshalb sind wir für Partner interessant geworden, wie das Engagement unserer Solisten in der Semperoper zeigt.
Sie legen sehr großen Wert auf die solistische Ausbildung der Knaben. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Bei uns gilt das Motto: Jeder Sänger ist ein Solist – der eine ein bisschen mehr, der andere ein bisschen weniger. Je besser die Qualität der Einzelstimmen ist, umso mehr profitiert der Chor davon. Deshalb investieren wir sehr viel in die individuelle Stimmbildung, haben eine Solistenklasse. Und natürlich macht es auch etwas mit den Jungs selbst, wenn sie bei der Zauberflöte oder Tosca auf der Bühne der Semperoper stehen und sehen, wie professionell dort gearbeitet wird.
Nun beginnt das Jahr 2026. Welche Schwerpunkte legen Sie in den kommenden zwölf Monaten?
Einer wird durch unsere große Tradition gesetzt: Carl Maria von Weber, dessen 200. Todestag wir 2026 feiern, stand einst auf der Empore der Hofkirche und hat die Kapellknaben dirigiert. Seine beiden Messen, die er in Dresden komponiert und hier uraufgeführt hat, werden wir zu Ostern und Weihnachten singen. Nach dem großen Erfolg des Elias folgt 2026 das Schwester-Oratorium, auf den Paulus freue ich mich schon jetzt. Daneben werden wir erneut der Zerstörung Dresdens 1945 mit einem Konzert gedenken, bei der das Requiem von Gabriel Fauré erklingt. Im März folgt mit Stabat mater von Giovanni Battista Pergole eines der bekanntesten Werke des 18. Jahrhunderts. Bei Bachs Johannespassion im Juni gehen wir diesmal neue Wege, verknüpfen die Aufführung unter der Regie von Till Krabbe mit szenischen Lesungen, die an die Protokolle des Prozesses im Januar 1945 gegen die Märtyrer Alfred Delp und Helmuth James Graf von Moltke angelehnt sind. Mit diesem Konzert werden wir auch in der Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale gastieren. Unsere Heimat bleibt aber natürlich unsere Kathedrale in Dresden - und die Gestaltung der Gottesdienste auch 2026 die Hauptaufgabe des Chores.
Deutschlandweit wird die Nachwuchsgewinnung bei den Knabenchören, so ist zu hören, eine immer größere Herausforderung, Wie sieht es bei den Kapellknaben aus?
Nicht anders, was allein daran liegt, dass immer weniger Kinder geboren werden. Wir als katholischer Chor spüren zudem die zunehmende Säkularisierung. Und in Dresden kommt hinzu, dass es in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern drei Knabenchöre gibt. Das ist deutschlandweit einmalig. Zum Vergleich: In Hamburg und München, beides Millionenstädte, sind zwei Chöre beheimatet. Der Kreuzchor und der Dresdner Knabenchor haben zudem als städtische Chöre einen leichteren Zugang zu den kommunalen Schulen als wir, um Nachwuchssänger zu casten. Aber wir haben uns der Herausforderung gestellt und erstmals in der Geschichte der Kapellknaben einen hauptamtlichen Nachwuchsleiter eingestellt. Im Februar werden wir zwölf neue Jungs in den Chor aufnehmen, sie feierlich einkleiden. Darauf sind wir sehr stolz, weil es zeigt, dass die intensive Arbeit in diesem Bereich Früchte trägt. Einfacher wird es in Zukunft jedoch nicht, deshalb müssen wir da weiter investieren und den Menschen in Dresden und der Region erzählen, was uns von den anderen Chören unterscheidet.