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Bistum Dresden Meissen
13. September 2021

Ruhe in Frieden?

Podcast mit Prof. Dr. Benedikt Kranemann über den liturgischen Umgang mit Missbrauchstätern und -opfern in der katholischen Kirche

Dresden. Die neue Folge des Podcasts der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen widmet sich der Frage, wie mit Missbrauchstätern und -opfern in der katholischen Kirche aus liturgischer Perspektive umgegangen werden sollte. Anlass ist der Fall des 1971 verstorbenen Pfarrers Herbert Jungnitsch aus der Gemeinde St. Georg in Heidenau. Die Gemeinde diskutiert aktuell darüber, was mit dem Grab des Priesters geschehen soll, von dem mindestens vier Fälle sexueller und körperlicher Gewalt gegen Kinder bis hin zu sexuellem Missbrauch bekannt sind.

Im Mittelpunkt müssen immer zuerst die Opfer stehen

Benedikt Kranemann, Professor für Liturgiewissenschaft an der Universität Erfurt, stellt im Podcast die Frage, wie mit den Missbrauchstätern in der katholischen Kirche, die in den meisten Fällen Priester sind, liturgisch zu verfahren ist. Konkret geht es darum, ob es für diese Täter nach ihrem Tod überhaupt ein kirchliches Begräbnis geben darf und wie dieses konkret aussehen könnte. Kranemann mahnt, es dürfe „keine liturgische Praxis im Umgang mit Missbrauchstätern geben, über die nicht mit Blick auf die Opfer und am besten im Gespräch mit ihnen entschieden wird“. Im Mittelpunkt müssten „immer zuerst die Opfer und die Sorge um sie“ stehen.

Verschiedene Weisen des Umgangs mit Tätern in der Geschichte

Kranemann lenkt den Blick auf zwei konträre Weisen, wie in der Geschichte der Kirche mit schuldigen Personen und ihrem Andenken liturgisch umgegangen wurde. Zum einen verweist er auf die Praxis der sogenannten damnatio memoriae, deren Ziel es war, die Erinnerung an die betreffende Person etwa durch Streichung von Namensnennungen oder Verbrennung von Schriften gezielt auszulöschen. Daneben existierte Kranemann zufolge aber auch die Praxis der Begleitung von Straftätern, bei der es um die Einsicht und Umkehr von oftmals zum Tode verurteilten Personen gegangen sei. Beide Weisen des Umgangs stünden, so Kranemann, im Kontext des Missbrauchs in der katholischen Kirche auch heute zur Diskussion.

Abwägen liturgischer Handlungsoptionen unter Einbezug der Opferperspektive

Mit Blick auf bereits verstorbene Missbrauchstäter gibt es laut Kranemann eine Vielzahl liturgischer Handlungsoptionen, die stets im konkreten Fall und unter Einbezug der Opferperspektive abzuwägen seien. Eine vollständige damnatio memoriae der Täter hält er jedoch für problematisch. Mit einem solchen „Schlussstrich“ lasse sich, so Kranemann, die Geschichte des Missbrauchs in der katholischen Kirche nicht beenden; vielmehr müsse diese Geschichte „als Mahnung und Warnung in Erinnerung gehalten“ werden. Er gibt zudem zu bedenken, dass durch das Streichen der einzelnen Täter aus dem kollektiven Gedächtnis auch die Rolle von Mittätern und institutionellen Machtstrukturen aus dem Blick gerate. Diese müsse aber weiter aufgearbeitet werden.

Die gesamte Podcast-Folge können Sie hier hören:
https://lebendig-akademisch.podigee.io/118-ruhe-in-frieden

Der Podcast „Mit Herz und Haltung“

Im Podcast „Mit Herz und Haltung“ der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen nehmen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sowie Expertinnen und Experten verschiedener Fachdisziplinen Stellung zu den wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und kirchlichen Fragestellungen. Neue Folgen erscheinen in regelmäßigen Abständen auf Spotify, Deezer, Apple Podcasts, YouTube sowie auf den Websites der Akademie (www.lebendig-akademisch.de) und des Bistums (www.bistum-dresden-meissen.de).

Kurzbiografie

Prof. Dr. Benedikt Kranemann studierte katholische Theologie, Germanistik und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nach seiner Promotion (1989) und Habilitation (1994) im Fach Liturgiewissenschaft war er Leiter der wissenschaftlichen Bibliothek des Deutschen Liturgischen Instituts in Trier, wo er zugleich als Dozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät lehrte. Seit 1998 ist er Professor für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und leitet das dort ansässige Theologische Forschungskollegs.